3:1 gegen Hoffenheim

Herthas Traum lebt

Mit einem 3:1 gegen Babbels Hoffenheimer retten sich ungewöhnlich kampfstarke Berliner in die Relegation. Held des Tages ist Ben-Hatira.

Am Anfang von allem stand wie immer im Leben die Hoffnung. Sie sollten sich bereit machen für „die drittletzten 90 Minuten dieser Saison“ rief der Stadionsprecher den Fans von Hertha BSC vor der Partie gegen die TSG 1899 Hoffenheim zu. Gekleidet in diese Worte war das allseitige Sehnen danach, dass nach diesen 90 Minuten nicht schon alles vorbei sein möge – sondern ihnen zwei weitere Relegationsspiele folgen würden, in denen der Hauptstadtklub weiter darum kämpfen darf, auch in der kommenden Saison noch Teil der Fußball-Bundesliga zu sein.

Der Traum von der Rettung – er lebt weiter. Den von ihnen verantworteten Teil der Aufgabe löste die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel im Spiel der letzten Chance mit einem 3:1 (1:0) gegen Hoffenheim. Jeder andere Spielausgang als ein Berliner Sieg hätte für Hertha den direkten Abstieg zur Folge gehabt. Seine Erleichterung darüber, dass es anders kam, packte Manager Michael Preetz in diese Sätze: „Die Mannschaft hat heute dem enormen Druck Stand gehalten, das hat sie besser gemacht als zu weiten Teilen der Rückrunde. Sie hat gezeigt, dass sie, anders als oft angenommen, wichtige Spiele gewinnen kann. Das war ein wichtiges Spiel, ein Finale, es gab nur Sieg oder Niederlage.“ Held des Tages vor 51.837 Zuschauern war mit zwei Toren der gebürtige Weddinger Änis Ben-Hatira. „Er hat großes Engagement und großen Kampf gezeigt“, lobte Preetz.

Rehhagel und Preetz in Düsseldorf

Doch nur, weil zeitgleich der Fernrivale 1. FC Köln chancenlos war gegen den FC Bayern München (1:4), durften sich nach dem Schlusspfiff im Olympiastadion die Berliner Spieler in den Armen liegen. Sie feierten, als wäre der Klassenerhalt schon gesichert. Wie es wirklich ist, sagte Rehhagel: „Wir haben es mit Kampf und Leidenschaft in die Relegation geschafft. Aber wir haben damit nur erreicht, was wir erreichen mussten – noch nicht das, was wir erreichen wollen.“ Dieses Ziel, den Klassenerhalt, muss Hertha sich in den Ausscheidungsspielen gegen den Dritten der Zweiten Liga verdienen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dort Fortuna Düsseldorf der Gegner sein. Deren Spiel heute gegen den MSV Duisburg werden Preetz und Rehhagel live vor Ort in Augenschein nehmen.

Hertha zum Sieg gratulierte auch Hoffenheims Trainer Markus Babbel, bis Ende Dezember noch Coach der Berliner und seitdem Intimfeind von Preetz. Von seiner Ankündigung, seine neue Mannschaft würde die Begegnung mit höchster Ernsthaftigkeit angehen, war aber recht wenig zu sehen. Die Berliner ließen es aber auch gar nicht erst zu. Dafür hatte Rehhagel mit seiner Startelf gesorgt – getreu dem Motto, das die Fans in der Ostkurve auf einem Spruchband so formuliert hatten: „Große Worte, keine Taten – Maul halten und kämpfen!“

Jene Profis, die Rehhagel für die wahre Entscheidungsschlacht für untauglich befunden hatte, saßen zunächst konsequent nur auf der Bank: Ottl, Ramos, Rukavytsya und auch Bastians. Stattdessen vertraute der erfahrene Fußballlehrer auf Fabian Holland, Kapitän der U23-Mannschaft und mit der Erfahrung von zwei Bundesligaspielen gesegnet. Eine solche Personalie riskiert nur, wer nichts mehr zu verlieren hat. Oder sehr überzeugt ist von seinen Entscheidungen. Rehhagel war es, nach dem Spiel erst recht: „Wir haben mit unserer Aufstellung richtig gelegen.“

Die kämpferische Note verstärkten außerdem Patrick Ebert und Fanol Perdedaj, dazu die Rückkehrer Peter Niemeyer und Levan Kobiashvili. Für den Georgier war es das 336. Bundesliga-Spiel, womit er nach Einsätzen gleichzog mit Ze Roberto als ausländischer Spieler mit den meisten Einsätzen in der deutschen Eliteliga.

Die knisternde Atmosphäre eines Endspiels lag über der Arena. Jede noch so harmlose Sequenz, die sonst Alltag wäre, trug nun das Potenzial für Herzstillstände in sich. Die Besonderheit der Partie dokumentierte sich auch in der Körpersprache der Spieler: Wie sie die Zweikämpfe suchten und führten; wie sie sich für gelungene Aktionen gegenseitig abklatschten.

Raffael suchte in der 13. Minute den ersten Abschluss im Spiel; seinen Fernschuss boxte Torwart Tom Starke weg. Sofort war die Kulisse da. Gefeiert wurde Sekunden später, als Ben-Hatiras als Hereingabe gedachter Freistoß aus 35 Metern direkt ins Netz flog – 1:0, in diesem Moment, um exakt 15.44 Uhr, war Hertha erstmals seit Anfang März und dem 25. Spieltag wieder auf den Relegationsplatz 16 vorgerückt.

Aufgeheizte Atmosphäre

Immer aufgeheizter wurde die Atmosphäre. Jeder Pfiff gegen Hertha wurde Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer wenigstens als Angriff gegen die Stadt Berlin an sich ausgelegt. Und jede Hoffenheimer Torannäherung erfüllte ohnehin den Straftatbestand der Nötigung. Etwa als Stürmer Schipplock frei auf Kraft zulief und diesen Keeper auch umkurvte – aber dann war da noch der zurückgeeilte Roman Hubnik, der seinen Körper in eine mögliche Schussbahn warf. „Gut gemacht“, rief Kraft dem Kollegen zu, aber übertönt wurde sein Lob vom Jubelschrei aus zehntausenden Kehlen, als just in diesem Moment im Stadion die Nachricht vom Münchner 1:0 in Köln eintraf. Und zur Führung kam nun noch numerische Überlegenheit. Der Hoffenheimer Stürmer Babel rauschte mit seinem Körper in den wehrlosen Niemeyer – Gelb. Das folgende Tete-a-tete des Niederländers mit Kobiashvili bewertete Kinhöfer erneut mit Gelb, machte in Summe Gelb-Rot und Platzverweis in einer einzigen Situation.

Der Münchner Doppelschlag zum 2:0 und 3:0 nahm aus dem Parallelspiel in Köln weitgehend die Brisanz, doch in Berlin blieb es spannend. Das 2:0 mochte (noch) nicht fallen. Der wenig später mit Verdacht auf Kreuzbandriss ausgewechselte Lasogga zielte in der 57. Minute knapp am rechten Torpfosten vorbei.

Dann, endlich: Eine Hereingabe des für Lasogga eingewechselten Adrian Ramos brauchte Ben-Hatira nur noch zu vollenden. 2:0! Trainer Rehhagel und Manager Preetz fielen sich spontan in die Arme.

Compper verkürzte jedoch zum 2:1, und es verblieben immer noch fünf Minuten. Gerade noch so reichte Keeper Kraft in der Nachspielzeit der Partie an einen langen Ball heran, der geradewegs in Richtung der oberen rechten Torecke unterwegs war. Die folgende Ecke eroberte irgendwie Raffael, und weil selbst Starke mit nach vorn geeilt war, durfte der Brasilianer nach langem Spurt den Ball ins verwaiste Hoffenheimer Tor einschieben – 3:1, und mit diesem Schuss ins Glück war dieses Spiel auch zu Ende. Herthas Kampf um die Bundesliga-Zugehörigkeit geht aber weiter. Ben-Hatira warnte via Stadionmikrofon: „Noch ist nichts geschafft, es sind noch zwei Spiele!“ Seit Sonnabend ist das immerhin wieder eine gute Nachricht.

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