Kanu

Deutscher Olympiasieger wird Feuerwehrmann

Christian Gille war einer der besten Kanufahrer. Er wurde Weltmeister und Olympiasieger, seine herzzerreißende Geschichte ging um die Welt, als er in Athen 2004 um seinen kurz zuvor an Leukämie gestorbenen Freund weinte. Jetzt beendet der 33-Jährige seine Karriere als Leistungssportler – und wird Feuerwehrmann.

Foto: DPA

Christian Gille war drei, da stand sein Berufswunsch fest: Brandstifter. Drei Jahre später sah er dann ein, dass er wohl etwas verwechselt hatte, mit sechs machte er rüber: Brandlöscher, das sollte es sein. Feuerwehrmann. Den Wunsch hat er dann mit sich herumgetragen, bis er 33 wurde. Dazwischen lag eine furchtbar schöne Zeit als Leistungssportler, furchtbar und schön.

Gille war einer der besten Kanufahrer. Er wurde Weltmeister und Olympiasieger, er wurde ein Vorzeigeathlet, und seine herzzerreißende Geschichte ging um die Welt. Jetzt hat Christian Gille genug. Er tritt ab. „Zum Schluss hat es keinen Spaß mehr gemacht. Zum Schluss musste ich mich echt quälen, ins Boot zu steigen.“ Dann ist es Zeit, zu gehen. Sich schon mal nach Perspektiven umzuschauen. Beruflich, sportlich und überhaupt. Ein Rücktritt wie aus allen Wolken. Damit hatte niemand gerechnet. Bis auf Gille natürlich, der mit dem Gedanken sehr lange schwanger ging „Ich habe mich genug für den Erfolg gequält. Der Spaßfaktor kam zu kurz. Am Ende war es nur noch Arbeit.“

Montagabend hat er noch einmal mit den Trainern gekocht, um Adieu zu sagen, da hat Gille die Frage in den Raum gestellt: „Kann mir vielleicht jemand sagen, wie ich das jeden Tag ausgehalten habe?“ Jeden Tag Training, jedes Trainingslager weg von der Familie, jeder Wettkampf Druck.

Wer nach dem Geld schielt, verliert seine Würde

Keiner konnte ihm die Frage beantworten, das hat dann Gille selbst besorgt: „Weil ich immer für den Sport gekämpft habe, für die Ehre und den Respekt. Aber nie, nie fürs Geld.“ Wer zu sehr nach dem Geld schielt, verliert seine Würde, seine Motivation, der Aufwand für den Sport sei ohnehin nicht mit Geld aufzuwiegen. Die Rechnung ist eine Abrechnung. „Das Geld versaut den Sport. Dabei sollte es doch nicht darum gehen, möglichst viel Geld einzusacken. Sondern darum, den Gegner zu besiegen. Das ist Sport.“

Geblieben ist ihm nicht viel. Keine materiellen Werte. „Zu einem Haus hat es nicht gereicht“, sagt Gille. Nur zu einer Eigentumswohnung, aber die ist auch noch nicht abbezahlt. Trotzdem fehlt es ihm an nichts: „Ich bin frei. Kann machen, was ich will. Bin gesund. Habe eine Familie. Mehr geht nicht.“ Christian Gille ist von der bescheidenen Art. Er sagt was er denkt und nimmt doch Rücksicht. Er arbeitet im Autohaus, seit Jahren schon. Als Verkäufer? „Nee.“ Verkäufer schon mal gar nicht. Jobs im Sitzen sind, pardon, fürn Arsch. Kommt gar nicht in die Tüte. „Ich muss stehen.“ Zumindest knien.

"Olympia hat sehr viel Kraft gekostet"

Wir sehen ihn in seinem Boot, Zweierkanadier, auch im Sport hat er nicht die bequemste Position gesucht. Er kniete. Sitzen ist langweilig. Kanu ist kraftraubend. Und nicht gesund. „Olympia hat mich sehr, sehr viel Kraft gekostet. Ich war krank und bin trotzdem gefahren. Das hat mir mein Körper krumm genommen.“ Die Kraft schwindet, und manchmal tut ihm alles weh. Aber Gille ist ein Kämpfertyp. Er denkt an die Leute. Die Trainer. Den Zweierpartner. Die Fans rufen manchmal seinen Namen. Früher hätte er gesagt: „Die kann ich doch nicht enttäuschen.“ Und deshalb hätte er weiter gepaddelt. Heute sagt er: „Ich bin niemandem etwas schuldig. Ich habe den inneren Frieden mit meinem Sport gefunden. Ich bin mit ihm im Reinen.“ Noch ein olympischer Zyklus wäre nicht drin gewesen. „Ich kann ruhigen Gewissens in den Ruhestand eintreten.“

Gille und Ruhestand. So ein Quatsch. Ein Unruhestand wird das sein. Und schon erzählt er wieder. Er ist ja handwerklich so begabt. Er bastelt Messer. Küchenmesser, Jagdmesser, beste Qualität. Vielleicht wird das ja mal ein zweites Standbein. Auch die Paddel fürs Olympiaboot hat er selbst gefertigt .Irgendwie macht er immer etwas, irgendetwas mit den Händen. Modellflug, zum Beispiel, die Flieger baut er selber, angeln, Motorrad fahren, im vergangenen Jahr wurde ihm das tatsächlich verboten. Ruhestand? „Der Tag ist immer verplant. 24 Stunden sind einfach zu wenig.

In der Wohnstube steht immer noch die Vitrine, seit Jahren schon. Das Sammelsurium seiner Medaillen. Nur sind das mittlerweile so viele geworden, dass er ihnen eine Ordnung gegeben hat. Rechts Olympia, links Weltmeisterschaften.

Der Trauerflor, der hat auf Gilles kleinem Altar einen Ehrenplatz. Das schwarze Stück hat sich Gille damals selbst gebastelt, aus dem Gummiband seines zerrissenen Paddelsacks. Der Trauerflor hält die Erinnerung hoch, die Erinnerung an „Zecke“. So hat er Thomas Zereske genannt, der sein Bootspartner war, sein Vorbild, sein bester Freund. „Er hat mir alles beigebracht.“

Zereske starb acht Wochen vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen an Leukämie. Und Gille, dem mit seinem neuen Partner Tomas Wylenzek eben noch haarscharf die Olympiaqualifikation geglückt war, Gille/Wylenzek also gewannen unverhofft, unwiderstehlich und nach einem phänomenalen Endspurt die Goldmedaille im Zweierkanadier.

Erfüllung eines Kindheitstraums

Es war das Bild, das haften blieb von Athen. Zwei Kerle auf dem Podest, die Goldmedaille vor der Brust, und sie heulten sich schier die Seele aus dem Leib. „Die Verbindung zwischen ‚Zecke‘ und mir ist immer noch stark“, sagt Gille jetzt. „Ich denke immer noch viel an ihn.“ In Peking holte er dann nochmal Bronze, heute weiß er: „Das letzte Rennen. Eine Erlösung.“

Christian Gille will sich jetzt seinen Kindheitstraum erfüllen. Nicht Brandstifter will er werden, sondern Brandlöscher, Feuerwehrmann. Brandmeister bei der Stadt Leipzig, das ist jetzt die Perspektive.

Er ist schon zwei Jahre zu alt für den Job, doch für ihn wird es eine Ausnahme geben. Alle befürworten das, sogar der Oberbürgermeister. „Die wollen mich im Boot haben.“ Handwerker, sagt er, würden halt besonders gern genommen. Feuerwehrmann, der Job wäre quasi die Fortsetzung seiner Karriere. „Du stehst ständig unter Strom, weist nie, was dich beim nächsten Einsatz erwartet. Da hole ich mir dann den Kick und das Adrenalin. Der Job ist wie auf mich zugeschnitten.“ Und wo gelegentlich die kleinen Brandstifter sind, da wird der Feuerwehrmann unentbehrlich.