Die anhaltende Schwäche der Weltwirtschaft hat ein schönes Wort kreiert: Wachstumsdelle. Und genau in einer solchen befindet sich auch das Berliner Sechstagerennen. Weder ein mit Europa- und Weltmeistern gespicktes Fahrerfeld noch die gelungene Premiere der Frauen im Velodrom oder der Kampf der Athleten, um die eigenen Möglichkeiten hinsichtlich einer Nominierung für Olympia 2012 in London zu verbessern, konnten Lücken im Zuschauerbereich kaschieren. Kleine Lücken, aber eben bemerkbare. Zehntausend Fans am Abend statt elf- oder zwölftausend. Dabei würde weltweit jeder Sechstageveranstalter zu Fuß nach Berlin gehen, um zehntausend Stammbesucher persönlich in die eigene Halle zu geleiten. Handlungsbedarf gibt es im Velodrom an der Landsberger Allee dennoch.
Der Verpflichtung nachkommen
Berlins Sechstagechef Heinz Seesing geht in die Offensive. „Wir haben 1997 eine Verpflichtung für den Sport und die Zuschauer übernommen, der wir auch jetzt gerecht werden müssen. Es wird am Ende des 101.Rennens in Berlin eine schonungslose Bestandsaufnahme geben. Würden wir versuchen, die Dinge schönzureden, wäre es der Anfang vom Abstieg.“
Für Reiner Schnorfeil, gemeinsam mit Seesing Geschäftsführer der Sechstagerennen GmbH, deutete sich bereits lange vor dem Startschuss an: Es wird 2012 ein hartes Jahr für die Veranstaltung.
„Es gab sehr intensive Gespräche mit Sponsoren, es gab sehr harte Verhandlungen. Aber nicht, weil die Geldgeber uns partout nicht unterstützen wollten, sondern weil auch sie Probleme hatten, sich sehr früh festzulegen. Wir müssen aber eine Identifikation der Sponsoren mit dem Event hinkriegen. Die haben aber auch berechtigte Eigeninteressen. Es geht uns wie den Sportlern, auch wir müssen noch ein bisschen besser werden“, so Schnorfeil, der am Ende ein Sponsorenmosaik von über 30 Partnern präsentieren konnte.
Bei einem Etat der Veranstaltung im Bereich zwischen 2,5 und 3,0 Millionen Euro entfällt etwa ein Drittel auf die Einnahmen aus den Eintrittskarten. „Die Menschen haben weniger Geld zur Verfügung, und Berlin bietet wahnsinnig viel Abwechslung. Auch deswegen sind wir in der Pflicht. Wir müssen versuchen, neue Zielgruppen zu erreichen. Das sind definitiv junge Leute, und die haben hohe Ansprüche“, sieht Seesing die Herausforderung.
Für Sally Rothholz, Geschäftsführer beim Velodrom-Hausherrn Velomax, ist das Sechstagerennen allen Problemen zum Trotz „das Highlight des Jahres“. Rothholz, der für seinen Arbeitgeber durch die Sixdays etwa eine halbe Million Euro generiert, sieht eher das Positive: „Keine andere Veranstaltung lastet das Haus so gut aus, keine andere Veranstaltung. Natürlich geht die allgemeine wirtschaftliche Lage nicht spurlos am Rennen vorüber. Und selbstverständlich gibt es jedes Jahr eine Manöverkritik.“
Bis 2017 läuft der Vertrag zwischen Sechstagerennen GmbH und Velomax, dazu existiert eine Option bis 2022.
Das Geschehen auf der Bahn wird vom Umbruch im Fahrerfeld geprägt. Die weltweit namhaften Topteams gibt es derzeit nicht. Eine Kombination wie die Schweizer Bruno Risi/Kurt Betschart kannten sogar Zeitgenossen, die nie einen Fuß ins Velodrom oder eine andere Radhalle gesetzt hatten. „Es gibt einen Generationswechsel. Da brauchen wir sicher Geduld, denn so etwas kann man nicht per Knopfdruck hinkriegen. Das muss wachsen“, sagt Heinz Seesing, der das Fehlen von Lokalmatador Robert Bartko bedauert und als „falsche Entscheidung“ bewertet.
Auf der 250-m-Bahn ist von all den wirtschaftlichen Problemen nichts zu spüren. Augenfällig ist allerdings, dass sich fünf Top-Teams etabliert haben, während die anderen zehn Lehrgeld zahlen. Am Ende von Tag vier hatten sich die amtierenden Weltmeister Leigh Howard/Cameron Meyer aus Australien, die Schweizer Franco Marvulli/Silvan Dillier, die Belgier Iljo Keisse/Kenny de Ketele und die deutschen Paare Leif Lampater/Roger Kluge (Vorjahressieger) sowie Robert Bengsch/Marcel Kalz deutlich abgesetzt.
Gelungene Premiere der Frauen
Das Geschehen bei den Sprintern bestimmen die amtierenden Team-Weltmeister Rene Enders (Erfurt), Stefan Nimke (Schwerin) und Maximilian Levy (Berlin). Vierter im Bunde ist der Berliner Robert Förstemann, der mit einer Rekordrunde (250 Meter) von 12,702 Sekunden für den bislang absoluten Höhepunkt gesorgt hat.
Eine willkommene Bereicherung war auch die Premiere der Frauen. Am Ende setzte sich die mehrfache deutsche Meisterin Charlotte Becker (Berlin) mit 14 Punkten vor Madeleine Sandig (Cottbus, 20 Zähler) und der Dänin Julie Leth (21) durch. „Es hat riesig Spaß gemacht. Vor so vielen Zuschauer zu fahren war einfach ein Traum. Ich hoffe, wir dürfen im nächsten Jahr wiederkommen“, strahlte die 28-jährige Becker nach ihrem erfolgreichen Auftritt.
Für Dieter Stein, Sportlicher Leiter in Berlin, war die Drei-Tage-Premiere der Frauen „ein Versuch, der sich gelohnt hat“.
Bei den Stehern wird die Entscheidung um den Gesamtsieg zwischen Lokalmatador Florian Fernow und Europameister Patrick Kos aus den Niederlanden fallen.
So vergleichsweise sorgenfrei sich das sportliche Fahrerpotenzial für die Veranstalter darstellt, so sehr darf man gespannt sein, mit welchen neuen Inhalten die Organisatoren den Abwärtstrend aufhalten wollen. Ganz sicher muss die Zahl der Veranstaltungen wieder steigen. Derzeit wird in Deutschland nur in Berlin und Bremen gefahren.
Am Montag im Velodrom
18.00 Uhr: Einlass
19.00 Uhr: Eröffnung, Parade der Asse
19.40 Uhr: Sprinterrennen
20.10 Uhr: Derny, Europacup, Finale
20.35 Uhr: Sprinterrennen
20.50 Uhr: Mannschaftsausscheidung
21.15 Uhr: 45-Minuten-Jagd
22.10 Uhr: Showtime
22.45 Uhr: Internationaler Steher-Preis
23.30 Uhr: 30-Minuten-Jagd
00.05 Uhr: Sprinterrennen
00.20 Uhr: Mannschaftszeitfahren
00.35 Uhr: Punktefahren
00.45 Uhr: Derny, Europacup, B-Finale




