"Auszeit"

Ausgerechnet England will die Torkamera einführen

Jens Hungermann

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Die Engländer erwägen die Einführung von Torlinientechnologie. Denkt man an das berüchtigte Wembley-Tor, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie.

Mit Innovationen ist das so eine Sache. Meistens brauchen ihre Entwickler länger als erhofft, und die Akzeptanz lässt anfangs oft zu wünschen übrig. 1876 beispielsweise entwickelte der Brite Alexander Graham Bell in den USA das erste funktionsfähige Telefon.

Fünf Jahre später erschien in Berlin, mit nicht einmal 200 Einträgen, das erste Telefonbuch – von der Berliner Schnauze schnoddrig als „Buch der Narren“ veralbert. Wer auf diesen neumodischen Schwindel aus Amerika reinfiel, musste doch doof sein, oder?

Innovationen verändern die Welt

Wie sich die Geschichte des Telefons entwickelt hat, ist hinlänglich ebenso bekannt wie jene der Armbanduhr. Noch 1927 taten Kritiker sie als „Modenarrheit“ ab, weil sie „an der unruhigsten und den größten Temperaturschwankungen ausgesetzten Körperstelle zu tragen“ sei. Wer tickte wohl nicht richtig?

Innovationen verändern die Welt, wiewohl nicht alle Teile daran immer auch Interesse haben. Nehmen wir den Fußball, diese Parallelwelt, in der Techniker zwar angehimmelt, Technologien jedoch verpönt werden. TV-Beweis? Bloß nicht! Torkamera? Um Gottes Willen!

Insofern ist die gestrige Verlautbarung aus dem englischen Fußballverband FA bemerkenswert. Es sei denkbar, dass in der Premier League schon 2012/2013 eine Torlinientechnologie eingesetzt werde, verriet der FA-Generalsekretär.

Ob Frank Lampards zu Unrecht nicht anerkanntes, klares Tor im WM-Achtelfinale gegen Deutschland (1:4) – es wäre das 2:2 gewesen – dem revolutionären Plan Vorschub leistet, sagte er nicht. Doch dass ausgerechnet jene Nation Vorreiter für eine Torlinientechnologie sein soll, die ihren einzigen großen Titel 1966 in Wembley (Sie wissen schon!) holte – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, oder?