Bayern-Krise

Ohne Schweinsteiger lässt auch Kapitän Lahm nach

Seitdem Bastian Schweinsteiger verletzt fehlt, läuft es beim FC Bayern nicht mehr rund. Kapitän Philipp Lahm kann den Ausfall nicht kompensieren.

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Oliver Bierhoff hat seine Pornosammlung mitgebracht. Als Philipp Lahm diesen Satz hört, lacht er. Der Kapitän des FC Bayern München sitzt auf der Bühne des Volkstheaters München neben dem Humoristen Willy Astor, der aus Lahms Buch „Der feine Unterschied“ liest. In dem Kapitel geht es um eine Reise mit der Nationalmannschaft, und den Satz mit Teammanager Bierhoff hat Astor spontan dazugedichtet.

Rund 450 Besucher sind gekommen, haben 14 Euro Eintritt gezahlt. An diesem Dienstagabend vor der Partie der Bayern Samstag gegen Werder Bremen ist Lahm nicht nur Fußballprofi – er ist Autor und Talkgast. So unglücklich wie der Zeitpunkt – München hat zwei Spiele in Folge verloren, das Buch ist seit August auf dem Markt – ist die Lesung. Astor spricht viel und liest, Lahm spricht wenig und liest nicht. Bei der Veranstaltung ist es wie bei den Niederlagen gegen Dortmund (0:1) und in Mainz (2:3) : Lahm ist bemüht, doch es könnte viel besser laufen.

Seit Bastian Schweinsteiger einen Schlüsselbeinbruch erlitten hat, ist die Souveränität der Bayern dahin. Der Rekordmeister mit und ohne Schweinsteiger – der große Unterschied. Franz Beckenbauer sagt: „Jetzt sieht jeder, wie sehr er fehlt.“ Sein Spielaufbau, aber vor allem seine Präsenz und Führungsqualitäten. Mit ihm strahlt der FC Bayern eine enorme Sicherheit aus. Die ließen sie zuletzt vermissen. Wer kann, muss das ändern? Viele sagen: Lahm, der Kapitän.

Die Klubverantwortlichen sehen kein Führungsproblem. Sie nehmen – zu Recht – die gesamte Mannschaft in die Pflicht. Doch auch ihnen ist aufgefallen, dass die Viererkette um Lahm nachgelassen hat. 34 gegnerische Großchancen ließen die Bayern in dieser Saison bislang zu – 19 davon in den vergangenen drei Spielen ohne Schweinsteiger. Vielleicht ist Lahms große Stärke derzeit auch eine Schwäche: Der 28-Jährige fehlt fast nie, hat seit der Saison 2009/2010 alle Ligapartien absolviert. Er würde sich wohl nicht beschweren, wenn die Winterpause schon jetzt beginnen würde.

Ottmar Hitzfeld gewann als Trainer mit den Bayern die Champions League und kennt Schweinsteiger und Lahm seit Beginn ihrer Profi-Karrieren. Er bezeichnet Schweinsteiger als „Gehirn der Mannschaft“. Sein Ausfall sei so, als würde Xavi dem FC Barcelona fehlen. Die Forderung „Jetzt muss eben der Kapitän vorangehen“ sei in dieser Form zu einfach, sagt Hitzfeld: „Von der Führung her sehe ich weniger ein Problem.“

Es gehe um die Präsenz, gerade im Mittelfeld. „Ein Lahm kann nicht den Schweinsteiger auf dem Platz spielen.“ Als Linksverteidiger ist es Lahm nicht möglich, den Spielgestalter geben. Es gibt weiterhin wenig Defensivspieler, die über Jahre so konstant spielen wie Lahm. Auch in den vergangenen Wochen war er oft einer der besseren Bayern. Akzente in der Offensive – wie zu Saisonbeginn – setzte er zuletzt aber nicht.

Bei der Lesung kommt auch eine Szene aus Lahms Jugend zur Sprache. Als er für seinen Heimatverein FT Gern spielte, kam ein Talentspäher auf ihn zu. Ihm habe gefallen, wie Lahm die Mannschaft vorangetrieben habe. In der Bundesliga gelang das zuletzt nicht. Es sei seine Aufgabe, sich um das Mannschaftsgefüge zu kümmern, sagt Lahm. Aber es wäre nicht glaubwürdig, „wenn ich einen Mitspieler durchschüttle“.

Die Bayern hoffen, dass er und seine Kollegen gegen Bremen endlich wieder die „Mia san Mia“-Mentalität ausstrahlen. „Es gibt genügend Spieler. Ob das ein Manuel Neuer oder Philipp Lahm ist. Die Qualität des Führungsspielers wird dann offensichtlich, wenn es nicht optimal läuft“, sagte Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn „Bild“. Auch von Ribery, Gomez und Müller erwartet Trainer Jupp Heynckes mehr – gerade jetzt. Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge fordert eine deutliche Steigerung: „Ich hoffe, dass die Mannschaft eine Reaktion zeigt.“ Das Ziel sei klar: Platz eins nach der Hinrunde. Schweinsteigers Ausfall dürfe gegen Bremen keine Ausrede sein. Lahm sagt bei der Lesung: „Wir müssen zurück in die Spur finden.“

Sein nächstes Buch will er erst schreiben, wenn Deutschland 2014 Weltmeister wird. Und Lahm wäre froh, wenn es das Kapitel „Meister 2012“ enthält.