Die Frauen feiern ihre Premiere im Velodrom, und die Kampfansage ist unmissverständlich: „Ich möchte das erste Rennen in Berlin gewinnen“. Sie zeugt darüber hinaus von einer gehörigen Portion Selbstvertrauen, die die erst 17 Jahre alte Lucy Gardner aus ihrer Heimatstadt Leicester mit ins Velodrom gebracht hat. Kunststück, die Britin ist amtierende Straßen-Weltmeisterin und die Favoritin für die erste Frauen-Konkurrenz beim Berliner Sechstagerennen. „Ich freue mich besonders, dass wir hier in Berlin gleich mehrere Tage hintereinander fahren können“, sagte Gardner in Berlin.

Zwölf Starterinnen zum Auftakt

Zwölf Fahrerinnen hat der Sportliche Leiter Dieter Stein (56) verpflichtet. „Mit Charlotte Becker steht die Radsportlerin des Jahres 2010 im Aufgebot, mit Lisa Brennauer, Madleine Sandig, Lucy Gardner und ihrer Landsfrau Hannah Walker sind weitere Fahrerinnen der absoluten Klasse dabei“, sagt Stein.

Ebenfalls ein Wörtchen mitreden, wenn am Sonnabend die erste Siegerin an der Landsberger Allee gefeiert wird, will Lina-Kristin Schink (28). Die Studentin freut sich auf die drei Wettkampftage. „Die Aufregung ist in den letzten Tagen immer größer geworden. Das wird ein großartiges Ereignis und ist eine tolle Werbung für den Frauen-Radsport. Das wollen wir nutzen“, so Schink. Mit einer Top-Leistung möchte sie noch ins deutsche Olympia-Aufgebot für die Sommerspiele in London rutschen. Bislang haben aber Becker (28), Brennauer (23) und Sandig (28) die besseren Karten bei Bundestrainer Thomas Liese (43).

Mit ein wenig Abstand, aber ebenfalls viel Vorfreude, sieht Charlotte Becker das Berlin-Debüt. „Es hat schon Frauenrennen bei Sixdays gegeben. Aber die wurden schnell wieder aus dem Programm genommen. Ich bin aber froh, dass sich unsere Bemühungen ins Programm zu kommen, gelohnt haben. Es liegt jetzt in der Hand von uns Fahrerinnen, dass wir im Programm bleiben“, sagt die Wahl-Berlinerin. Vor allem die zusätzliche Möglichkeit sich in einem Wettbewerb auf die Olympischen Spiele vorbereiten zu können, ist wichtig. „Vor solchen Zuschauermassen zu fahren, wäre ein Traum“, hatte Becker vor einem Jahr gesagt, als sie im Velodrom die Auszeichnung als Radsportlerin des Jahres entgegengenommen hatte. Der Traum ist wahr geworden.

„Generell sind die Sixdays eine gute Vorbereitung für Olympia und stimmen auch die Fans auf London ein“ sagt Schink. Die Studentin aus Berlin, die ihren bislang größten Erfolg bei der Universiade 2011 in Peking (Silber mit dem deutschen Straßenteam) gefeiert hat, glaubt, dass die Frauen ins Programm gehören. „Wir sehen uns jetzt nicht nur als schmückendes Beiwerk. Es wird interessant für die Zuschauer, auch mal Frauenrennen zu sehen, und ich bin gespannt, was am Ende herauskommt. Auf jeden Fall ist man nach drei Tagen urlaubsreif.“

Das Programm des Ladys Cup ist entsprechend dem Programm bei den Männern strukturiert. Schink: „Wir fahren zweimal am Tag. Es gibt Sprints, Punktefahren, Dernyrennen und als Highlight die Mannschaftsverfolgung.“ Für Dieter Stein eine logische Konsequenz: „Wenn wir den Zuschauern die Frauen präsentieren, dann muss das den hohen Ansprüchen in Berlin genügen.“

Nachholbedarf gegenüber den Männern haben die Ladys-Cup-Starterinnen noch bei den Gagen. „Natürlich bekommen wir weniger als die Männer. Das ist schon klar, denn wir sind ja auch nur drei Tage im Einsatz. Es ist ein kleines Taschengeld, eine Art Aufwandsentschädigung, aber das ist nicht zu vergleichen mit dem, was die Männer bekommen. Aber deswegen ist es umso wichtiger, dass wir uns gut präsentieren“, hofft Schink auf monetäre Fortschritte.

Harting im Aufbautraining

Gut zwei Stunden bevor sich die Ladys erstmals den Zuschauer präsentierten, hatte Diskus-Weltmeister Robert Harting (27) seinen Job bereits erledigt – mit dem Startschuss zum 101. Rennen in Berlin. Momentan trainiert er in der Sportschule Kienbaum. „Es ist ein Mix von Anpassungstraining und Rehabilitation“, beschreibt Harting die Aufbauphase für die Saison. „Ich darf mich nicht überfrachten, aber auch nicht unterfordern. Ich komme derzeit auf etwa 60 Prozent meiner Maximalwerte.“ Kniebeugen lässt der Berliner vollkommen aus, denn nach einer Operation an der Patella-Sehne im Oktober muss er die Stützmuskulatur in diesem Bereich erst wieder aufbauen. Radfahren zur Formverbesserung geht nur bedingt. Mit derzeit 120 kg Gewicht („nach der Operation habe ich ungefähr 10 Kilo abgenommen“) bräuchte er eine Spezialmaschine mit verstärktem Rahmen wie etwa die Sprinter. Er fährt täglich auf dem Ergometer: „Ungefähr fünf Kilometer.“