Sie sind einfach nicht im Trend, die Verantwortlichen für das am Donnerstag beginnende 101. Berliner Sechstagerennen. Sechs Tage lang nichts als irgendwelche Radfahrer, die immer linksherum auf einer Holzbahn fahren – einfach so, treten, treten, treten.

Und doch: Bei der Sechstagerennen GmbH gibt es einen Ordner, auf dem steht die Zahl 2013. Darin liegen derzeit nur einige wenige Zettel, es werden aber ständig mehr. Ideen für Verbesserungen, Veränderungen oder einfach Denkanstöße für jedwede Themen. Vermutlich liegt darin das Erfolgsgeheimnis des ältesten Sechstagerennens der Welt. Offen sein für Neues, aber nicht um jeden Preis und nicht vorschnell. Wer etwas aufschreibt, der überlegt. „Wir arbeiten langfristig, wir brechen nie etwas übers Knie, und wir werden durch den Erfolg im Velodrom seit nunmehr 16 Jahren bestätigt“, bewertet Sechstagechef Heinz Seesing das „nicht im Trend liegen“ als einzig richtigen Weg.

Neues Ticketangebot

Rund 70.000 Zuschauer werden die Eingangstore zum imposanten Oval an der Landsberger Allee bis zum 31. Januar passieren. Unter anderem angelockt durch ein neues Drei-Tage-Ticket (Sonntag bis Dienstag) zum Preis von 50 Euro – dazu übertragbar. Ganz sicher auch angelockt von der Premiere für einen Teil der weltbesten Bahnradfahrerinnen, dem Ladys Cup. Dazu gibt es den harten Kampf um die Olympiatickets für London 2012 im Kreis der Sprinter, die spektakulären Rennen der Steher hinter dröhnenden Motorrädern und – last but not least – die 16 Zweierteams im Hauptrennen. An der Spitze die australischen Favoriten Leigh Howard/Cameron Meyer.

Bei allen guten Voraussetzungen für den Start ins zweite Sechstage-Jahrhundert in Berlin gab es auch Ärger im Vorfeld. Doppel-Olympiasieger Robert Bartko, 2011 umjubelter Sieger an der Seite von Roger Kluge, fehlt. Der 36 Jahre alte Potsdamer hat eine Kürzung seiner Gage „um 30 Prozent“ nicht akzeptiert. Bartko fehlte schon 2008 aus ähnlichen Gründen, auch der Schweizer Bruno Risi ließ sich 2010 wegen einer gekürzten Gage nicht zur Vertragunterschrift bewegen. Auch die starken Dänen Alex Rasmussen und Michael Morkov, 2011 auf Rang drei, fehlen in diesem Jahr. Laut Bartko seien sie, genau wie der Cottbuser Danilo Hondo, mit den angebotenen Bezügen ganz und gar nicht zufrieden gewesen. Dem widersprechen sie in Berlin. „Ich sehe das ganz nüchtern“, erläutert Seesing die vertrackte Lage, „wir hätten mit Robert Bartko eine Lösung gefunden, er wollte sich aber nicht bewegen. Berlin ist ein Einladungsrennen. Wir bewegen uns innerhalb eines Budgets. Das ist der Spielraum. Wer das als Sportler nicht akzeptieren kann, der fährt bei uns nicht.“

Fest steht: Die Möglichkeit Druck aufzubauen, liegt momentan eindeutig auf Seiten der Veranstalter. Neben Berlin gibt es in Deutschland nur noch das Rennen in Bremen. Die Veranstaltungen in Dortmund, München und Stuttgart wurden in den vergangenen Jahren wegen finanzieller Schwierigkeiten gestrichen.

Sorgen um den Nachwuchs

Das Problem hat Bartko erkannt. Und es beschäftigt den derzeit renommiertesten Sechstagefahrer der Welt. „Wenn ich mich als routinierter Fahrer auf solche finanziellen Einbußen einlasse, werden die Veranstalter so auch mit den jüngeren Fahrern umspringen. Damit wird auch dem Nachwuchs jede Perspektive genommen“, verteidigt der Oldie seine Haltung. Immerhin: Eine Bartko-Rückkehr 2013 schließen beide Seiten nicht aus.

Mit dem Startschuss durch Diskus-Weltmeister Robert Harting (Donnerstagabend um 19.55 Uhr) wird der Zwist in den Hintergrund treten. Das Berliner Publikum bekommt, was es am meisten mag – eine Mischung aus Sport und Geselligkeit, stressfrei, ohne Verpflichtungen, einfach nur Spaß haben. Abgestimmt wird mit den Füßen. So gesehen spricht nichts dafür, sich mit dem Trend zu bewegen.