Der Hipster hatte es eilig. Als Jérôme Boateng nach dem gewonnenen Pokalfinale mit dem FC Bayern aus der Kabine in den Katakomben des Olympiastadion schnellte, zog er einen kleinen Rollkoffer zügig hinter sich her. Eine schwarze, dickrahmige Brille auf der Nase. Eine lässige Wollmütze auf dem Schädel. Um den Hals ein paar monströse Kopfhörer. Schnell raus aus dem Getümmel. Schließlich wartete die große Triple-Sause. Doch plötzlich blieb Boateng stehen. Ein sehbehinderter Berliner Journalist rief nach ihm: „Jérôme? Jérôme Boateng?“ „Ja. Hier bin ich. Warten Sie, ich komme.“
Der ganze Trubel. All die Trophäen, die der 24-Jährige in den vergangenen Wochen in den Himmel stemmen durfte. Meisterschaft. Champions League. Nun auch noch der DFB-Pokal. Da kann einem der Boden unter den Füßen schwinden. Da kann man fast vergessen, wo man herkam.
Jérôme Boateng vergaß es Sonnabendnacht nicht. „Für mich ist dieser Pokalsieg hier etwas sehr Besonderes, denn Berlin ist meine Heimat“, sagte er. Für Familie und Freunde hatte er Karten besorgt. Sie sahen ihm von der Tribüne aus zu, wie er an dem Ort, an dem seine Profikarriere begann, den dritten Titel in einer geschichtsträchtigen Saison gewann und sich selbst damit zum erfolgreichsten Vereinsfußballer der Stadt aufschwang.
Mehr Vereinstitel als Littbarski und Häßler
Kein Berliner Fußballprofi vor ihm hat diese drei wichtigsten Vereinstitel gewonnen. Schon gar nicht in einer einzigen Saison. Nicht der Weltmeister von 1990 Pierre Littbarski, der zwar auch zweimal zuvor im WM-Finale stand (1982 und 1986), außer dem DFB-Pokal 1983 aber keinen Vereinstitel holte. Und auch nicht der Welt- (1990), Europameister (1996) und Deutschlands Fußballer der Jahre 1989 und 1992 Thomas Häßler.
Als der in Wilmersdorf aufgewachsene Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen vor fünf Jahren Berlin verließ, hätte er wohl selbst nicht daran geglaubt, irgendwann so triumphal zurückzukehren. Seinem Halbbruder Kevin Prince Boateng stand die große Fußballwelt offen. Jérôme hatte Talent, aber auch viel Phlegma. Gut ja. Aber sehr gut?
Mit 19 Jahren und erst zehn Profi-Einsätzen bei seinem Ausbildungsverein Hertha BSC wechselt der Verteidiger zum Hamburger SV. Erst im zweiten Jahr gelingt der Durchbruch. Nach dem EM-Titel mit der U21-Nationalelf 2009 in Schweden nominiert ihn Bundestrainer Joachim Löw für die A-Nationalmannschaft. Die WM in Südafrika folgt. Ein dritter Platz. Der englische Topklub Manchester City verpflichtet ihn. Der Fahrstuhl nach oben beschleunigt.
26 Ligaspiele, zwei Finals
2011 wechselt Boateng zum FC Bayern und verliert mit ihm den Kampf um die Meisterschaft gegen Borussia Dortmund, ebenso das Endspiel um den DFB-Pokal und das „Finale dahoam“ in der Champions League gegen den FC Chelsea. 385 Tage nach der blamablen 2:5-Pleite gegen den BVB im Pokalfinale 2012 ist Boateng nun in der obersten Etage des deutschen Fußballs angekommen.
„Wir haben etwas Außergewöhnliches geschafft“, sagte er stolz. Im Wissen, dass er selbst seinen beträchtlichen Teil dazu beigetragen hat: In 25 Ligaspielen in dieser Saison stand er von Beginn an auf dem Feld (insgesamt 26 Bundesligapartien bestritt er). Im Finale der Königsklasse in Wembley gegen den BVB ebenso wie nun im Olympiastadion gehörte er zur Startelf und machte beide Male souveräne, weil unauffällige Partien. Er fügte sich nahtlos ein in eine Mannschaft, die derzeit als die beste der Welt gelten darf.
Und dennoch fühlt es sich für ihn noch ein bisschen unwirklich an: „Ich freue mich und bin stolz, dass ich in dieser unglaublichen Mannschaft spielen darf“, sagte Boateng. Der Weg nach oben aber sei noch nicht beendet: „Ich weiß, dass ich noch besser werden kann.“ Der Gewinn der WM 2014 in Brasilien ist die nächsthöhere Etage. Und dann hat ja auch Bayerns neuer Trainer Pep Guardiola noch Ziele mit Boateng und seiner Mannschaft.
Ob er nun nach all den Titeln mit den Bayern in dieser Spielzeit eigentlich schon ein echter Münchner sei, wollte jemand wissen: „Nein“, antwortete Boateng. „Ich bin immer noch Berliner.“





