Am Ende jubelten die Zuschauer beim 74. Stadionfest der Leichtathletik (Istaf) im Berliner Olympiastadion Verena Sailer zu. Es war der emotionale Höhepunkt des Meetings, als sich die 29-Jährige mit einer Ehrenrunde von den Zuschauern verabschiedete. Aus, Karriereende, dieser 100-Meter-Lauf war ihr letztes Rennen. „Ich musste schon vor dem Start versuchen, nicht zu heulen, es war sehr emotional“, sagte sie.
Als sie adieu sagte, kam noch einmal die Sonne heraus. Es war zwar kühl und teilweise windig, aber der befürchtete große Regen blieb am Sonntag aus. Die offiziell 48.500 Zuschauer fühlten sich gut unterhalten. Natürlich waren viele Athleten müde nach einer langen Saison, die vor einer Woche mit der Weltmeisterschaft in Peking ihren Höhepunkt gehabt hatte. Doch die Mischung, viele deutsche Athleten gemeinsam mit internationaler Weltklasse zu präsentieren, wurde erneut angenommen. Auch wenn es nur teilweise absolute Topleistungen gab.
Sailer arbeitete als Praktikantin im Organisationsbüro
Für Sailer hat sich ein Kreis geschlossen. Denn die Verbindung zu Berlin und zum Istaf ist eng. Vor zehn Jahren hatte sie im Organisationsbüro der Veranstaltung als Praktikantin gearbeitet, 2009 führte sie auf der blauen Bahn des Stadions die deutsche 4x100-Meter-Staffel zur umjubelten Bronzemedaille bei der WM. Dies war ihr größter Erfolg neben dem EM-Titel 2010 in Barcelona, acht Mal wurde sie Deutsche Meisterin. „Unvergessen bleibt für mich ihr phantastischer Lauf in Barcelona zu Gold“, erklärte Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.
„Ich merke, dass sich die Prioritäten in meinem Leben verschieben und ich mich auf meine Karriere abseits der Laufbahn fokussieren möchte.“ Künftig sollen das Studium und der spätere Beruf im Vordergrund stehen. Sailer will nach dem Bachelor in Sportmanagement auch den Master in Wirtschaftspsychologie abschließen. „Ich freue mich auf das, was jetzt kommt, und ich werde neue Dinge ausprobieren.“ Vielleicht trifft man sie eines Tages im Organisationsbüro des Istaf wieder. Dann sicherlich nicht als Praktikantin.
Stabhochspringer kämpfen mit dem wechselnden Wind
Am hochkarätigsten besetzt war der Stabhochsprung-Wettbewerb. Alle fünf WM-Medaillengewinner (Gold, Silber, dreimal Bronze) waren dabei. Wobei die tollkühnen Männer mit ihren langen Stäben am meisten mit dem Wind zu kämpfen hatten. Der WM-Zweite Raphael Holzdeppe scheiterte bereits an 5,54 Meter, Topstar Renaud Lavillenie hatte sogar gar keinen gültigen Versuch. Es siegte der Pole Piotr Lisek (5,74). David Storl, der WM-Zweite im Kugelstoßen, war nicht zufrieden, er belegte mit 21,19 Metern Rang zwei hinter dem Neuseeländer Tomas Walsh (21,47) kam. In Abwesenheit von Lokalmatador Robert Harting – der als Co-Kommentator agierte – setzte sich im Diskuswerfen Weltmeister Piotr Malachowski durch. Der Pole kam auf 66,13 Meter. Christoph Harting, Roberts Bruder, wurde mit ebenfalls sehr guten 65,15 Meter Zweiter.
Ein Zeitplan bei einem Meeting hat ein gewisses Gerüst. Es gilt organisatorische, aber auch Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen. Schade allerdings, dass aus diesen Gründen ausgerechnet die beiden deutschen Weltmeisterinnen von Peking, Katharina Molitor (Speer) und Christina Schwanitz (Kugel), bereits am frühen Nachmittag ihre Wettbewerbe absolvieren mussten. Zu diesem Zeitpunkt füllte sich das Stadion erst langsam. Hingegen stand das Hammerwerfen der Frauen später im Fokus. Allerdings hatten die beiden potenziellen Protagonistinnen, Weltmeisterin Anita Wlodarczyk (Polen) und die Berlinerin Betty Heidler, wegen Erkrankungen ihre Teilnahme abgesagt. Es gewann die Frankfurterin Kathrin Klaas (72,09 Meter).
Schwanitz setzte ihre Siegesserie auch in Berlin fort. Mit der Weite von 19,66 Meter war sie zwar nicht zufrieden: „Ich erwarte von mir schon eine Weite über 20 Meter.“ Aber sie freute sich über die „tolle Unterstützung des Publikums“. In Zürich, wo sie am Donnerstag gewonnen hatte, war das nicht so gewesen. „Da haben die Zuschauer gar nicht gemerkt, dass wir da waren.“ Molitor wurde mit dem Speer Zweite (61,19 m) hinter der Israelin Marharyta Dorozhon (63,24 m).
Platz drei für Krause über 2000 Meter Hindernis
Erfreuliches aus deutscher Sicht hatte es bei der WM ja im Bereich Laufen gegeben. Silber für Hürdensprinterin Cindy Roleder, Bronze für Gesa Felicitas Krause über 3000 Meter Hindernis. Und Krause zeigte auch über die selten gelaufene Strecke von 2000 Meter Hindernis eine sehr starke Vorstellung. Hinter zwei Kenianerinnen kam sie als Dritte in Ziel und verbesserte den von ihr selbst gehaltenen inoffiziellen Deutschen Rekord um fast elf Sekunden auf 6:04,20 Minuten. „Ich wollte zeigen, dass ich schnell laufen kann und Peking keine Eintagsfliege war“, meinte die 23-Jährige. Eine persönliche Bestzeit gelang zudem 800-Meter-Läuferin Fabienne Kohlmann als Zweite in starken 1:58,34 Minuten. Das letzte Rennen – wie für Sailer – dürfte es auch für den mehrmaligen Weltmeister Bernard Lagat, 40, aus den USA gewesen sein. Über 5000 Meter lief er dem Feld weit hinterher.
Meetingdirektor Martin Seeber zog ein positives Fazit: „Ich bin zufrieden mit dem Meeting, auch wenn einige Leistungen natürlich unter der Witterung gelitten haben.“


