Vieles wird sein wie immer. Das Fernsehen wird in Großaufnahme zeigen, wie er den Ball vom Sockel der Sponsoren nimmt. Er wird beide Teams, den FC Bayern München und den VfB Stuttgart, aufs Feld führen, die Platzwahl vornehmen, Fouls ahnden, auf Abseits erkennen und nach Toren zum Mittelkreis weisen. Manuel Gräfe hat all dies allein schon in der Bundesliga 154 Mal getan, war in der Saison 2010/2011 Deutschlands Schiedsrichter des Jahres.
Dieser Abend im ausverkauften Rund des Berliner Olympiastadions aber wird für ihn einzigartig, vielleicht sogar unwiederbringlich sein. Schon allein, weil er, auf dem Niveau, auf dem er Spiele leitet, als Berliner niemals für Partien Berliner Klubs eingesetzt wird, in denen es um etwas geht. Eine Regel, mit der ein Verdacht der Parteilichkeit gar nicht erst aufkommen kann.
Die Wahl, das DFB-Pokalfinale in seiner Stadt und in seinem Stadion zu leiten, in dem er bislang nur zwei Freundschaftsspiele pfiff, fiel sicherlich nicht auf Gräfe, weil er die kürzeste Anreise hat. Worte wie „Ritterschlag“ oder „Anerkennung“ lässt er aber unkommentiert verklingen. Er bleibt da ganz bei sich und sagt: „Das ist ein absoluter Höhepunkt meiner bisherigen Karriere.“ 2003 sei er einer der Assistenten seines Kollegen Lutz Fröhlich gewesen, als der FC Bayern den Pokal mit einem 3:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern gewann. Seitdem weiß er: „National gibt es nichts Schöneres, nichts Wichtigeres und nichts Emotionaleres als dieses Endspiel. Da freuen sich auch Spieler drauf, die schon alles erlebt haben. Ich darf dieses Spiel jetzt leiten, in Berlin, darauf freue ich mich sehr.“ Zu der Freude der ersten Tage, die der 39-jährige Sportwissenschaftler empfand, als er Anfang Mai von seiner Nominierung erfuhr, gesellten sich, je näher das Finale rückte, hier und da ein paar Schmetterlinge im Bauch.
Nicht nur für den Schiedsrichter ein besonderer Abend
Denn nicht nur für ihn wird es ein einzigartiger Abend. Die Münchner Bayern haben das historische Triple aus Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal vor Augen und die Stuttgarter die Chance, genau diesen Triumph zu verhindern. „Natürlich wächst die Anspannung, je näher das Spiel rückt, aber ich glaube nicht, dass diese Konstellation großen Einfluss haben wird. Stuttgart wird vielleicht die eine andere Möglichkeit entdeckt haben, die Dortmund in Wembley aufgezeigt hat, aber beide Mannschaften werden akribisch vorbereitet sein und wissen, sie können Großes erreichen. Ich erwarte, dass alle mit größtem Elan ins Spiel gehen und alles geben werden, aber das ist in einem Pokalfinale immer so.“
Gräfe wird zum 31. Mal ein Spiel des FC Bayern pfeifen und zum 22. Mal eines des VfB Stuttgart. Er weiß, wem er begegnen wird. Und das, sagt er, ist genauso wichtig, „wie einen Freistoß für A oder B zu pfeifen. Man kennt sich und der Anspruch muss sein, ein Spiel zu leiten, auf Spielertypen einzugehen und Phasen zu erkennen.“ Er gehe zwar „viele mögliche Szenarien im Vorfeld gedanklich durch, aber nach dem Anpfiff muss man offen sein für alles, was passiert und alternative Strategien haben.“
Mit dem Countdown steigt die Zahl der Schmetterlinge
Dass sich mit dem Countdown auf das Finale der Besuch der Schmetterlinge im Bauch mehrte, hat auch mit dem „enormen Druck“ zu tun, unter dem Gräfe stehen wird. Er selbst spricht von einem „Fokus-Spiel“, einem, in dem er unter der Lupe der ganzen Nation agieren wird. „Selbstverständlich gehe ich in jedes Spiel mit dem Bestreben, keinen Fehler zu machen“, erzählt er. „Aber Fehler passieren und es geht nicht um Leben und Tod, sondern um ein Spiel. Wenn mir einer unterläuft, analysiere ich ihn und versuche, daraus zu lernen. Ich gehe dann aber nicht barfuß nach Canossa.“
Die Geschichte Babak Rafatis hat gezeigt, wie gefährlich es wird, die Kritik, der Schiedsrichter permanent ausgesetzt sind, zu sehr an sich heran zu lassen. Rafati, zu der Zeit wie Gräfe ein Schiedsrichter mit internationaler Reputation, hatte versucht, sich im November 2011 vor dem Bundesligaspiel des 1. FC Köln gegen Mainz 05 das Leben zu nehmen. Da sei sicherlich vieles zusammengekommen, was sich seiner Beurteilung entzieht, sagt Gräfe, stellt aber auch fest: „Seither ist viel passiert. Der Leistungsdruck ist der gleiche und wird es immer sein, aber die Rahmenbedingungen sind in den letzten beiden Jahren professionalisiert worden.“
Stressabbau im Garten
Bedingungen, die der Einsicht Rechnung tragen, dass es nicht möglich ist, als Schiedsrichter, Familienvater und im Beruf immer 100 Prozent zu geben. Eine Besserung, die natürlich durch höhere Bezüge erwirkt wurde. Fifa-Schiedsrichter der Bundesliga wie Gräfe erhalten ab der kommenden Saison einen festen Betrag von 60.000 Euro, bis zur Saison 2016/2017 soll diese Summe schrittweise auf 75.000 steigen. „Das ist viel Geld, aber es hilft auch, sich Freiräume zu schaffen, mal aufzutanken, was den Druck senkt, der ja immer die Summe aller Anforderungen ist“, sagt der Berliner Referee. „Früher bin ich nach einem Wochentagspiel am nächsten Morgen zur Arbeit gegangen, heute gehe ich zur Physio, wenn es nötig ist, oder ich entspanne mich mit ein paar Stunden Arbeit im Garten, anstatt am Schreibtisch zu sitzen. Bei uns ist mit 47 Jahren Schluss und im Grunde stecken wir beruflich zurück“, erklärt der Vater zweier Kinder. „Andere bringen in diesem Lebensabschnitt ihre Karrieren weiter voran.“
Nicht, dass ihm vor seinem 47. Geburtstag bange wäre. Bis zur nächsten Herausforderung abseits des Rasens in mehr als sieben Jahre wird Gräfe weiter versuchen, sich für Aufgaben wie die am heutigen Sonnabend im Olympiastadion zu empfehlen. Gräfe ist auch keiner, dem man einst die Pfeife in die Hand drückte, um ihn als Mitspieler loszuwerden. Er spielte zusammen mit Niko Kovac, dem späteren Hertha-Star und Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft bei Rapide Wedding und noch heute mit Freunden mehrmals die Woche einen gepflegten Ball. Mit der hypothetischen Frage, ob er es auch als Spieler bis ins Pokalfinale geschafft hätte, hält sich Gräfe nicht lange auf.
Studieren und trotzdem dem Fußball verbunden bleiben
„Ich habe 1990 aufgehört, zu einer Zeit, als nur die absoluten Stars wirklich gut verdient haben“, erzählt er. „Ich habe den weniger riskanten Weg gewählt und studiert. Ich wollte mich absichern, aber dem Fußball verbunden bleiben. Daran, dass ich mal im Olympiastadion ein DFB-Pokalfinale leiten würde, habe ich damals natürlich nicht gedacht.“ Gräfe wählte als Fächer Sport und Geschichte, um Sportjournalist zu werden. „Das war mein Traum, seitdem ich acht oder neun war. Ich habe während meines Studiums viel erlebt und viel von der Welt gesehen, in Australien, Asien, Afrika oder Nordamerika. Dann kam aber ziemlich schnell der Erfolg als Referee. Viele sehen mich als den Schiedsrichter, aber ich bin Fußballer, und zwar leidenschaftlicher. Fußball ist der schönste Sport der Welt.“
Und einer, der große Spiele hervorbringt, wie das am heutigen Sonnabend. Und Gräfe ist mittendrin und nicht nur dabei. Wenn seine Pfeife an diesem Abend zum ersten Mal ertönt sein wird, sind die Schmetterlinge weg. Bis zum nächsten großen Spiel, gute sieben Jahre sind eine lange Zeit.



