Ob Dennis Schröder und Tibor Pleiß eines Tages auf eine so einzigartige Karriere zurückblicken können wie Dirk Nowitzki, muss sich erst noch erweisen. Wovon aber Millionen träumen, das haben die jungen Basketball-Nationalspieler bereits geschafft: Den Sprung in die beste Liga der Welt, die nordamerikanische NBA. Schröder ist mit gerade mal 21 Jahren als Spielmacher bei den Atlanta Hawks eine feste Größe. Pleiß, nur vier Jahre älter, wird nach seiner Zeit beim europäischen Topklub FC Barcelona Nowitzki und Schröder in die NBA folgen. Utah Jazz verpflichtete den 2,18 Meter großen Center für 8,4 Millionen Dollar und die nächsten drei Jahre. Zwei Erfolgsgeschichten, die der Nationalmannschaft ein Novum bescheren bei der am 5. September in Berlin beginnenden Europameisterschaft: Deutschland startet erstmals mit drei NBA-Profis ins 24-Nationen-Turnier.
Berliner Morgenpost: Herr Schröder, alle sagen es und die Statistik belegt es: Ihr Spiel hat sich in der vergangenen Saison in Atlanta enorm entwickelt. Was sind die Gründe für diesen Riesenschritt?
Dennis Schröder: Zum einen habe ich sehr an mir gearbeitet, mich zum anderen aber auch an die Liga gewöhnt, die Spielweise und daran, was die Trainer von mir erwarten. Entscheidend war natürlich auch, dass ich regelmäßig eingesetzt wurde: Man wird einfach von Spiel zu Spiel besser. Deshalb bin ich froh, dass ich eine intensive Saison gespielt habe.
Ist die erste Saison die schwerste?
Schröder: Ja, immer, in deiner ganzen Karriere und gerade in der NBA, das haben mir auch viele Veteranen gesagt. Man muss mental stark sein, um da durchzukommen. Wenn man das geschafft hat, geht es Schritt für Schritt nach vorn.
Diese erste Saison bei Utah Jazz steht Ihnen noch bevor, Herr Pleiß. Wird Ihnen ein wenig mulmig, wenn Sie das hören?
Tibor Pleiß: Nein, ich gehe da mit einer großen Vorfreude ran. Ich habe mich in den letzten Jahren immer ein Stück weiterentwickelt und war zuletzt beim FC Barcelona, in einer der besten Mannschaften Europas. Das war jetzt der nächste natürliche Schritt, und ich freue mich, dass ich mir diesen Traum erfüllen kann. Ich werde mein Bestes geben, Spaß haben und versuchen, so schnell wie möglich dort anzukommen.
Die Rechte an Ihnen hielt Oklahoma City Thunder bereits seit 2010, erst fünf Jahre später hat es mit dem Sprung in die NBA geklappt. Haben Sie immer daran geglaubt?
Pleiß: Ich bin ein Typ, der sich auf das Hier und Jetzt konzentriert. Die Rechte an mir sind ja in der Saison an Utah übergangen, auch da habe ich mich weiter auf Barcelona fokussiert, weil ich unbedingt mit einem Titel in den Sommer und zur Nationalmannschaft kommen wollte. Das hat leider nicht funktioniert. Zweifel, dass es mit der NBA klappen würde, hatte ich eigentlich nie. Als es dann soweit war, war schon alles sehr aufregend. Da allerdings gleich darauf die Nationalmannschaft wartete, hat sich der Fokus wieder schnell verschoben.
Was ist der beste Tipp, den Sie Tibor für das erste Jahr mitgeben können?
Schröder: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass eine Person bei dir ist, die dir außerhalb des Feldes alles ermöglichen kann, am besten natürlich die Familie oder auch die Freundin. Bei mir waren im ersten Jahr meine Schwester und meine Nichte mit vor Ort, im zweiten dann mein Bruder, dessen Frau und Kind sowie meine Freundin. Es ist wichtig, dass du mit jemanden reden kannst, mit den Kollegen ist das anfangs schwierig.
Werden Sie ähnlich verfahren?
Pleiß: Ich werde allein rüber gehen, im ersten Monat wird aber meine Familie kommen, um mich zu unterstützen und mir einiges abzunehmen, damit ich mich voll auf den Basketball konzentrieren kann.
Herr Schröder, Sie haben in der vergangenen Saison 77 Spiele bestritten, manchmal 16 in einem Monat und eigentlich nie schwache Leistungen abgeliefert. Wie haben Sie diese Konstanz hinbekommen?
Schröder: Das liegt auch daran, dass man sich an Vieles im Vergleich zur ersten Saison gewöhnt hat, wie zum Beispiel an die Fliegerei. Zum anderen haben die Coaches mir vertraut und gesagt, dass ich in diesem Team eine sehr wichtige Rolle spiele. Das gibt einem natürlich Selbstvertrauen und deshalb habe ich auch gut gespielt.
Sie werden in zwei Wochen gerade mal 22 Jahre alt. Bundestrainer Chris Fleming sagt, dass Sie das Nationalteam im nächsten Jahrzehnt prägen können. Auch Ihr Anspruch?
Schröder: Voraussetzung dafür ist, dass ich gesund bleibe, aber ich wünsche mir schon, zusammen mit den anderen die Nationalmannschaft zu prägen.
Das könnten auch Sie, Herr Pleiß, und Sie könnten bei der EM gleich damit anfangen.
Pleiß: Wir haben ja, ohne zu übertreiben, eine echte Todesgruppe, da müssen wir uns erst mal durchkämpfen. Klar, wollen wir bei der Europameisterschaft vor unseren eigenen Fans extrem gut abschneiden, aber natürlich haben wir größere Ziele.
Platz sieben, der Ihnen die Chance gäbe, bei einem Qualifikationsturnier das Ticket für Olympia 2016 in Rio zu lösen?
Pleiß: Olympia muss der Traum eines jeden Sportlers sein, denn wenn du da mitspielst, hast du es geschafft, bei den Besten der Welt dabei zu sein. Unser Ziel ist es, uns mit den Topmannschaften zu messen, und wir sind hoch motiviert, uns gegen sie zu behaupten. Schröder: Ich denke, bei Olympia für dein Land zu spielen, ist die größte Ehre, die dir im Sport zuteilwerden kann. Aber die Vorrunde in Berlin zu überstehen und dann unter die Top sieben kommen, ist noch ein weiter Weg. Aber wir werden weiter hart arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Wir haben auch ein gutes Team, eine Mannschaft, die gut verteidigt. Ich liebe es, Außenseiter zu sein, um dann zu zeigen, was wir können.
Herr Schröder, Sie werden nächste Saison 1,7 Millionen Dollar verdienen, Tibor Pleiß noch eine Million Dollar mehr. Kommt da nicht manchmal der Gedanke, „Ich bin ein NBA-Star, ich hab’s geschafft“?
Schröder: Ich habe früher immer gedacht, soundso viel willst du mal verdienen, und dann bin ich in die NBA gekommen und habe gehört, der oder der verdient aber soundso viel, und das willst du dann auch. Am Ende willst du deine Familie absichern und ernähren können und später auch deine Kinder. Deswegen ist es wichtig, dass du deinen Hunger behältst und so viel Geld verdienst wie möglich. Deswegen hat Tibor diesen Schritt doch auch getan. Pleiß: Ja, Basketball kannst du vielleicht bis 35, 36, 37 spielen. In diesem Zeitraum versuchst du, als Sportler das Beste für dich rauszuholen und die Zukunft abzusichern. Was nicht heißen muss, dass du später nicht mehr arbeitest. Ich will, dass es meinen Eltern gut geht, später einmal meinen Kindern, auch deswegen stehen wir jeden Tag auf dem Platz und kämpfen.
Was ist das großzügigste Geschenk, das Sie jemals präsentiert haben?
Schröder: Das an meine Familie. Wir sind eine Arbeiterfamilie. Mein Bruder arbeitet bei VW, meine Schwester auch, meine Mutter hatte einen Friseurladen. Ich habe ihr gesagt, dass ich jetzt für alles sorge und sie nicht mehr arbeiten soll. Meine Geschwister sind sehr erfolgreich, aber ich habe meinen Bruder gebeten, sich freistellen zu lassen und für mich zu arbeiten, damit alles in der Familie bleibt.
Keine 100.000-Dollar-Uhr?
Schröder: Nein, so einer bin ich nicht, zuerst kommt die Familie. Natürlich gönnst du dir mal was, und das solltest du auch, aber ohne zu übertreiben?
Haben Sie schon jemandem ein Luxusauto vor die Tür gestellt?
Pleiß: Nein, ich erfülle erst mal meinen Eltern ein paar Wünsche, weil sich bislang ja immer alles um mich gedreht hat. Sie waren völlig in meinem Basketball verstrickt, haben mir bei jedem Umzug geholfen, wenn ich den Verein gewechselt habe. Jetzt sollen sie mal ein paar schöne Urlaube machen. Ein paar Jahre arbeiten sie noch, danach will ich ihnen ein schönes Leben ermöglichen.

