Kolumne

Sabine Lisicki hat jetzt mit dem Ruhm zu kämpfen

Sabine Lisicki hatte im Wimbledon-Finale eine schwere Bürde zu tragen, nämlich Erfolgsdruck. Ex-Tennis-Star Michael Stich weiß, wie sich das anfühlt. Und hat einen Rat für Lisicki parat.

Foto: dpa

Es ist der 7. Juli 1991. Es ist der Tag, an dem ich das Wimbledon-Finale gegen Boris Becker spielen darf. Es ist der Traum eines jeden Tennisspielers, auf diesem heiligen Rasen um die größte Krone im Tennissport zu spielen. Als ich Sabine Lisicki in diesen Tagen sah, wurde ich daran erinnert.

Die Atmosphäre in der Kabine ist einzigartig. Letzte Taktikbesprechungen. Eine weitere Frage, die mir immer wieder durch den Kopf schießt: Werde ich die Verbeugung vor der königlichen Loge hinbekommen, mich richtig verhalten? Worüber man sich in solchen Momenten Gedanken macht – einfach Wahnsinn.

Kurz vor dem Match sagt mein Manager: „Sei ganz entspannt , genieße diesen Moment. Du hast nichts zu verlieren.“ Ich schaue ihn an und sage: „Ich habe einen Wimbledontitel zu verlieren. Mehr kann ich wahrscheinlich in meiner ganzen Karriere nicht verlieren.“ Er wollte beruhigen, das ist ihm nicht ganz gelungen.

Dann ist es so weit: Jemand kommt in die Kabine und sagt uns, dass wir jetzt auf den Centre Court raus müssen. Eddi, die gute Seele in der Umkleide, der sich um alle Belange der Spieler in den zwei Wochen gekümmert hat, nimmt unsere Taschen und trägt sie für uns auf den Platz, damit wir uns „so ganz ohne Gepäck“, wie er sagt, besser verbeugen können.

Zwischen Triumph und Sturz

Eddi ist ein kleiner Mann, und er tut mir leid, dass er diese großen Taschen tragen muss. Aber so ist die Regel. Wir gehen aus der Kabine, vorbei an der großen Vitrine mit den Siegerpokalen Richtung Centre Court. Über dem Eingang prangt der Spruch von Rudyard Kippling: „If you can meet with triumph and disaster and treat those two imposters the same.“ Zu Deutsch: „Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden, weil beide du als Schwindler kennst, als Schein.“ Es ist so weit: Das Abenteuer Wimbledonfinale kann beginnen.

Sabine Lisicki hat sich auf dieselbe Reise begeben. Sie wird sich ähnlich viele Gedanken gemacht haben wie ich damals. Sie hat zwei aufregende Wochen hinter sich. Die Engländer, die ein sehr fachkundiges Tennispublikum sind, fingen an, die unbekümmerte Art der Deutschen zu schätzen. Liebe war es da noch nicht, die erkämpfte sich Sabine gegen die Weltranglistenerste Serena Williams. Ihre Leidenschaft und ihr Wille trieben sie zu einen der größten Erfolge ihrer Karriere. Sie hat sich selbst überrascht und das System auf den Kopf gestellt.

Auch wenn Sabine das Finale gegen Marion Bartoli leider verloren hat, so wird dieses Turnier ihr Leben verändern. Im Sportlichen wird sie von nun an eine der Gejagten sein, alle anderen Spielerinnen auf der Tour wollen eine wie sie schlagen. Damit lernt man umzugehen. Das kann sogar beflügeln, denn von nun an ist man immer gezwungen, seine beste Leistung zu bringen.

Der Ruhm bricht jetzt über Lisicki herein

Sie wird natürlich Werbeverträge erhalten, die viele der bisher bestehenden in den Schatten stellen werden. Und sie wird eine unglaublich große Anfrage der Medien erhalten. Auch das ist ein Teil dieser zwei fantastischen Wochen von Wimbledon.

Ich wünsche Sabine Lisicki, dass sie Menschen um sich herum hat, die all das gut kanalisieren und sie vor vielem schützen. Denn eines darf sie nie verlieren: den Spaß am Tennis. Den muss sie sich bewahren, trotz dieser schmerzlichen Niederlage.

Und ich weiß, auch wenn das Erreichen des Finales ein toller Erfolg war, so wird sie doch das Gefühl haben, mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Aber sie wird aus diesem Match lernen und beim nächsten Mal stärker sein. Ich bin sicher, dass sie weitere Chancen bekommt, ein Grand Slam zu gewinnen.

Das Schönste aber ist: Sie hat erreicht, dass die Tennisfans in Deutschland wieder einen Grund haben, den Fernseher einzuschalten und unsere Spieler zu unterstützen. Auch die Turniere in Deutschland werden von Sabine profitieren, Tennis wird wieder an Bedeutung gewinnen. Dafür müssen wir Sabine dankbar sein. Ich wünsche ihr in den nächsten Wochen, dass sie an die Leistungen anknüpft und uns bei den US Open wieder tolles Tennis zeigen wird.

Michael Stich gewann 1991 sein Wimbledon-Finale gegen Boris Becker 6:4, 7:6, 6:4 und wurde Deutschlands Sportler des Jahres.