Manchmal sind es eigenartige Dinge, die einen zurückwerfen können. Drei Monate musste Lucas Liß vergangenes Jahr einrücken. Als Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr steht eben auch mal Dienst auf dem Plan. Beim Marschieren verletzte er sich dann an der Achillessehne. Um einen Monat warf ihn das im Training zurück. Das wirkt bis heute nach.

Ganz fit ging der Radprofi dadurch nicht in den Bahn-Winter. „Aber langsam knüpfe ich wieder an meine Leistung an“, sagt Liß. In Bremen beim Sechstagerennen hatte er gerade Pech, dass sein Partner krank wurde. In Berlin soll es jetzt mit Andreas Müller an der Seite besser werden. Obwohl die ersten Tage nicht so gut liefen. „Die Beine sind etwas schwer, aber ich denke, das wird sich in den nächsten Tagen erledigen.“

SMS von der Mutter

Rückschläge wegstecken, das kann Liß. Das Sechstagerennen im Velodrom stellte ihn diesbezüglich vergangenes Jahr vor die größte Herausforderung. In der vorletzten Nacht erreichte ihn eine SMS seiner Mutter Barbara, er solle sich zu Hause melden, es sei etwas passiert. Dann erfuhr er, dass sein Vater Lucjan mit 64 Jahren plötzlich gestorben war. Eine Woche konnte er danach nicht aufs Rad steigen. Doch lediglich drei Wochen später wurde Liß in Paris Weltmeister im Scratch.

Unheimlich viel ist passiert im Jahr 2015 bei Lucas Liß, die ganze Palette an Emotionen erlebte er. Ohne viel reflektieren zu können. „Das ist sehr schwer. Ich habe bisher nicht zurückgeblickt. Momentan habe ich ein Ziel vor Augen, dafür stehe ich jeden Tag auf“, sagt Liß. Alles dreht sich bei ihm um den Start bei den Olympischen Spielen.

Wie der Vater mit 23 Weltmeister

Mit seinem Vater hat er darauf hingearbeitet. Er war sein Trainer, sein Manager. Mit 23 Jahren wurde Lucjan 1973 Weltmeister mit dem polnischen Straßenvierer. Mit 23 gewann Lucas seinen ersten WM-Titel. „Es fühlt sich komisch an, hier in Berlin zu fahren“, sagt Lucas. Die Ereignisse aus dem vergangenen Jahr leben noch einmal auf. Zur letzten Nacht trat er damals nicht mehr an.

Sein Vater hatte es 1972 zu den Olympischen Spielen geschafft, gewann mit dem Straßenvierer im Mannschaftszeitfahren damals die Silbermedaille. Diese erfolgreiche Familiengeschichte will Lucas fortschreiben. Doch das wird nicht einfach. Für die Ausdauerathleten hält Olympia nur das Omnium bereit, einen sechsteiliger Mehrkampf. Mit nur einem Startplatz pro Nation.

Mit Roger Kluge (Eisenhüttenstadt) Maximilian Beyer (Berlin) gibt es starke Konkurrenz. Vielleicht zeigt die Weltmeisterschaft in London Anfang März, wer den Vorzug erhalten könnte. „Es hängt davon ab, wem Bundestrainer und Sportdirektor mehr zutrauen“, erzählt Liß. Für die WM nominiert zu werden, sieht er nicht als große Hürde als Titelverteidiger. Obwohl Kluge beim Weltcup in dieser Saison im Omnium als Zweiter die beste Platzierung errang. Liß hat einen achten Rang zu bieten, Beyer einen elften.

Am Anschluss in Kopenhagen

Liß gibt sich entspannt im Velodrom, selbstsicher. In den Rennpausen schlendert er gern in den Innenraum, plaudert gelegentlich mit ein paar Damen. In Bremen konnte Liß einige Zeitfahrwettbewerbe gewinnen, die Form kommt also langsam. „Ich denke, dass wir eine gute Platzierung herausfahren können, wenn keine Stürze oder Krankheiten passieren“, erzählt der Bergkamener, der nach dem Start in Berlin noch beim Sechstagerennen in Kopenhagen fährt.

Trotz seiner Zuversicht weiß der 24-Jährige, dass die schwierigen Umstände schon ein Ballast für ihn sind. „Wenn es nicht klappen sollte mit Olympia, wäre ich sehr enttäuscht. Ich bereite mich seit vier Jahren darauf vor“, erzählt Liß. In jedem Fall wird er mit dem Marschieren vorsichtiger sein. Das soll ihm nicht noch einmal zum Verhängnis werden. In der unmittelbaren Olympiavorbereitung wäre aktiver Dienst bei der Bundeswehr ohnehin kein Thema.