Relegationsfinale

Hertha steigt mit Skandalspiel in Düsseldorf ab

| Lesedauer: 7 Minuten
Uwe Bremer und Martin Kleinemas

Hertha ist nach einem 2:2 in Düsseldorf raus aus der Bundesliga. Wegen der chaotischen Umstände erwägt Hertha, Protest einzulegen.

Die Emotionen bordeten über. „Warum pfeifst du überhaupt noch an, du feige Sau“, brüllte Christian Lell Schiedsrichter Wolfgang Stark hinterher, der mit seinen Assistenten in die Katakomben der Arena spurtete. Andre Mijatovic war nicht weniger laut: „Das waren keine zwei Minuten, das waren keine zwei Minuten“, schrie der Hertha-Kapitän Stark an. Es war ein ebenso dramatischer wie rabenschwarzer Abend, den Hertha BSC in Düsseldorf erlebte. Die sportliche Nachricht lautet: Mit einem 2:2 (1:1) im Relegations-Rückspiel beim Dritten der Zweiten Liga sind die Berliner abgestiegen (Hinspiel 1:2), Düsseldorf übernimmt den Hertha-Platz in der Bundesliga. Der eigentliche Skandal war aber, wie die chaotischen Fans auf den Rängen mit der Dramatik auf dem Feld umgingen: Die Partie stand mehrfach vor dem Abbruch, es war fast unmöglich für Schiedsrichter Stark, angemessen auf das zu reagieren, was um ihn herum passierte.

Am Ende eines völlig chaotischen Abends lagen bei allen Beteiligten die Nerven blank. Herthas Cotrainer Rene Tretschok, ein wahrlich besonnener Vertreter in der Fußball-Zunft, stand mit Düsseldorfs Sportvorstand Wolf Werner unmittelbar vor einer Prügelei. Trainer Otto Rehhagel musste die beiden handfest voneinander trennen. In der Hertha-Kabine kam in den Sekunden nach Abpfiff kurzfristig Panik auf. Es hieß, ein Spieler sei noch draußen auf dem Feld, das zu diesem Zeitpunkt längst von rund 10.000 Fortuna-Fans gestürmt war. Vier ratlose Sicherheitsleute von Hertha stürzten sich in das Getümmel, ohne zu wissen, wen sie da suchen sollten. Wenig später gab es Entwarnung: Es hatten sich doch alle eingefunden, nur Lell fehlte, weil er zur Dopingkontrolle musste.

Rückstand nach 24 Sekunden

Die Emotionen hatten sich durch eine extreme Chronologie des Abends aufgeschaukelt. Nach exakt 24 Sekunden lag Hertha bereits im Rückstand. Maximilian Beister vollendete ein Solo um den überraschend aufgebotenen Mijatovic und Roman Hubnik, sein 24-Meter-Schuss landete links unten im Netz, 0:1, der ultimative Negativauftakt für die Gäste.

Hertha brauchte etwas Zeit, um sich zu erholen. Nach 22 Minuten waren die Berliner wieder im Spiel. Änis Ben-Hatira köpfte einen wuchtigen Ronny-Freistoß ein, 1:1. Nun waren auch die Hausherren beeindruckt. Hertha dominierte, Angriff auf Angriff rollte auf das Düsseldorfer Tor. Dem Anlass entsprechend war es hektisch. Mijatovic, Ronny und Ben-Hatira kassierten bereits in der ersten Hälfte Gelbe Karten. In Minute 54 drehte sich die Spannungskurve noch ein Stück weiter. Ben-Hatira setzte sich auf der linken Seite robust durch, zog in die Mitte und legte sich dabei den Ball etwas zu weit vor. Mit gestrecktem Bein stieg er gegen Adam Bodzek ein. Ein Aufschrei der Empörung in der Arena, Stark zückte sofort Gelb. Da es die zweite Karte des Deutsch-Tunesiers war, flog er mit einer Ampel-Karte vom Platz (55.). An der Seitenlinie war Manager Michael Preetz außer sich und beschwerte sich beim Vierten Offiziellen Markus Wingenbach. Hertha musste die Mission Aufholjagd fortan in personeller Unterzahl bestreiten. Es kam, was zu befürchten war. Düsseldorf spielte die Gäste-Abwehr auseinander, und in der Mitte bekam Ranisav Jovanovic den Ball und verwandelte kühl, 1:2. Nun lief der Abend aus dem Ruder.

Einige der 5000 mitgereisten Hertha-Fans zeigten sich als schlechte Verlierer. Aus dem Berliner Fanblock flogen Leuchtraketen aufs Feld, Kanonenschläge detonierten. Auf diese Provokation wurde in der Fortuna-Fankurve mit den gleichen Mitteln geantwortet, auch dort wurden bengalische Feuer gezündet und Böller geworfen. Kapitän Mijatovic und Ronny räumten die Feuer weg, wurden aber von den eigenen Anhängern weiter beworfen. Alle Appelle des Stadionssprechers fruchteten allerdings zunächst nicht, die Partie stand zum ersten Mal vor dem Abbruch. Im Gäste-Fanblock kehrte erst Ruhe ein, als ein massives Polizeiaufgebot dort einzog.

In der Addition stand es nun 2:4, dazu war Hertha einer weniger, dennoch gab sich die Mannschaft nicht auf. Raffael erzielte den 2:2-Ausgleich (85.). Jetzt war es nur ein Tor, dass Hertha vom Klassenerhalt trennte. Doch von Fußball war keine Rede, stattdessen eskalierte die Situation weiter. Die Polizei ließ mehrere hundert Einsatzkräfte in Kampfmontur vor dem Berliner Block aufmarschieren, erneut warfen einige Unverbesserliche Böller aufs Feld. Die Konfusion ließ sich immer noch weiter steigern. Sieben Minuten Nachspielzeit hatte der Schiedsrichter angezeigt. Doch nach knapp fünf Minuten stürmten Tausende von Fortunen-Fans das Spielfeld, jetzt war die Situation völlig außer Kontrolle. Noch mehr Polizei kam aufs Feld sowie mehrere hundert Ordner. Erneut detonierten Böller, bengalische Feuer wurden abgefackelt. Schiedsrichter Stark schickte die Mannschaften in die Kabine. Gut 20 Minuten blieb das Spiel unterbrochen.

Irgendwann erschien der Vierte Offizielle Wingenbach in der Hertha-Kabine und sagte, das Feld sei geräumt, die Sicherheit der Spieler gewährleistet. Hertha war in Unterzahl und hatte noch 120 Sekunden, um das eine fehlende Tor zuerzielen.

Beratung über Protest am Mittwoch

Doch statt zwei Minuten spielen zu lassen, beendete Schiedsrichter Stark das gefährliche Unterfangen in der Arena nach einer guten Minute. Deshalb gab es die oben geschilderten empörten Reaktionen der Herthaner. Laut „Bild“ will Hertha sogar Protest einlegen, um dann auf ein Wiederholungsspiel zu hoffen. Hertha-Präsident Werner Gegenbauer sagte der Morgenpost: „Heute betrauern wir den Abstieg. Einen Protest kann ich sportrechtlich nicht bewerten.“ Manager Preetz erklärte: „Ob wir Protest einlegen, darüber beraten wir am Mittwoch.“ Herthas Anwalt Christoph Schickhardt fügte hinzu: „Wir entscheiden Mittwoch und werden unsere Rechte abwägen.“

Doch am Ende wussten die Spieler, dass es nicht am Schiedsrichter gelegen hatte. „Wir brauchen hier keinen Sündenbock zu suchen“, sagte Christian Lell, „wir haben es selbst verbockt mit zu vielen schlechten Spielen in der Saison.“ Trainer Otto Rehhagel sagte: „Dieser Abend ist eine sehr große Enttäuschung. Wir haben zum wiederholten Mal in Unterzahl spielen müssen, das war unnötig. Die Begleitumstände sind eine Katastrophe. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es hält immer mehr Einzug, dass sich die Zuschauer das Recht herausnehmen, auf das Spiel einzuwirken.“ Der Trainer-Routinier beendet somit sein Engagement in Berlin mit einem Negativerlebnis. Heute wird Rehhagel mit der Mannschaft nach Berlin zurückfliegen. „Jetzt dürfen wir ein, zwei Tage traurig sein“, sagte Rehhagel. „Dann muss Hertha schauen, dass es noch ein paar Sponsoren findet, um eine bessere Mannschaft bezahlen zu können.“