Auf die erneute Tabellenführung wollte der Trainer gar nicht groß eingehen. Stolz auf seine Jungs war Uwe Krupp, na klar. Platz eins sei die Belohnung für tolle Arbeit am Wochenende. Aber irgendeine Bedeutung der Spitzenposition für den EHC Eisbären mochte er nicht ausmachen. Zu früh für Prognosen?

Die Saison ist auf jeden Fall noch lang, doch langsam beginnt nun die Zeit der Trends und Tendenzen. Ein Viertel der Hauptrunde liegt schließlich fast schon hinter den Klubs der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Und genau nach dieser Spanne klären sich eigentlich die Verhältnisse. Diesmal aber will das keiner so recht glauben. Von Platz eins bis sechs beträgt der Abstand lediglich vier Zähler. Rang sechs bis 14 trennen sieben Punkte. „Es kann ganz schnell auch wieder in die andere Richtung gehen“, sagt Uwe Krupp daher. Die Berliner haben es vorgemacht. Von Eins auf Sechs in drei Spieltagen und zurück auf Eins in nur zwei Partien.

Das alte Lied der Trainer von der „engen Liga“, man hört es nie gern, weil es immer nach einer Ausrede für eigene Defizite klingt. Doch so aktuell wie gerade war es wohl selten. In der Tabelle liegen die Kontrahenten ja nicht nur dicht beieinander. Sie bietet ja auch einige Überraschungen. Keiner der vier Halbfinalisten der Vorsaison wäre derzeit direkt fürs Play-off qualifiziert. Der ERC Ingolstadt, 2015 Vizemeister und 2014 Meister, ist sogar Letzter. Dafür befinden sich drei Klubs, die es zuletzt nicht ins Viertelfinale geschafft hatten, nun unter den besten Fünf. Dazu gehören auch die Eisbären von Krupp.

Ausgeglichenheit durch Transferbedingungen

Sicher bilden gute Arbeit, Glück und eine starke Frühform ein paar Faktoren, die Erklärungsansätze liefern. Ein wichtiger Punkt für die große Ausgeglichenheit liegt aber genauso im Transfergebahren der Klubs. Es ist schwieriger geworden als in den Vorjahren, Spitzenleute zu akquirieren. „Die Qualität, die in die DEL kommt, ist anders als früher“, erzählt EHC-Sportdirektor Stefan Ustorf. Er scheut sich davor, sie als schlechter zu bezeichnen.

Aber er sagt: „Leute wie einst Denis Pederson kommen im Moment nicht nach Deutschland.“ Mit nur 28 Jahren und gut 500 Spielen im Eishockey-Mekka NHL schloss sich Pederson den Berlinern 2003 an und wurde zu einer dominierenden Figur der DEL. Damals war die unter der NHL angesiedelte AHL noch relativ unattraktiv, inzwischen sind die finanziellen Spielräume dort ebenso groß wie hier. Außerdem lockt die KHL in Russland seit einiger Zeit mit enorm viel Geld selbst die Nordamerikaner an. Die Konkurrenz im Kampf um die besten Leute außerhalb der NHL ist größer je zuvor.

Zu spüren bekommen das überwiegend die Topklubs der DEL. Die anderen könnten sich solche Spieler ohnehin nicht leisten. Weil selbst die Spitze aber nun kaum besser einkaufen kann, gleicht sich das Niveau in der Liga an, das Gefälle wird kleiner. Nürnberg handelt sich etwa als Spitzenreiter daheim ein 1:5 gegen den bis dahin 13. Schwenningen ein. „Die Zeiten, in denen du mal eben mit 80 Prozent Leistung ein Spiel gewinnen konntest, sind vorbei. Wer nicht bereit ist, in jedem Spiel an die Grenze zu gehen, der hat in dieser Liga keine Chance“, sagt Ustorf. Das monierte gerade Don Jackson, Trainer von Titelkandidat Red Bull München, als er mit seiner Mannschaft am Sonntag 3:5 gegen die Eisbären verlor. Seine Spieler brauchten oft zu lange, um die richtige Intensität zu finden. Das hat den Klub schon viele Punkte gekostet.

Folgeproblem durch Verletzungen

Durch die Transferschwierigkeiten ergibt sich ein weiteres Folgeproblem. „Du brauchst heutzutage einen tiefen Kader, denn Verletzungen werfen jedes Team aus der Bahn“, erzählt der Berliner Sportchef. Zwei Jahre lange kamen die Eisbären selbst wegen etlicher Verletzter kaum auf die Beine. Meister Mannheim ist jetzt ein gutes Beispiel. Fünf bis sechs Profis fehlten zuletzt, und selbst die Adler waren mit ihrem großen Kader nicht in der Lage, diese Ausfälle wegzustecken. „Denen hätte ich das am ehesten zugetraut“, sagt Ustorf. Doch die absoluten Spitzenspieler, die solche Situationen noch vor fünf Jahren auffangen konnten, sind eben rar geworden in der DEL.

Für die Aktivitäten der Manager und Sportdirektoren bedeuten die neuen Umstände, überwiegend aus dem Mittelfeld des Marktes auswählen zu müssen, dass sie besser genau hinschauen, wen sie verpflichten. „Fehlgriffe kannst du dir kaum leisten“, so Ustorf. Das würde Lücken reißen, die nur schwer zu schließen sind durch andere Spieler. Genau wie bei den Verletzungen.

Doch in der veränderten Sachlage kann der Berliner auch etwas Gutes sehen. Der Spannung in der Liga ist die Ausgeglichenheit natürlich zuträglich, das erzeugt Attraktivität. „Es ist aber auch so, dass jedes Spiel intensiver und schwerer wird“, sagt Ustorf. Damit sei jeder einzelne Spieler gefragt, „die Zeichen der Zeit zu erkennen“ und sich noch bewusster vorzubereiten, zu leben, zu trainieren und zu spielen.

Basisniveau in der Liga kann aber steigen

Das Basisniveau der DEL könne dadurch sogar steigen, und besonders die deutschen Spieler sowie damit das hiesige Eishockey profitieren. Unter den fünf besten Profis in der Scorerliste der DEL befinden sich gerade vier einheimische Akteure. In der Vergangenheit gehörte das nicht zur Normalität.

Wie beständig der Trend ist, lässt sich kaum vorhersagen. Eines scheint jedoch klar, sich groß hervorzutun in der DEL bedarf größerer Anstrengungen als früher. Von der Tabellenführung lässt sich Krupp da nicht blenden.