Basketball-EM

Maodo Lo ist der Mann, der aus dem Nichts kam

Der gebürtige Berliner ging in seiner Karriere ungewöhnliche Wege. Wie es Maodo Lo zur Heim-EM und an die Seite der NBA-Stars geschafft hat

Foto: Arne Dedert / dpa

Berlin.  Plötzlich ist Maodo Lo dabei, mittendrin in der großen Arena in seiner Heimatstadt Berlin. 14.500 Fans werden ihn und seine Mitspieler eine Woche lang anfeuern. Nowitzki. Schröder. Und ihn, Lo.

Aus dem Nirgendwo ist der 22-Jährige im deutschen Basketball-Nationalteam aufgetaucht. Trotzdem werden sich bei der am Sonnabend mit der Partie gegen Island beginnenden Vorrunde der Europameisterschaft viele Augen auf ihn richten. Nicht nur, weil seine Familie und Freunde ihm zuschauen. Bundestrainer Chris Fleming glaubt sogar: „Maodo wird bei der EM eine wichtige Rolle für uns spielen.“

Das ist eine erstaunliche Vorhersage über einen Mann, den kaum jemand kennt. „Ich habe einen anderen Weg eingeschlagen als den, den man gewohnt ist“, bestätigt Maodo Lo. Er hat nie ein Spiel in der ersten, zweiten oder dritten Basketball-Liga bestritten. Er stand in keinem deutschen Nachwuchskader. Er trug nicht das Trikot von Alba Berlin oder TuS Lichterfelde, den üblichen Sprungbrettern zu internationalen Weihen.

Der Sohn einer Deutschen und eines Senegalesen spielte für DBV Charlottenburg und Central Hoops. „Ich habe mich trotzdem weiterentwickelt. Und im Endeffekt hat es geklappt“, sagt er, „ich bin hier. Ich liebe meinen Sport, Basketball ist meine erste Leidenschaft.“

Kind einer Künstlerfamilie

Doch von Liebe allein kann man nicht leben, deshalb stand für Lo fest: „Man braucht einen Plan B.“ Schon mit 18 Jahren beschloss der junge Mann, für seinen weiteren Werdegang einen großen Schritt zu wagen. „Mir war klar: Ich will studieren“, erklärt er, „viele versuchen ja auch in Europa, eine Profikarriere mit der Ausbildung zu verbinden. Aber eines von beiden leidet immer. In Amerika kann man das besser kombinieren.“

Gesagt, getan: Lo meldete sich auf einer Prep-School in Massachusetts an, wo Aspiranten wie er das Leben in den USA kennenlernen und College-Coaches die Anwärter beim Training beobachten können.

Die Umstellung vom bunten Berlin ins ländliche Internat war hart, „fast ein Kulturschock“. Seine Mutter ist die Malerin Elvira Bach, Lo erzählt von seiner „wunderbaren Kindheit. Es ist aber etwas anders, in einer Künstlerfamilie aufzuwachsen, etwas alternativer, nicht so organisiert, dafür sehr spannend“.

Jedenfalls anders als in einer Prep-School in Massachusetts. In Berlin, gibt er zu, sei er oft ein bisschen abgelenkt gewesen, habe das Leben genossen. Bestimmt nichts Ungewöhnliches für einen jungen Menschen. Nur nicht unbedingt hilfreich beim Start einer Profikarriere. Und sein eher durchschnittliches Abitur war auch keine Bewerbung für höhere Aufgaben.

Führungsspieler am College

Zu schaffen gemacht hat ihm in den USA zu Beginn vor allem der strenge Befehlston, „man muss sich viel gefallen lassen“. Fremd für ihn, doch Maodo Lo hat sich durchgebissen. Seine Noten haben sich sprunghaft gebessert, von seinem Basketballspiel waren die Trainer sowieso bald überzeugt.

Und doch hat er wieder eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen, als es darum ging, eine Hochschule zu wählen – Lo entschied sich für die Columbia University in New York. Aus akademischer Sicht eine der besten der Welt. Aber alles andere als berühmt für eine große Basketball-Tradition.

Wieder hat ihm der Seiteneinstieg nicht geschadet. So bekam er schnell viel Verantwortung. Spätestens in seiner dritten Saison wurde der Spielmacher auch zum Anführer seines Teams, sammelte im Schnitt 18,4 Punkte, 4,4 Rebounds, 2,3 Assists und 1,5 Steals – Belege für seine Vielseitigkeit.

Lernen von Schaffartzik und Vargas

Schon im vergangenen Jahr, damals noch unter dem Bundestrainer Emir Mutapcic, kam Maodo Lo zu ersten Länderspieleinsätzen, fiel dem Bosnier durch seinen organisierten Spielaufbau und eine gute Verteidigung auf. „Maodo“, sagt Mutapcic, „ist ein sehr intelligenter Spieler.“ In diesem Jahr gewann der 22-Jährige mit dem A2-Nationalteam Silber bei der Universiade.

Der für diese Mannschaft zuständige Henrik Rödl brachte seinen besten Mann gleich mit zur EM-Vorbereitung. Er und Fleming sind einer Meinung: „Maodo hat in seiner Entwicklung einen unglaublichen Sprung gemacht.“

Aber von seinem Willen, sich zu verbessern, nichts eingebüßt. „Ich lerne hier von allen“, schwärmt Lo, und meint nicht nur Musterprofi Dirk Nowitzki. „Ich lerne von der Routine eines Heiko Schaffartzik, ich lerne von der Verteidigung eines Akeem Vargas.“ Zu einem Spieler hat er dennoch ein spezielles Verhältnis.

Schröder bescheinigt Lo NBA-Potenzial

Für Dennis Schröder kommt er aufs Feld, mit ihm teilt er ein Zimmer. Der ein Jahr jüngere, schon zwei Jahre bei den Atlanta Hawks in der NBA auftrumpfende Jung-Star gibt ihm manche Tipps. Die beiden haben eine ähnliche Spielweise, ziehen gern zum Korb, kreieren aber auch Chancen für ihre Mitspieler. „Es gibt nicht viele Deutsche, die so wie er zum Korb kommen“, lobt Schröder.

Manchmal muss er seinen Zimmergenossen auch „ein bisschen aufbauen, wenn er frustriert ist, weil es nicht schnell genug vorwärts geht“. Der wichtigste Rat, den ihm Schröder gebe, nennt Lo: „selbstbewusst sein, mein Spiel spielen, nicht zu viel nachdenken.“

Maodo Lo ist überzeugt, dass es auf den Glauben an sich selbst ankommt, wenn man seine Ziele erreichen will. Und er will es wie Schröder in die NBA schaffen. Der meint: „Das Potenzial hat Maodo auf jeden Fall.“ Soll niemand sagen, jetzt übertreibt er aber. Maodo Lo hat schließlich schon bewiesen, dass man auf ungewöhnlichen Wegen weiter kommen kann, als andere das von einem erwartet hätten.