Die Aufgabe war ebenso reizvoll wie gefährlich. Als Thorsten Fink im Oktober den Hamburger SV vom entlassenen Michael Oenning übernahm, befand sich die Mannschaft in einem desolaten Zustand und stand auf dem letzten Platz der Bundesliga.
Fünf Spieltage später steht der Traditionsklub immerhin auf Rang 15 und hat wieder Vertrauen gefasst. Fink, zuvor Cheftrainer in Basel und Ingolstadt, hat vor dem Spiel am Sonntag gegen den 1. FC Nürnberg einen guten Start hingelegt.
Morgenpost Online: Herr Fink, haben Sie für Ihre Trainertätigkeit einen Karriereplan aufgestellt?
Thorsten Fink: Für einen Trainer ist es schwierig zu planen. In diesem Beruf bist du ruckzuck weg vom Fenster, da reicht manchmal schon ein kleiner Fehler. Sicher war es mein Plan, den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. Jetzt ist es mein Ziel, langfristig in Hamburg zu arbeiten und mit aller Kraft mitzuhelfen, etwas Großes aufzubauen.
Morgenpost Online: Franz Beckenbauer und Ottmar Hitzfeld trauen Ihnen zu, als Trainer zum FC Bayern zurückzukehren .
Fink: Wenn Größen wie Franz Beckenbauer oder Ottmar Hitzfeld so etwas sagen, gibt mir das ein gutes Gefühl. Ich habe das aber gar nicht vor, denn der HSV ist ebenfalls ein Topverein, der alle nötigen Voraussetzungen bietet, um erfolgreich zu arbeiten: die Stadt, das Stadion, die Fans, die Tradition. Hamburg ist ja kein Retortenklub. Ein gutes Beispiel ist Dortmund: Dort hat Jürgen Klopp Zeit bekommen, in Ruhe etwas zu entwickeln. Im zweiten Jahr führte er das Team in den Europapokal, im dritten Jahr zur Meisterschaft.
Morgenpost Online: Sportdirektor Frank Arnesen verhandelte mit Ihnen, als der HSV Letzter war, Sie aber mit Basel in der Champions League standen. Welche Argumente haben gestochen?
Fink: Es hat mir imponiert, wie sehr sich die Verantwortlichen um mich bemüht haben. Da spielt auch Sympathie eine große Rolle. Es gibt Leute, da denkt man: Nee, mit denen könntest du nicht mal ein Bier trinken gehen. Und es gibt welche, zu denen du sofort einen guten Draht hast. Und genau so war das in diesem Fall. Ich habe gedacht: Du erhältst vielleicht nur einmal die Chance, zu einem großen Klub wie dem HSV zu wechseln. Ich bin den Kader durchgegangen und war davon überzeugt, die Vorgabe, nämlich nicht abzusteigen, mit diesem Team zu erfüllen…
Morgenpost Online: …obwohl sich die Mannschaft zum Teil in erbärmlicher Verfassung präsentierte?
Fink: Ich hatte die Bundesliga verfolgt und die Ergebnisse zur Kenntnis genommen. Es war mir jedoch klar, dass es nicht an der nötigen Qualität der Spieler fehlte. Die Mannschaft war verunsichert, aber ich war überzeugt davon, diese Blockaden lösen zu können.
Morgenpost Online: Sie haben mit dem Wechsel nach Hamburg also alles richtig gemacht?
Fink: Absolut. Glauben Sie mir, ich hatte einen tollen Job in Basel. Das hätte ich nicht für jeden Klub aufgegeben. Viele Leute konnten nicht verstehen, dass ich mich in dieser Situation für Hamburg entschieden habe. Die hätten für zehn Jahre in Basel unterschrieben, sich zu ihrer Frau auf die Couch gelegt und Rotwein getrunken. Aber ich bin doch nicht im Rentenalter. Ich will nach oben.
Morgenpost Online: Sie wurden von Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow als „Siegertyp“ bezeichnet, der es stets gewohnt gewesen sei, zu gewinnen. Wie passt das zum Abstiegskampf?
Fink: Ein Siegertyp passt ganz wunderbar zum HSV. Zumal ich uns nicht im Abstiegskampf sehe. Als ich kam, waren wir Letzter. Jetzt haben wir fünf Spiele in Folge nicht verloren, den Anschluss wieder hergestellt. Wir wollen uns Schritt für Schritt verbessern, und ich bin sicher, dass wir die Qualität haben, einen Mittelfeldplatz zu erreichen.
Morgenpost Online: Sind Sie zufrieden mit der bisherigen Entwicklung?
Fink: Ich bin nicht zufrieden mit den Ergebnissen, weil die Mannschaft es in einigen Spielen versäumt hat, sich mit Siegen zu belohnen. Aber was unser Auftreten betrifft, sieht das recht gut aus. Auf mich wirkt das sehr selbstbewusst, nicht mehr unsicher und zaghaft.
Morgenpost Online: Wie viel Kraft haben die ersten Wochen gekostet?
Fink: Richtig ist, dass ich schon eine intensive Zeit hinter mir habe. Aber das hat nicht an meinen Kräften gezehrt. Wir sind ja nicht im internationalen Wettbewerb vertreten, ich kann mich also auf ein Spiel in der Woche konzentrieren. Hinzu kommen Länderspielpausen. Außerdem bin ich nicht allein, sondern habe Leute um mich herum, denen ich vertraue, die mir vieles abnehmen. Sicher ist es so, dass man im Fußballgeschäft von Termin zu Termin rennt – aber ich habe das Gefühl, dafür geboren zu sein.
Morgenpost Online: Dieses Gefühl dürfte Ralf Rangnick auch empfunden haben. Dennoch setzt er gerade wegen eines Burn-out-Syndroms aus. Werten Sie solche Meldungen als Warnschuss?
Fink: Burn-out-Syndrom – das bedeutet, dass man ausgebrannt ist, keine Kraft mehr hat. Ich kenne so ein Gefühl nicht und beschäftige mich auch nicht damit, dass ich so etwas irgendwann einmal empfinden könnte. Ich bin voller Begeisterung, voller Elan, voller positiver Gefühle, dass wir beim HSV etwas aufbauen können. Es ist ja so, dass ich großen Spaß habe an dieser Aufgabe. Und wer Spaß an seiner Arbeit hat, der zieht Energie daraus.
Morgenpost Online: Sie haben gesagt, es ärgere Sie, dass Trainer nur in kumpelhafte und autoritäre Typen eingestuft werden. Welchen Stil pflegen Sie?
Fink: Ja, diese Klassifizierung nervt – und sie ist längst überholt. Ich bin sicher kein Typ wie Felix Magath . Aber das heißt nicht, dass ich zu weich bin. Ich richte mein Verhalten im Umgang mit meinen Spielern nach der jeweiligen Situation aus, da lasse ich mich gar nicht in eine Schublade stecken. Der eine braucht mehr Druck, der andere muss gestreichelt werden. Ich gehe auf jeden einzelnen ein, und wenn die Leistung nicht stimmt, dann muss ich eben herausfinden, warum die Leistung nicht stimmt. Fehlt es an Selbstvertrauen? Oder läuft es gerade in der Familie schlecht? Ist die Frau abgehauen? Schläft das Kind nicht? Als Trainer ist es meine Aufgabe, solche Dinge herauszufinden, wenn es für die Leistung relevant ist.
Morgenpost Online: Besteht die Gefahr, dass man sich als Trainer zu schnell abnutzt? Vor allem, was Motivationstricks betrifft.
Fink: Auf jeden Fall. Wenn du kurzfristig Erfolg haben musst, irgendwo als Feuerwehrmann, dann kann ein Trainer alle Register ziehen. Aber es wird schwierig, so etwas durchzuziehen, wenn nachhaltig gearbeitet werden soll. Dann sagen die Spieler sich irgendwann: Jetzt kommt der schon wieder mit seinen Sprüchen an. Sie merken schnell, wenn nichts hinter den Ansprachen steckt.
Morgenpost Online: Sie haben den Kader von Ihrem Vorgänger Michael Oenning übernommen und wollen trotz der prekären sportlichen Lage auf Wintertransfers verzichten. Steht es finanziell so schlecht um den HSV?
Fink: Das habe ich aus der Überzeugung heraus gesagt, mit dem vorhandenen Kader den Verbleib in der Bundesliga zu sichern. Wenn die Vereinsführung zur neuen Saison das Ziel ausgeben sollte, sich für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren, dann wird man auf dem Transfermarkt etwas machen müssen – aber gezielt. Mir geht es nicht darum, vier oder fünf Neue zu holen. Das ist der falsche Weg, damit unterbricht man die Entwicklung und das Wachsen einer Mannschaft. Auf die Klasse kommt es an, nicht auf die Masse. Das würde ich auch dann nicht fordern, wenn wir 20 Millionen Euro übrig hätten.




