American Football

Cam Newton, Amerikas neuer Superheld

Newton, Quarterback der Carolina Panther, hat das Zeug zum epochalen Star. Am Sonntag spielt er im Super Bowl gegen die Denver Broncos.

Cam Newton, der überragende Spielmacher der Carolina Panthers

Cam Newton, der überragende Spielmacher der Carolina Panthers

Foto: Erik S. Lesser / dpa

Washington.  Jubelarien und Überlegenheitsgesten nach gelungener Ballschlepperei in die Endzone gehören zum American Football wie Hotdogs und dünnes Bier. Aber niemand in der National Football League (NFL) freut sich so aufreizend, selbstverliebt und ausgiebig wie Cam Newton.

Der 26 Jahre alte Quarterback der Carolina Panthers füllt auf Internetvideoportalen wie Youtube mit seinem vor Lebensfreude strotzenden Dab Dance aus seiner Heimat Georgia viele Gigabyte.

Vor dem Super Bowl, dem Endspiel um die Meisterschaft am Sonntagabend in Santa Clara/Kalifornien gegen die Denver Broncos redet sich das Football-verrückte Amerika auch darüber die Köpfe heiß (Beginn 0.30 Uhr MEZ, Sat.1 zeigt ab 23.15 Uhr Vorberichte).

Antritt eines 100-Meter-Läufers

Die Panthers unter Trainer Ron Rivera haben in dieser Saison fast jeden Gegner gerissen wie ein Reh, 17:1-Siege lautet die Bilanz. Hervor stach dabei besonders Newton, 1,96 Meter groß, 111 Kilogramm schwer und trotzdem mit dem Antritt eines 100-Meter-Läufer gesegnet.

Und ungewöhnlich in seine Rolle als Regisseur hat er das braune Kunststoff-Ei bei insgesamt 45 Touchdowns zehn Mal eigenhändig an den Sehnsuchtsort transportiert. Seine mannschaftsdienlichen Ego-Trips, auf denen er sich den Ball unter den Arm klemmt, den Verteidigern davon oder einfach um sie herum rennt, gehören mit zum Schönsten, was Football in Amerika gerade zu bieten hat.

Lebensfreude oder Provokation?

Dass Newton seine Gegner gern mit halsbrecherischen Stuntman-Sprüngen düpiert und später mit einem strahlenden Zahnpasta-Lächeln betanzt, hat unter Puristen eine Stil-Debatte ausgelöst. „Unreif und provokativ“, nannten an den Schläfen ergraute Kommentatoren des Sportkanals ESPN die Showeinlagen und forderten Newton zur Mäßigung auf. Passend zum Spaßbremser-Ruf der Liga, über die es heißt, NFL stehe eher für No Fun League.

Formatierte Freude war aber für Newton noch nie eine Option. Er hat diebische Freude daran, seinen Sport anstrengungslos und elegant aussehen zu lassen. Wenn er sich nach siegreichen Spielzügen wie der Comic-Held Superman an die Brust greift und so tut, als würde er sich gleich das Trikot aufreißen, schlagen nicht nur Teenager-Herzen höher.

Seine Großmäuligkeit erinnert an Muhammad Ali

Seine Entgegnung an die Kritiker erinnerte an die selbstbewusste Großmäuligkeit von Jahrhundert-Sportlern wie Muhammad Ali oder Carl Lewis: „Wenn euch das nicht gefällt, dann sorgt doch dafür, dass ich nicht in die Endzone komme.“ Als wäre das so einfach.

Wenn Cam Newton nicht zu einem seiner butterweichen bis beinharten Präzisionswürfe auf Lieblings-Passempfänger Ted Ginn Jr. ansetzt, sondern die Arbeit persönlich erledigt, schnüren gestandene Linebacker den Helm enger. Der Mann ist ein intelligentes Torpedo. Immer auf maximale Zerstörung aus. Ganz gleich wie sich die Defensivreihe vor ihm einrichtet: Ein Newton sprengt sich den Weg frei.

120 Millionen Dollar bis 2021

Auch darum ist ihm der Titel des wertvollsten Spielers (MVP) in dieser Saison so gut wie sicher. Peyton Manning (39) sein legendäres Gegenüber bei den Broncos, der am Sonntag wohl sein letztes Endspiel vor dem Karriereausklang erlebt, sieht in Newton bereits das prägende Gesicht der NFL in den „nächsten zehn Jahren“.

Zu den Topverdienern gehört er bereits. Sein Vertrag in North Carolina sichert ihm knapp 120 Millionen Dollar über fünf Jahre. Allein durch Werbe-Einnahmen kamen 2015 noch mal elf Millionen oben drauf. In den Rankings der 3500 einflussreichsten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Show und Sport liegt Newton unter den ersten 100.

Gerade junge Leute, hat eine Marketing-Agentur herausgefunden, fühlen sich durch die extrovertierte und unverstellt fröhliche Persönlichkeit des frischgebackenen Vaters inspiriert. „Das hier ist nicht das Leben, sondern ein Spiel“, pflegt Newton über seinen Broterwerb zu sagen, „das ist nicht die Regierung oder das Militär, das ist alles andere als ernst.“

Cam Newton betont seine afroamerikanische Herkunft

Anderen geht diese leicht in Überheblichkeit abgleitende Lockerheit auf die Nerven. Als Newton und seine Langzeit-Partnerin Kia Proctor ihren an Weihnachten 2015 geborenen ersten Sohn Chosen Sebastian tauften, schüttelte ein Teil des Publikums den Kopf. „Der Auserwählte“ (The Chosen One) war bisher allein LeBron James. Der weltbeste Basketballprofi hatte sich den Titel einst übers breite Kreuz tätowieren lassen.

Cam Newton lässt sich von Nörglern aber nicht beeindrucken. „Ich bin ein afroamerikanischer Quarterback. Das macht den Leuten Angst, weil sie nichts haben, mit dem sie mich vergleichen können“, eröffnete er jüngst eine Debatte, die in den USA ungern geführt wird: Hat die Kritik an ihm rassistische Untertöne? Wird er deshalb angefeindet, weil er mit Russell Wilson von den Seattle Seahawks der zurzeit einzige erfolgreiche schwarze Quarterback in der NFL ist?

Über den wichtigsten Mitspieler gibt es einen Hollywood-Film

Newton will sich nicht in diese Kategorien pressen lassen. Er hat seine Lektion früh gelernt. Vor dem Durchbruch bei den Panthers war ihm an der Universität von Florida der überragende Tim Tebow vor die Nase gesetzt worden.

Newton wurde unvorsichtig, kaufte von einem Kommilitonen einen geklauten Laptop, wurde suspendiert, tauchte an einem unbedeutenden College in Texas unter und erst 2010 als Gewinner der begehrten Heisman Trophy für den besten College-Spieler in Alabama wieder auf. „Ich war fast abgeschrieben“, sinnierte er kürzlich in einem Interview, „darum bin ich so froh, wo ich jetzt gemeinsam mit der Mannschaft stehe.“

Newton ist der unangefochtene Kopf seines Teams. Aber ohne Leute wie Michael Oher wäre er ein Niemand. Der Koloss ist Newtons Bodyguard auf dem Feld, schützt ihn vor gegnerischen Angreifern wie ein rohes Ei. Dass der 29-Jährige seinen zweiten Super-Bowl-Ring erreichen kann (nach dem Sieg mit den Baltimore Ravens 2012), ist keine Selbstverständlichkeit.

Koloss Michael Oher beschützt den Star-Quarterback

Oher kennt jeder Amerikaner. Seine wahre Geschichte, die eines schwarzen Jungen aus den Slums von Memphis, den eine reiche, weiße Gesellschaftsdame vor Armut und Elend bewahrt, wurde von Michael Lewis („The Big Short“) aufgeschrieben und später in „The Blind Side“ mit Oscar-Preisträgerin Sandra Bullock verfilmt. Oher, ein stiller Gigant, war zuletzt in der Versenkung verschwunden.

Bis Newton ihm, auf Empfehlung seines Bruders, eine Text-Mitteilung sendete. „Ich brauche dich. Ich will dich nicht. Ich BRAUCHE dich.“ Oher unterschrieb umgehend bei den Panthers. Seither hält er Newton den Rücken frei. Und wer weiß, vielleicht tanzen beide am Sonntag gemeinsam den Dab-Dance.