Birgit Fischer hält Kurs auf ihren siebten Start bei Olympischen Spielen. Nach einem zehnwöchigen Trainingsaufhalt in Maroochydore an der australischen Sunshine Coast im Bundesstaat Queensland kehrte die Grande Dame des deutschen Kanurennsports fünf Tage vor ihrem 50. Geburtstag nach Hause zurück. 35 Tage bleiben der Rekord-Olympiasiegerin aus dem brandenburgischen Päwesin noch bis zum ersten von zwei nationalen Qualifikationsrennen für die vom 27. Juli bis 12. August 2012 stattfindenden Sommerspiele in London.
Morgenpost Online: Frau Fischer, Sie kommen aus dem Sonnenparadies ins Schneetreiben. Ist das nicht gruselig?
Birgit Fischer: Das kann man so sagen. Geschlossene Schneedecke, geschlossene Eisdecken, das ist das Schlimmste, was mir passieren konnte. Es ist kontraproduktiv für mein Vorhaben.
Morgenpost Online: Wie lief das Training fernab der Heimat?
Birgit Fischer: Es war eine wunderbare Zeit. Bei super Wetter habe ich sehr gut trainieren können. Manchmal war es etwas windig, aber das gehört zu einer Outdoor-Sportart dazu. Und obwohl ich auf einem vom Pazifik gespeisten Fluss gepaddelt bin, war Ebbe und Flut spürbar, so dass die Strömung nicht immer optimal war. Aber auch das war kein Handicap. Noch nie hatte ich so viel Zeit, um am Stück zu trainieren. Ich musste echt aufpassen, dass ich nicht zu viel mache.
Morgenpost Online: Wie sah Ihr Trainingsalltag aus?
Birgit Fischer: Früh bin ich meistens kurz nach vier Uhr aufgestanden. Punkt halb sieben begann ich zu paddeln. Lange Strecken, kurze Strecken, hohe Intensitäten, je nachdem, wozu ich im Kopf bereit war. Die Einheit dauerte 40 bis 60 Minuten. Nach dem Frühstück bin ich punkt zehn Uhr in den Kraftraum. Am Nachmittag ab 16 Uhr absolvierte ich die zweite Paddel-Einheit, diesmal 30 und 60 Minuten. Manchmal bin ich dann noch Schwimmen gegangen.
Morgenpost Online: Das klingt anstrengend. Fiel Ihnen das Pensum schwer?
Birgit Fischer: Das kann ich nicht sagen. Mir ist es so leicht gefallen, wie ich es erwartet habe. Nach sechs Wochen, in denen ich mehr trainiert habe als in den letzten zwanzig Jahren um diese Zeit, trat ich etwas kürzer. Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Und ich fühle mich körperlich fit. Bei mir hat sich das Fleisch wieder mehr um die Knochen versammelt. Das Training hat total schnell angeschlagen. Ich habe wieder starke Muskeln.
Morgenpost Online: Ihre Fans können also weiter auf das Gelingen Ihres unheimlich anmutenden Vorhabens hoffen?
Birgit Fischer: Ich denke schon. Allerdings kann ich nicht sagen, wie ich wirklich in Form bin. Denn auf einer Regattastrecke konnte ich nicht paddeln. Es gab keine abgesteckte 500-Meter-Strecke. Um den 20. März werde ich auf der Brandenburger Regattastrecke das erste Mal richtig testen, was ich nun drauf habe. Ich bin schon jetzt mächtig gespannt. Schade ist, dass ich jetzt angesichts des Wetters nicht nahtlos an das Training in Australien anknüpfen kann. Ich versuche, diese Woche wenigstens noch einmal auf dem Teltow-Kanal zu paddeln, der eisfrei ist. Wenn ab Montag das Wetter nicht besser wird, werde ich noch einmal in wärmere Gefilde reisen.
Morgenpost Online: Ihre Konkurrentinnen aus der Nationalmannschaft müssen sich darüber keine Gedanken machen. Die trainieren derzeit unter der Sonne von Florida.
Birgit Fischer: Die haben es gut abgepasst. Da könnte man schon neidisch werden.
Morgenpost Online: Warum haben Sie sich nicht angeschlossen?
Birgit Fischer: Ich hätte das nicht gedurft. Das hätte man sicher als störend empfunden, vermute ich. Ich trainiere ja grundsätzlich anders als alle anderen. Das war schon kompliziert genug, als ich noch in der Nationalmannschaft war. Ich trainiere nach eigenen Erfahrungen, Als fast 50-Jährige kann ich doch nicht trainieren wie eine 20-Jährige. Die Trainer sehen es natürlich nicht gern, wenn man sein eigenes Ding durchzieht. Das bringt nur Unruhe.
Morgenpost Online: Trainerten Sie in Australien allein?
Birgit Fischer: Nein. In dem Klub, in dem ich trainierte , den ich aus früheren Camps mit der Nationalmannschaft kannte, waren auch Sportler aus anderen Ländern. Beispielsweise aus Neuseeland, Südkorea und auch die italienische Nationalmannschaft.
Morgenpost Online: Trafen Sie Josefa Idem, Ihre einstige deutsche Rivalin, die seit 1992 für Italien startet und sich mit fast 48 Jahren auf ihre achten Olympischen Spiele vorbereitet?
Birgit Fischer: Nein, sie trainiert in Spanien. Sie hat es gut, sie ist ja schon qualifiziert. Sie braucht nur noch in Form zu kommen.
Morgenpost Online: Sind Sie von Dopingkontrolleuren besucht worden?
Birgit Fischer: Die weite Reise tat sich keiner an.
Morgenpost Online: Und hat sich jemand vom deutschen Kanuverband bei Ihnen gemeldet?
Birgit Fischer: Auch nicht. Warum auch?
Morgenpost Online: Es ist doch spannend, was Sie vorhaben. Der Verband sollte doch froh darüber sein. Durch Sie ist der Kanusport wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Birgit Fischer: Mag sein, aber momentan gibt es keinen Kontakt.
Morgenpost Online: Demzufolge erhalten Sie von dort auch keine Unterstützung?
Birgit Fischer: Ich bezahle alles selber, organisiere alles selber. Es gibt auch keine Veranlassung, mich zu unterstützen. Ich bin keine Kaderathletin.
Morgenpost Online: Sie werden 50.
Birgit Fischer: Stimmt nicht, ich werde 30.
Morgenpost Online: Sie fühlen sich wie 30.
Birgit Fischer: Nein, ich fühle mich auch nicht wie 30. Ich fühle mich an manchen Tagen wie 20 und an manchen Tagen wie 100. Übers Alter denke ich nicht viel nach. Es spielt natürlich eine Rolle bei meinen vielen Vorhaben, die mich noch reizen. Wie beispielsweise jetzt beim Comeback. Ich will ja herausfinden, ob ich in diesem Alter noch Topleistungen bringen kann. Ich bin froh, so alt geworden zu sein. Es hätte auch anders kommen können. Ich finde das Alter schön und freue mich auf eine große Geburtstagsparty mit vielen Freunden.
Morgenpost Online: Was reizt Sie denn noch, außer der siebte Olympiastart?
Birgit Fischer: Ich will ein weiteres Buch schreiben. Ich will unbedingt die Welt umsegeln und um Island radeln. Es gibt aber noch einiges mehr, was ich in den nächsten fünfzig Jahren machen könnte.





