Angela Merkel denkt in diesen Tagen auffällig oft über Fußball nach. Erst äußerte sich die Kanzlerin am Donnerstag in der Debatte über Homosexualität im deutschen Profifußball und ermutigte schwule Bundesligaspieler zu einem Outing. Dann wohnte Merkel im Rahmen des Integrationsspieltages in der Bundesliga am Sonnabend der Partie von Borussia Dortmund gegen Bayer 04 Leverkusen bei, schrieb fleißig Autogramme auf schwarz-gelbe Plastikbecher und musste hautnah miterleben, wie zu ihrer Rechten Ligapräsident Reinhard Rauball bei jedem Dortmunder Treffer zum Jubel aufsprang.
Rauball ist nämlich zugleich Präsident des BVB, und Merkel konnte froh sein, dass es die Dortmunder auf dem Rasen gleich dreimal klingeln ließen. So konnte sie das Treiben auf dem Platz neben ihr mehrfach bestaunen, und alle hatten ihren Spaß - ausgenommen die Leverkusener natürlich.
Bereits in der 29. Minute gab das Team von Trainer Jürgen Klopp ihrem Präsidenten den ersten Anlass zum Jubel. Innenverteidiger Mats Hummels köpfte eine Ecke von Marcel Schmelzer per Aufsetzer ins Tor. Es war die erste Unaufmerksamkeit der Bayer-Elf, und sie wurde sogleich bestraft.
Als dann zehn Minuten später Rauball zum zweiten Mal aufsprang, stand es 2:0 für den Meister. Jakub Blaszczykowski verwandelte eiskalt die schöne Vorarbeit seines Landsmannes Lukasz Piszczek, dessen Hereingabe Mario Götze klug durchließ.
Als dann elf Minuten vor Abpfiff auch noch Robert Lewandowski die Freistoßflanke von Marco Reus per Kopf an Leverkusens Schlussmann Bernd Leno vorbei ins Tor wuchtete (79.), stand Rauball zum dritten Mal, und das Spiel war endgültig entschieden.
Jürgen Klopp lobt: Bestes Saisonspiel
"Wir haben heute richtig stark gespielt. Wir haben zum ersten Mal in dieser Saison unser Spiel durchgebracht", sagte Klopp nach der Partie. Der BVB schiebt sich damit vorerst auf Platz vier der Tabelle und bleibt mit sieben Punkten Bayern München (9) dicht auf den Fersen. Für die Leverkusener dagegen war es schon die zweite Saisonniederlage.
Wenn man so will, dann ist das 3:0 (2:0) des BVB gegen Bayer wie eine Kampfansage in Richtung München zu verstehen. Unter der Woche hatte es von Seiten der Bayern Sticheleien gegeben. Präsident Uli Hoeneß hatte am Mittwoch im Rahmen einer Wirtschaftsmesse in Köln auf die Frage, was man im Ausland mit deutschem Fußball verbindet, gesagt: "Dortmund ist eine relative regionale Sache, Bayern ist ein Global Player."
Und er wurde noch deutlicher: "Wenn man in Peking über die Flaniermeile läuft und nach einem deutschen Fußball-Klub fragt, dann wird immer Bayern kommen und nicht Dortmund. Die Tradition aus 30 Jahren wahnsinnigen Erfolgen wird der BVB nie, nie, nie aufholen können. Dafür müsste Dortmund noch zehnmal hintereinander Meister werden, um vielleicht populärer zu werden."
„Bayerns Riesen-Vorsprung ist geschmolzen”
In Dortmund reagiert man mittlerweile ziemlich sensibel auf solche Äußerungen. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke konterte postwendend: "Es ist völlig klar, dass die Bayern beim Bekanntheitsgrad im Ausland deutlich vor Borussia Dortmund liegen. Aber dieser Riesen-Vorsprung ist geschmolzen", so Watzke.
Angesichts dessen aber geht ihm offenbar allmählich das Verständnis für Hoeneß' rückwärtsgewandte Erfolgsbetrachtung aus. "Ich spreche mit allerhöchstem Respekt von den Leistungen der Bayern in den letzten Jahrzehnten", so Watzke. Um sogleich nachzuschieben: "Ich würde mir wünschen, dass für die Arbeit der letzten Jahre in Dortmund dafür auch etwas zurückkommt."
Mehr Respekt vom deutschen Rekordmeister
Und auch Michael Zorc hat sich nun zu Wort gemeldet. Der BVB-Manager sagte Morgenpost Online: "Diese ganzen Aussagen interessieren uns nicht wirklich. Aber anscheinend sitzt der Stachel bei einigen doch sehr tief." Auch er wünsche sich einfach etwas mehr Respekt vom Rekordmeister.
Dieser wiederum lenkte im Zwist am Freitagabend zumindest ein wenig ein. So sagte Hoeneß, er habe durch seine jüngsten Äußerungen die "guten Leistungen" des Meisters der vergangenen beiden Spielzeiten "absolut nicht herabwürdigen wollen". Falls einer der Herren noch Nachhilfe im eifrigen Debattieren benötigen sollte, könnte er vielleicht bei Angela Merkel nachfragen. Die Kanzlerin ist derlei Scharmützel ja gewohnt. Und für Fußball interessiert sie sich jetzt ja auch.




