Schon um 22.12 Uhr reckte Kapitän Philipp Lahm den Pott in den Abendhimmel über dem Olympiastadion, gut zwei Stunden später stimmte Rummenigge den nächsten Jubelgesang auf den scheidenden Trainer an. „Alle nochmal Jupp, Jupp, Jupp“, rief der Vorstandschef über das Saal-Mikrofon – und die Bayern-Freunde stimmten ein.

Zur Feier des FC Byern in der Hauptstadtrepräsentanz der Telekom an der Französischen Straße kamen über 500 Gäste. Glücklich präsentierten sich die Bayern-Stars mit ihren Trophäen auf der Bühne im Bankettsaal. Champions-League-Pott, Meisterschale, der am Samstag gewonnene DFB-Pokal, ja sogar der kleine Supercup wurden den Edelfans zu nächtlicher Stunde gezeigt.

Eine Liveband spielte "Über den Wolken" und andere Partyhits auf, es floss viel Wein und Bier, nachdem den Gästen zuvor Köstlichkeiten wie Filet und Fisch mit Petersilienpüree und zum Dessert Schokoladenmousse aufgetischt worden waren.

Historischer Sieg, historische Feier

„Was wir heute Abend erlebt haben, ist etwas Historisches“, hob Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hervor und rief eine Woche nach der großen Champions-League-Fete von London die nächste Feier aus. „Alle haben jetzt Partylust, wir starten jetzt Feuer frei. Wir geben Vollgas bis zum Abwinken.“ Er holte Präsident Uli Hoeneß auf die Bühne und sprach ihm erneut seine Solidarität bezüglich des Steuerskandals aus.

Auch Moderator Kai Pflaume, Günter Netzer, Wladimir Klitschko und Ex-Hertha-Trainer Markus Babbel feierten mit den Bayern. Arjen Robben befand zum Schluss: „Nach der Enttäuschung aus dem letzten Jahr, dreimal Zweiter, sind wir diese Saison dreimal Erster. Das ist schon eine Geschichte“.

Gegen 1.30 Uhr verabschiedeten sich Mannschaft und Trainer dann zu einer Party im privateren Kreis. „Wir haben letzten Samstag schon ein bisschen gefeiert, konnten aber nicht so lange. Ich bin gespannt, ob alle morgen früh rechtzeitig den Flieger erreichen“, unkte Co-Kapitän Bastian Schweinsteiger. Mit dem ersten Triple in der deutschen Fußball-Geschichte hatten die Bayern-Stars schließlich mit ihrem Sieg im DFB-Pokal-Finale gegen den VfB Stuttgart mit 3:2 (1:0) eine Saison der Superlative veredeln.

Wenig Partystimmung beim VfB

Knappe zwei Kilometer entfernt herrschte dagegen gedrückte Stimmung beim tapferen VfB, der fast eine Verlängerung erzwungen hätte. „Die Jungs können sehr stolz darauf sein, was sie geleistet haben. Die Mannschaft besitzt eine unglaubliche Mentalität“, sagte Sportdirektor Fredi Bobic und mühte sich, positiv in die Zukunft zu blicken. Nach der 2:3-Niederlage viel die Feier der Schwaben ernüchtert aus. Die Tanzfläche blieb leer. Aus den Lautsprechern sang Louis Armstrong am Sonntagmorgen um 1.30 Uhr melancholische Lieder und nahm auch dem allerletzten der knapp 500 Gäste das Bedürfnis, mit ein paar Hüftschwüngen den Frust zu vertreiben.

Auf dem Bankett in der noblen Lounge „U3 Tunnel“ am Potsdamer Platz in Berlin saß Martin Harnik mit hängenden Schultern an einem kleinen, runden Tisch. Nach Tanzen war dem zweifachen Torschützen aus dem DFB-Pokalfinale, das die Schwaben nur wenige Stunden zuvor verloren hatten, nicht zumute. „In diesem Moment sind wir unglaublich enttäuscht“, sagte Harnik. Der Österreicher hatte mit seinen beiden Treffern die Hoffnung zurück ins Spiel des VfB gebracht, der schon scheinbar abgeschlagen mit 0:3 zurücklag, am Ende aber fast noch den Ausgleich erzielte.

„Eine Niederlage bleibt eine Niederlage“

Aufmuntern konnte ihn dieses beachtliche Comeback seiner Mannschaft aber kaum: „Eine Niederlage bleibt eine Niederlage. Ob du mit 0:5 abgeschlachtet wirst, oder eben 2:3 verlierst. Unterm Strich haben wir den Pokal nicht gewonnen, und das wollten wir unbedingt.“ Nach 1954, 1958 und 1997 wäre es der vierte Pokalsieg der Vereinsgeschichte gewesen und darüber hinaus gegen einen Gegner, der gerade die Deutsche Meisterschaft und die Champions League gewonnen hatte. Dass der VfB, der im Vorfeld der Partie spätestens durch den Promille-Spruch von Bayerns Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge („Wir haben auch mit 1,8 Promille eine Chance.“) zur niedrigen, letzten Hürde auf dem Weg zum Triple für den deutschen Rekordmeister degradiert wurde, tatsächlich noch einmal aufmuckte, ließ Harniks Teamkollegen dagegen wesentlich zufriedener zurück.

„Auch wenn wir jetzt alle traurig sind, können wir den Kopf hochnehmen und stolz auf unsere Leistung sein“, sagte Christian Gentner. Nach dem Spiel hatte der Mittelfeldspieler zahlreiche SMS von Freunden zu beantworten, die ihm zur couragierten Leistung gratulierten. Und auch Kapitän Serdar Tasci sah viel Positives in der Niederlage: „Wir haben alles rausgehauen, was wir hatten. Man hat gesehen, dass die Bayern zu knacken sind, wenn man vielleicht noch etwas konzentrierter spielt.“

Mit großer Stärke zurück ins Spiel gekämpft

Am deutlichsten in seinem Lob aber wurde der Sportdirektor. „Ich glaube, dass wir heute den FC Bayern zum allerersten Mal in dieser Saison haben zittern sehen. Das ist ein großer Sieg für den VfB“, sagte Fredi Bobic, der beim letzten DFB-Pokalsieg der Stuttgarter vor 16 Jahren selbst auf dem Platz stand. Die Mannschaft habe sich mit großer Moral zurück ins Spiel gekämpft. „Der VfB hätte heute kaum würdiger vertreten werden können“, so Bobic. In dieser Partie, die in knapp 170 Länder übertragen wurde, sei es auch um das internationale Renommee des Klubs gegangen. „So ein Spiel hat von uns keiner erwartet. Wir wurden von allen schon abgeschrieben, so wie schon oft in dieser Saison“, sagte der 41-Jährige.

Die Stuttgarter haben die abgelaufene Spielzeit auf einem enttäuschenden zwölften Platz beendet, konnten sich aber über den DFB-Pokal für die Europa League qualifizieren. Es stehen allerdings größere Umbauten bei den Schwaben an: Am Montag gibt Präsident Gerd E. Mäuser sein Amt ab, und auch Aufsichtsratschef Dieter Hundt steht besonders bei den Anhängern in der Kritik. Zudem muss Trainer Bruno Labbadia für die kommende Saison die Mannschaft umgestalten. „Wir müssen die Qualität und die Quantität im Kader erhöhen“, hatte Labbadia kürzlich gesagt. Bereits fünf Zugänge stehen fest (Sercan Sararer von der SpVgg Greuther Fürth, Daniel Schwaab von Bayer Leverkusen, Konstantin Rausch von Hannover 96, Marco Rojas aus Neuseeland und Torhüter Thorsten Kirschbaum von Energie Cottbus. Weitere Verpflichtungen dürften folgen.)

Der Blick geht nach vorn

Der VfB hofft nun, dass man den letzten positiven Eindruck vom DFB-Pokalfinale mit hinüber in die nächste Spielzeit nehmen kann. „Dieses Erlebnis in Berlin wird viele unserer Spieler weiter nach vorn bringen“, sagte Stürmer Cacau, der gegen die Bayern nach monatelanger Verletzungspause 15 Minuten vor Ende eingewechselt wurde. Und auch Bobic war sich sicher: „Nach so einem Spiel kann man für die neue Saison sehr zuversichtlich sein. Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Martin Harnik konnte da schon wieder etwas lachen: „Wir waren richtig dicht dran“, sagte der Offensivspieler. „Wenn erst einmal ein paar Tage vergangen sind, können wir bestimmt auch mit Stolz auf dieses Spiel zurückblicken.“ Nach Tanzen aber war ihm an diesem Abend trotzdem nicht.

Jörn Meyn und Julien Wolff mit dpa