Saisonstart

Die Unioner Kessel und Korte wissen, wie Aufstieg geht

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Färber
Benjamin Kessel (l.) und Raffael Korte wissen, wie Aufstieg geht

Benjamin Kessel (l.) und Raffael Korte wissen, wie Aufstieg geht

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Kessel und Korte stiegen schon vor zwei Jahren mit Braunschweig in die Bundesliga auf. Mit Union wollen sie das nun wiederholen.

Benjamin Kessel, 27, und Raffael Korte, 24, zählen zu jenen Zugängen beim 1. FC Union, die den Berliner Fußball-Zweitligisten fußballerisch nach vorn bringen sollen. Kessel ist als Chef der Dreier-Abwehrkette gesetzt, Korte soll auf der rechten Seite für mehr Schwung sorgen, nachdem er seinen Muskelfaserriss im Oberschenkel, zugezogen im Trainingslager in Österreich, vollständig auskuriert hat. Trainer Norbert Düwel gab bereits Grünes Licht für den Mittelfeldspieler: „Raffael ist ein Kandidat für die Startelf.“ Eines haben die beiden ehemaligen Braunschweiger Profis gemeinsam: Sie wissen, wie Aufstieg geht. Die Morgenpost sprach mit dem Duo über die am Sonntag gegen Düsseldorf (15.30 Uhr, Alte Försterei) beginnende Saison und die Bundesliga.

Berliner Morgenpost : Union hat sich für seine Verhältnisse sehr früh auf das Saisonziel Platz eins bis sechs festgelegt. Hat Sie das überrascht?

Benjamin Kessel: Ich kann nur meine ersten Eindrücke schildern. Und die sind so, dass hier absolut die Qualität vorhanden ist, um dieses Ziel auch als realistisch zu betrachten.

Das schließt einen möglichen Bundesliga-Aufstieg natürlich mit ein. Und wenn jemand im aktuellen Kader weiß, wie das geht, dann zählen Sie beide dazu. Wie war das damals 2013 mit Eintracht Braunschweig?

Kessel: Wichtig ist, dass man von Anfang an bei der Musik dabei ist. Dann kann sich so etwas entwickeln. In Braunschweig hatten wir nicht diese herausragende sportliche Qualität mit überragenden Einzelspielern, Domi Kumbela vielleicht ausgenommen, der 19 Tore gemacht hat. Wir waren einfach ein Team. Das ist neben der sportlichen Qualität mit entscheidend.

Ein solches Team sieht man derzeit auch bei Union. Oder täuscht der Eindruck?

Raffael Korte: Es sind viele neue Spieler hier. Diese schnell zu integrieren in der Phase der Vorbereitung, ist wichtig. Bei denen, die schon von Anfang an dabei sind, ist das gut gelungen, weil die Mannschaft auch offen dafür war. Konkurrenzkampf hin oder her – es ist gut, dass wir so eine Dichte im Kader haben. Das hilft jedem, an seine Leistungsgrenze zu gehen. Der Teamgeist, den wir in Braunschweig hatten, kann hier auch funktionieren, weil die Mannschaft eine Riesenqualität hat.

Was ist das für ein Gefühl in dem Moment, wenn der Aufstieg geschafft ist?

Korte: Das ist schwer zu begreifen…

Kessel: Das entscheidende Tor von Damir Vrancic in Ingolstadt fiel damals in der 93. Minute. Wir sind einfach nur umher gelaufen und konnten es gar nicht glauben.

Korte: Das war einfach nur Freude pur. Weil auch 5000 Fans mitgereist waren, das war wie ein Heimspiel.

Kessel: Man realisiert auch gar nicht, dass man jetzt Bundesligaspieler ist, und merkt eigentlich erst, gegen wen man da spielt, wenn man ihm gegenübersteht.

Nach dem Aufstieg haben sich Ihre Wege getrennt. Sie, Herr Korte, sind in die Dritte Liga zum 1. FC Saarbrücken gegangen. Hat Sie das im Nachhinein geärgert, dass Sie nicht doch Bundesliga spielen konnten?

Korte: Der Weg, den ich eingeschlagen habe, kam schon von mir. Es war jetzt nicht so, dass Braunschweig gesagt hat, für die Bundesliga reicht es nicht. Ich bin ja erst zwei Jahre vorher Profi geworden. Es war für mich wichtig, Spielpraxis zu sammeln. Deshalb war der Weg für mich der richtige. Der Schritt in die Bundesliga kam damals noch zu früh. Ich habe trotzdem jedes Spiel verfolgt.

Und dann kam immer die SMS nach dem Motto: Mensch Benny, warum habt ihr nicht gewonnen?

Kessel: Die hätte ja dann öfter kommen können, aber er hat es sich verkniffen (Braunschweig wurde 2013/14 Letzter mit 21 Niederlagen, d. Red.).

Was macht die Bundesliga aus, abgesehen davon, dass man dann gegen die Bayern oder Borussia Dortmund spielt und nicht mehr gegen den SV Sandhausen oder Heidenheim?

Kessel: Die Wahrnehmung ist ganz anders. Wenn man nur sieht, in welche Stadien man Woche für Woche fährt, das ist unbeschreiblich. Ich konnte in diesem einen Jahr Bundesliga unglaublich viel für mich mitnehmen, mehr als in den Jahren zuvor. Man verbessert sich schon allein durch die Qualität der Gegner, wird abgezockter und cleverer. Man sucht nach Mitteln, einen Superstar zu stoppen, aber das gelingt natürlich nicht immer. Diese Erfahrung kommt mir auch jetzt zugute.

Wobei Ihnen ein Gegner in der Statistik fehlt: der FC Bayern.

Kessel: Stimmt, gegen die Bayern konnte ich nur zweimal im Pokal spielen. In der Bundesliga hatte ich in der Hinrunde aber nur selten gespielt, und in der Rückrunde war ich verletzt. Ich hoffe natürlich, dass ich das mit Union in den nächsten Jahren nachholen darf.

Eine bessere Motivation, um aufsteigen zu wollen, als den eigenen Teamkollegen kann man doch eigentlich gar nicht haben, Herr Korte?

Korte: Nein, wenn man Benny zuhört, wie so ein Bundesliga-Jahr ist, dann möchte ich das natürlich auch einmal erleben. Ich hatte mir damals auch in Dortmund ein Spiel live im Stadion angeschaut. Da sitzt man dann da oben und weiß: Die da unten, die kennst du. Die Bundesliga ist das Ziel, das man als Profi erreichen möchte.

Kessel: Davon träumt man von klein auf.

Gehört der 1. FC Union nicht längst in die Bundesliga?

Kessel: Fakt ist, dass Union perfekte Rahmenbedingungen liefert. Ob das geile Stadion oder auch der Kabinentrakt – es wird hier alles dafür getan, dass wir Topleistungen bringen. Es spricht im Grunde genommen nichts dagegen, wir müssen es nur auf den Platz bringen.

Eigentlich müssten Sie Ihrem ehemaligen Trainer Torsten Lieberknecht ein wenig böse sein. Schließlich war er es, der Union schon Ende der vergangenen Saison zum Aufstiegsfavoriten gestempelt hat.

Kessel: (lacht) Ja, dafür ist Torsten ja bekannt, ein bisschen auf Understatement zu machen und andere in diese Rolle reinzudrücken. Er ist ja schon ein kleiner Taktikfuchs.

Vielleicht hat er aber auch recht?

Korte: Wollen wir hoffen, dass er recht behält.