Remis in Hannover

Mit der Leistung steigen beim HSV auch die Ansprüche

Der neue HSV-Trainer Thorsten Fink ist in fünf Bundesliga-Spielen noch ungeschlagen. Er schaffte in dieser Zeit allerdings auch nur einen Sieg.

Verärgert waren sie. Enttäuscht. Teilweise richtig böse. Noch vor ein paar Wochen hätte man ein 1:1 (0:0) bei Hannover 96 als Erfolg gewertet, nun war den Profis des Hamburger SV das Unentschieden beim Nordrivalen nicht genug. Man will mehr. Mit der eigenen Leistung steigen auch die eigenen Ansprüche. „Wir sind nach Hannover gefahren, um zu gewinnen. Nicht, um einen Punkt zu holen“, sagte Nationalspieler Dennis Aogo. Aus seiner Stimme sprach eher Trotz als Trauer. Mit dem leblosen Haufen des Saisonstarts hat der HSV Ende November nichts mehr gemein. Neues Motto: Brust raus, Ball rein.

In Hannover gelang der zweite Teil der Devise aber einzig Jeffrey Bruma. Der Niederländer versenkte die Kugel zum hochverdienten 1:0 (64.). „Bei einem Sieg hätte man sagen können, dass der HSV zurück ist. So muss man schauen, wie es weitergeht. Aber der Blick geht nur nach oben“, sagte der 20-Jährige. Bruma ist einer der zahlreichen Profis, die sie im Umfeld des Klubs eigentlich schon als zu leicht befunden hatten. Ähnlich wie Gökhan Töre, den inzwischen so famosen Wirbelwind auf dem Flügel. Einst als Chelsea-Bubis verspottet, nun Säulen der erstarkten Mannschaft.

Der Mann, der den Aufwärtstrend der vergangenen Wochen zu verantworten hat, verfolgt die Entwicklung genüsslich. „Es war für mich sehr schön anzuschauen, wie wir diesen Punkt geholt haben. Ich bin sehr, sehr zufrieden“, lobte Trainer Thorsten Fink: „Wir haben eine Einstellung gezeigt, die eines HSV würdig war. Die ersten Ziele sind erreicht. Jetzt wollen wir uns peu à peu nach oben arbeiten.“ Fink hat einen Plan. Das haben die Spieler verinnerlicht, das sieht man als Betrachter.

Wo unter seinem Vorgänger Michael Oenning heilloses Durcheinander herrschte, sind jetzt Laufwege, Abstimmung und Zuordnungen zu erkennen. An manchen Dingen hapert es aber auch noch. „Nach dem 1:0 haben wir nicht energisch genug nachgesetzt und die Angriffe nicht gut genug ausgespielt“, bemängelte der Coach. Folgerichtig kann man die nackten Zahlen seiner bisherigen HSV-Bilanz auch unterschiedlich interpretieren. Er ist in fünf Bundesliga-Spielen bei den Hamburgern noch ungeschlagen. Er schaffte in dieser Zeit allerdings auch nur einen Sieg.

„Irgendwann werden wir auch belohnt. Wir wollen uns jetzt weiter stabilisieren. Dieser Prozess dauert eben ein wenig“, sagte Fink. Das weiß auch die Mannschaft. „Wir kommen in der Tabelle von unten und haben uns mit guten Spielen da herausgespielt. Jetzt müssen wir den nächsten Schritt machen und mehr Klarheit im Torabschluss entwicklen“, sagte Mittelfeldspieler Marcell Jansen. Kapitän Heiko Westermann ergänzte: „Wir sind auf dem richtigen Weg. In einigen Phasen hat Hannover den Ball gar nicht gesehen.“

Dass es mit dem Sieg trotzdem nichts wurde, lag an Jan Schlaudraff. An einem Geniestreich, an einer Volleyabnahme aus über 20 Metern, an einem Traumtor. Elf Minuten vor dem Ende brachte Sergio Pinto eine Ecke in Richtung des weit außerhalb des Strafraums postierten Ex-Nationalspielers und Schlaudraff wuchtete den Ball gnadenlos ins Netz. Auch der in der ersten Hälfte mehrmals überragend parierende HSV-Schlussmann Jaroslav Drobny war gegen das über 100 km/h schnelle Geschoss machtlos.

„Wir haben uns diesen Punkt verdient“, sagte Schlaudraff, der in der Bundesliga zuvor 1014 Minuten auf einen Treffer warten musste: „Wenn ich schon in der ersten Halbzeit meine Chancen nutze, gehen wir in Führung und unsere Leichtigkeit ist zurück.“ Daran mangelt es den seit vier Punktspielen sieglosen Niedersachsen derzeit. Am Mittwoch soll es wieder besser klappen. Bei Standard Lüttich kann der Einzug in die Zwischenrunde der Europa League perfekt gemacht werden.