Markus Beyer

"Deutsche Boxer sind nicht hart genug"

Ex-Weltmeister Markus Beyer spricht mit Morgenpost Online über Sturms WM-Kampf, Abrahams Comeback und erklärt, warum Migranten im Ring besser sind.

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Markus Beyer (40) sitzt wieder bei Sat.1 als Experte am Boxring. Der Ex-Weltmeister im Supermittelgewicht nimmt den Platz von Axel Schulz ein, um die elfte Titelverteidigung von Mittelgewichtler Felix Sturm (32) zu kommentieren.

Der Superchampion der World Boxing Association (WBA), der 36 seiner 39 Kämpfe gewann, wird am Freitagabend in Mannheim (22.15 Uhr) von Martin Murray (29) herausgefordert. Der Engländer ist in 23 Profikämpfen unbesiegt, wobei er zehnmal durch K.o. gewann.

Morgenpost Online: Herr Beyer, haben Sie sich schon eine rosarote Brille zugelegt?

Markus Beyer: Warum sollte ich?

Morgenpost Online: Weil Sie sich eventuell vor Felix Sturms Allmacht fürchten.

Beyer: Wieso denn das?

Morgenpost Online: Es heißt, dass Schulz seinen Expertenjob auf Sturms Geheiß an Sie abtreten musste, da er sich zu kritisch über dessen letzten Kampf gegen den Engländer Macklin geäußert habe.

Beyer: Was Axel gesagt hat, war nicht so schlimm, dass er dafür rausgedrückt werden musste. Vielleicht rufe ich ihn vor dem Kampf noch mal an. Denn es tut mir leid für ihn, dass es so gelaufen ist. Allerdings ging es mir auch nicht anders als ihm.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Beyer: Ich habe den Job ja schon mal gemacht und wurde dann für Axel rausgedrückt.

Morgenpost Online: Warum wurden Sie geschasst?

Beyer: Sie brauchten das nicht begründen und haben es auch nicht getan. Ich wurde einfach nicht mehr eingeladen, warum auch immer.

Morgenpost Online: Gab es keinen Vertrag?

Beyer: Die Einsätze galten von Kampf zu Kampf. Auch diesmal habe ich keinen längerfristigen Vertrag.

Morgenpost Online: Was haben Sie, was Schulz nicht hat?

Beyer: Sie wollten mich haben, weil ich nur eine Gewichtsklasse höher als Felix geboxt habe und seine Leistungen deshalb besser beurteilen könne als ein Schwergewichtler. Ich lass alles auf mich zukommen und freue mich, dass ich die erneute Chance bekommen habe.

Morgenpost Online: Sehen Sie den Kampf durch die rosarote Brille, um beim nächsten Mal wieder am Ring sitzen zu dürfen?

Beyer: Nein, auf keinen Fall. Ganz sicher lasse ich mich nicht verbiegen. Ein Experte wird ja dafür eingeladen, seine Meinung zu sagen. Wenn Felix nicht gut genug sein sollte und meiner Meinung nach den Kampf verloren hat, werde ich das auch so deutlich sagen. Ich werde nichts schönreden. Dass er bei seinem bislang letzten Kampf mit einem Unentschieden gut bedient gewesen wäre, hätte ich genauso gesehen.

Morgenpost Online: Was würde Sie ihm für den Murray-Kampf raten?

Beyer: Er muss den Kampf über seine Schnelligkeit und technische Variabilität bestimmen. Wenn er glaubt, Murray mit einem Schlag auszuknocken, unterliegt er einer Selbstüberschätzung. Felix hat gar keinen richtigen Punch, auch wenn er physisch zugelegt hat. Gegen Gute kann er nicht mit einem Schlag gewinnen, sondern nur über die Vielzahl der Schläge. Noch so einen Kampf wie gegen Macklin kann er sich nicht leisten.

Morgenpost Online: Was macht Murray stark?

Beyer: Er ist physisch unheimlich robust. Er geht vor allem am Anfang ein hohes Tempo und versucht so, seine Gegner zu zermürben. Sein größter Nachteil ist sicher, bislang erst einen Kampf über zwölf Runden bestritten zu haben.

Morgenpost Online: Sollte Sturm verlieren, gibt es zum ersten Mal seit 1993 keinen gebürtigen deutschen Weltmeister mehr.

Beyer: Das wäre ein richtiger Supergau für das Boxen in Deutschland. Die Entwicklung des Profiboxens hierzulande ist in letzter Zeit ohnehin ein bisschen beängstigend. Vom Hamburger Universum Boxstall ist quasi nichts mehr zu hören. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ein so gigantisches Unternehmen so schnell in die Knie gehen kann. Und auch die Fernsehquoten sind zuletzt mit Ausnahme der Klitschko-Kämpfe rückläufig. Das stimmt schon nachdenklich.

Morgenpost Online: Woran liegt es, dass Deutschland die Weltmeister ausgehen?

Beyer: Es fehlt den Jungen an Härte, an Konsequenz und Ausdauer. In anderen Sportarten können sie schneller und leichter ganz nach oben kommen. Boxen ist nun mal ein knüppelharter, entbehrungsreicher Sport. Du musst schon ganz schön schmerzverträglich sein. Dass immer mehr Boxweltmeister einen Migrationshintergrund haben, verwundert nicht. Sie entstammen anderen sozialen Verhältnissen als denen der deutschen Wohlstandsgesellschaft und sehen eine starke Motivation darin, dem sozialen Elend durchs Boxen zu entrinnen. Sie sind deshalb viel mehr in der Lage, sich durchzubeißen und sich zu quälen.

Morgenpost Online: Trifft dass auch noch auf Arthur Abraham zu, den einstigen Mittelgewichts-Weltmeister, Ihren ehemaligen Trainingskollegen. Nach drei Niederlagen im Supermittelgewicht möchte der gebürtige Armenier wieder ins Mittelgesicht zurückkehren.

Beyer: Ich bezweifle, dass er das noch einmal schafft und auch noch zu alter Stärke zurückfindet. Wenn das Gewicht für ihn so ein Problem ist, wie ich es einschätze, dann würde ich es an seiner Stelle lieber weiter im Supermittelgewicht versuchen. Allerdings muss er dort anders trainieren und boxen. Vier Kilogramm Gewichtsunterschied machen schon eine Menge aus. Da haust du einen Gegner nicht mal so eben weg. Da musst du mehr Tempo machen. Das bedeutet, härter trainieren, mehr Kondition bolzen. Es gilt, die Kämpfe anders zu gestalten. Ich glaube, dass Arthur gute Chancen als Supermittelgewichtler hätte. Sein Problem beim Aufstieg ins Supermittelgewicht war doch, dass er gleich gegen die Allerbesten geboxt hat. Das hat er ja nicht mal im Mittelgewicht getan.

Morgenpost Online: Ein Duell gegen Felix Sturm steht deshalb noch immer im Raum.

Beyer: Es ist der Traumkampf schlechthin, er muss endlich kommen. Für Arthur wäre es die Chance, wieder oben anzukommen. Felix könnte zeigen, dass er tatsächlich der beste deutsche Mittelgewichtler ist. Dieser Kampf würde hierzulande alle elektrisieren.

Morgenpost Online: Sie haben im März 2008 Ihren letzten Kampf bestritten, haben nie offiziell Ihr Karriereende verkündet.

Beyer: Wenn das bislang noch nicht so deutlich angekommen ist, dann erkläre ich jetzt hiermit: Meine Boxkarriere ist definitiv zu Ende. Nach dem letzten Kampf bekam ich große Rückenprobleme, ich konnte mich kaum noch bewegen. Inzwischen kann wieder Skifahren und richtig joggen, worüber ich glücklich bin. Ein Comeback wird es aber nicht geben.

Morgenpost Online: Sind Sie über den Expertenjob hinaus noch mit dem Boxsport verbunden?

Beyer: Nach der Trennung von meiner Frau bin ich wieder nach Schwarzenberg zu meinen Eltern gezogen. Dort hatte ich mit dem Boxen angefangen, und dort habe ich jetzt mit meinen Vater einen Boxverein gegründet, den BC Erzgebirge.

Morgenpost Online: Und wann kommt der erste Weltmeister aus Ihrem Gym?

Beyer: Mal sehen. Jedenfalls werde ich alles dafür tun, dass es auch künftig deutsche Boxweltmeister geben wird.