Handball

Wolff hat sein Revier im Griff

Bei der Handball-EM in Polen erweist sich Torwart Andreas Wolff als großer Rückhalt der deutschen Mannschaft.

Andreas Wolff hatte großen Anteil am Erfolg gegen Schweden

Andreas Wolff hatte großen Anteil am Erfolg gegen Schweden

Foto: Maciej Kulczynski / dpa

Breslau.  Viel geschlafen hat Jannick Kohlbacher in der Nacht von Montag auf Dienstag nicht. Der Grund war sein Zimmergenosse Andreas Wolff. „Der ist 24 Stunden am Erzählen“, verrät der Handball-Nationalspieler. Nach dem 27:26 gegen Schweden hatte der 1,98 Meter große Torhüter besonders viel Redebedarf. „Ich hatte noch so viel Adrenalin von dem Spiel übrig“, sagt Wolff.

13 Paraden, 42 Prozent gehaltene Bälle

In alle Himmelsrichtungen hatte der 24-jährige Euskirchner seine Gliedmaßen gestreckt und mit 13 Paraden und einer Quote von 42 Prozent gehaltenen Bällen zum ersten Sieg seiner Mannschaft bei der Europameisterschaft in Polen beigetragen. „Bis ein oder zwei Uhr hat er geredet, dann war der Akku leer“, erzählt Kohlbacher.

Er kennt das schon, genau wie Steffen Fäth, der gespielt genervt die Augen verdreht. „Ich will gar nicht wissen, was die abends machen, aber ich wohne im Nebenzimmer, da ist das kaum zu überhören“, sagt er. Alle Drei spielen bei der HSG Wetzlar, wo Wolff seit 2013 unter Vertrag steht. In Hessen ist er in den vergangenen Jahren zum Nationaltorhüter gereift. Ab der kommenden Saison steht Wolff gar beim Rekordmeister THW Kiel unter Vertrag.

Viel abgeschaut von einem Spanier

Großen Anteil an seiner Entwicklung hatte José Hombrados. Der spanische Torhüter stand mit kurzer Unterbrechung von 2013 und 2015 bei der HSG zwischen den Pfosten. „Er hat mir unheimlich viel beigebracht, vor allem mental“, sagt Wolff. „Er ist so ein ruhiger Torhüter, das versuche ich, so gut es geht, auch umzusetzen.“

Seine emotionalen Impulse versucht Wolff gezielt einzusetzen, um die Mannschaft zu motivieren. Gegentreffer nimmt er gelassener als noch vor einigen Jahren, als er sich über jeden Ball, bei dem er hinter sich greifen musste, maßlos ärgerte. Diese Veränderung ist auch seinem früheren Trainer Gottfried Kunz aufgefallen. Der Trainer des TV Kirchzell holte den damals 16-Jährigen in sein Team, da der zwar für die Aufnahme am Handball-Leistungszentrum Großwallstadt gut genug war, die Familie die Internatskosten aber nicht stemmen konnte.

Die Mutter eines anderen Spielers kochte für ihn

In dem Ort mit 1500 Einwohnern stellte Kunz ihm eine Wohnung. Zudem erklärte sich die Mutter eines anderen Spielers bereit, für den Jugendlichen zu kochen. „Das macht ja auch nicht jeder, dass er sein Elternhaus verlässt und 300 bis 400 Kilometer weiter in unser Kaff zieht“, sagt Kunz.

Jeder macht das sicherlich nicht, aber ungefähr zehn Jahre zuvor ging ein anderer Handballtorhüter den gleichen Weg: Carsten Lichtlein, 35, spielte in Kirchzell, bevor er wie Wolff den Sprung zum TV Großwallstadt schaffte. In der „Kärchzeller-EM-Gruppe“ tauschen sich die Drei während der EM über WhatsApp aus.

Früher machte der aufmüpfige Junge seinem Trainer Sorgen

Bislang hat Gottfried Kunz vor allem das Daumen-hoch-Symbol an Wolff versendet. Das war aber nicht immer so: „Früher war er sehr aufmüpfig, schon mit 16 Jahren hat er gemeint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben“, erzählt der 59-Jährige. Die Worte: „Andi. Kabine!“, seien des Öfteren gefallen, denn vor versammelter Mannschaft habe der Jungspund sich kaum etwas sagen lassen.

Heute wirkt Wolff eher zurückhaltend, fast devot, vor allem, wenn es um seine Ansprüche im deutschen Tor geht. Zweimal hat Bundestrainer Dagur Sigurdsson den 24-jährigen Wolff bislang für Lichtlein eingewechselt. Sowohl gegen Spanien als auch noch viel mehr gegen Schweden wusste Wolff zu überzeugen. „Es kann gut sein, dass er morgen anfängt“, sagte Sigurdsson in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Slowenien (17.05 Uhr, ZDF).

Kein Problem damit, wenn Lichtlein startet

Wolff allerdings hat gar keinen Bedarf an einer Veränderung der bewährten Taktik: „Dass Carsten anfängt, hat doch bislang gut funktioniert. Von mir aus können wir das beibehalten.“ Noch ist der EM-Debütant bei Einsätzen mit der Nationalmannschaft nämlich enorm nervös. Kunz rät auch dazu, Lichtlein starten zu lassen. „Er ist einfach der Erfahrene, außerdem schmort Andi auf der Bank und wird immer heißer, je länger das Spiel dauert.“

Den Vorteil am unterfränkischen Torhütergespann sieht Kunz darin, dass man beide von der Bank kommen lassen kann. „Silvio Heinevetter hat sich damit immer schwer getan“, glaubt er. Den Füchse-Torhüter hatte Sigurdsson dieses Mal zu Hause gelassen. Bei der WM 2015 in Katar war es noch umgekehrt, da strich der Bundestrainer Wolff wenige Stunden vor dem Auftaktspiel aus dem Kader. „Das war nicht leicht, die Mannschaft spielen zu sehen und nichts dazu beitragen zu können“, sagt Wolff.

Ein Punkt genügt für Erreichen der Hauptrunde

Bei der EM hat er schon einen großen Beitrag geleistet. Gegen Slowenien kommt es wieder auf eine gute Torhüterleistung an. Gewinnt die deutsche Mannschaft oder spielt Unentschieden, steht sie in der Hauptrunde. Bei einer Niederlage muss Spanien gegen Schweden gewinnen (20 Uhr, sportdeutschland.tv). „Die Nervosität“, sagt Wolff, „ist immer noch da.“