Motocross

Max Nagl fährt mit Räikkönens Maschine vorneweg

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Matthias Brzezinski

Foto: imago sportfotodienst / imago/Belga

Max Nagl startet als WM-Spitzenreiter beim Grand Prix von Deutschland in Teutschenthal. Sein Team gehört dem Formel-1-Piloten.

Leo ist zwölf Jahre alt und hält fast ehrfürchtig ein Basecap mit der Nummer 12 in den Händen. Leo fährt Motocross, hat ein Vorbild – und dessen Autogramm ziert die Schirmmütze. Leo ist glücklich und Max Nagl ist es auch. Die Frage, ob er als Vorbild tauge, bringt den 27 Jahre alten Weltklasse-Motocrosser beim Saisonauftakt des ADAC-Cup in Fürstlich-Drehna zum Nachdenken. „Ich weiß es nicht so genau, aber für meinen kleinen Sohn Mason möchte ich schon eines sein“, sagt der Husquarna-Pilot, der grundsätzlich nationale Rennen als „echten Test für die WM“ betrachtet.

Drei Monate später dürfte Leo noch ein bisschen stolzer sein, denn Nagl ist Spitzenreiter in der WM-Gesamtwertung und am Sonnabend und Sonntag beim Deutschland-Grand-Prix in Teutschenthal (bei Halle/Saale) der Mann, den es zu schlagen gilt. Rund 35.000 Zuschauer werden erwartet, und sie sollten den Talkessel, Nagls Lieblingsstrecke, zum kochen bringen. „In Teutschenthal stimmt für meinen Fahrstil alles. Streckenverlauf, Sprünge und dazu die super Stimmung sind einmalig. Die Fans stehen sehr nah an der Strecke.“

Vater im Rollstuhl

Ziemlich einmalig ist auch die Konstellation, die Max Nagl auf ein Motocross-Motorrad gebracht hat. Vater Hubert, Chefkoordinator der deutschen Motocross-Nationalmannschaft ist nach einem Motocross-Unfall, drei Jahre vor Max’ Geburt, querschnittsgelähmt. „Das war aber nie ein Thema im Sinn einer Behinderung. Ich kenne meinen Vater nur im Rollstuhl und ich kenne ihn nur aktiv. Und was er nicht kann oder konnte, das wird an der Strecke gemeinsam mit Freunden erledigt. Das war immer so“, hakt der gebürtige Weilheimer mit Wahl-Wohnsitz in Lommel/Belgien das Handicap des Seniors ab.

Irgendwie folgerichtig feierten Vater und Sohn, der seit seinem zehnten Geburtstag Motocross fährt, dann auch den größten sportlichen Erfolg gemeinsam. Bei der Team-WM 2012 (in Lommel!) gewann Max Nagl an der Seite von Ken Roczen (Einzelweltmeister 2011) und Marcus Schiffer den Titel. Zum ersten Mal in der 66-jährigen Geschichte des „Motocross of Nations“ wie die Team-WM offiziell heißt. „Mein Vater hatte uns perfekt eingestellt. Schon in der Qualifikation haben wir den anderen den Nerv gezogen. Ich wurde in der großen Klasse (MX1, d. R.) Zweiter, Roczen in der kleinen (MX2) Erster und Schiffer in der Open-Kategorie Siebter. Nicht mal die Amerikaner, die zuvor sieben Titel hintereinander geholt hatten, konnten uns stoppen“, erinnert sich der momentan mit 30 Zählern Vorsprung vor Achtfach-Champion Antonio Cairoli (Italien) in der Weltmeisterschaft führende Nagl.

Pokal als Blumenvase

Zum Team Nagl gehören neben Max und Vater Hubert auch Partnerin Sabrina und Söhnchen Mason (sechs Monate). Und das Team gehört dem Formel-1-Piloten Kimi Räikkönen! „Max hat mich überzeugt, weil er immer kämpft, egal ob auf Rang eins oder auf 28. Er ist nie nervös, gut organisiert und hat sich immer weiter entwickelt“, sagt der 35 Jahre alte Formel-1-Teamkollege von Sebastian Vettel und Ex-Teamkollege von Michael Schumacher bei Ferrari. Der Finne, der sich auf seiner Web-Site (www.kimiräikkönen.com) auch in Motocross-Montur zeigt, leistet sich das Team „IceOne Racing“ seit 2011. Wenn es sein Terminkalender zulässt, ist er auch bei Rennen dabei. „Max profitiert von seiner enormen Erfahrung, weil er harte Zeiten durchgemacht hat. Deswegen hoffe ich für ihn und natürlich für mich, dass es mit dem Weltmeister-Titel in diesem Jahr klappt“, hofft Raikkönen auf maximalen Erfolg.

Träfe das zu, gäbe es einen Pokal. Ein Thema, mit dem Max Nagl absolut pragmatisch umgeht: „Es gibt zwei Sorten von Pokalen. Die, die ihren Platz auf dem Dachboden haben und die, die sich als Blumenvase eignen. Welche das sind, bestimmt Sabrina.“ An seinem Team-Boss schätzt Nagl, „dass er sich in die sportliche Seite nicht einmischt. Er vertraut uns und akzeptiert unsere Entscheidungen.“

Motorrad statt Geige

Einen Wesenszug teilt Nagl mit dem Formel-1-Weltmeister von 2007. Beide gehören zu dem Menschenschlag, der sich grundsätzlich nicht über Dinge aufregt, die sich von selbst regeln. „Ich glaube ganz einfach, dass man für sich rausfinden muss, womit man sich beschäftigen will. Was darüber hinausgeht ist Ballast“, sagt Nagl, setzt aber schnell hinzu: „Das soll jeder für sich entscheiden.“

Also beschäftigt sich der achtmalige Grand-Prix-Sieger, der vor seiner Motorrad-Karriere mal kurz daran dachte, Geigeunterricht zu nehmen, mit dem Rennen in Teutschenthal. „Natürlich steigt der Druck beim Heimspiel. Aber bisher ist die Saison richtig gut für mich gelaufen, warum soll es nicht so weitergehen?"