Die passendsten Worte an diesem Wochenende der Bundesliga hat Huub Stevens gefunden: "Dafür finde ich keine Worte." Der Schalker Trainer wiederholt seine Sprachlosigkeit. Erst kürzlich hat er Wort für Wort schon einmal dasselbe gesagt, damals im tief sitzenden Schock über den Zusammenbruch seines Vorgängers.

Schlag auf Schlag wird der Fußball konfrontiert mit den Lebenskrisen seiner Akteure und in immer kürzeren Abständen mit Dingen, die man in dieser Häufung noch vor wenigen Jahren für ausgeschlossen gehalten hätte: etwa dass der amtierende Nationaltorwart sich vor den Zug wirft, ein verheißungsvoller Erfolgstrainer sich ausgebrannt nach Hause zurückzieht oder ein gut situierter Profi seine Villa anzündet und zur Betreuung ins Max-Planck-Institut für Psychiatrie verbracht wird.

Warum wollte Babak Rafati nicht mehr?

Und nun das: Statt zur Leitung des Spiels Köln gegen Mainz ins Stadion zu fahren, schneidet sich ein Schiedsrichter im Hotel die Pulsadern auf, legt sich zum Sterben in die Badewanne – kurz vor dem Anstoß eines Bundesligaspieles. Warum? Warum wollte Babak Rafati nicht mehr? Warum hält ein 41-Jähriger, der als Bankkaufmann und Spitzenschiedsrichter scheinbar auf der sonnigen Seite des Lebens steht, dieses Leben nicht mehr für lebenswert? Ist der Fußball schuld?

Hat Rafati nicht verkraftet, dass er von den Profis im "Kicker" dreimal zum schlechtesten Bundesligaschiedsrichter gewählt und von seinem Verband degradiert und nicht mehr als Fifa-Schiedsrichter nominiert wurde? Steckt da einer im unerträglichen Schwitzkasten seiner Kicker und Kritiker – oder womöglich gar im Steuerskandal der Schiedsrichter?

Die Tragödie wird zum Teil der Show

Fragen aller Art jagen sich gegenseitig an einem solch hysterischen Tag. "Man sollte nicht in den Details herumstochern", hat Kölns Sportdirektor Volker Finke deshalb gleich in der Stunde des ersten Entsetzens gemahnt, aber genauso gut hätte er an die Wand reden können – denn natürlich war genau dieses wilde Suchen nach den Beweggründen des Lebensmüden längst im Gange.

Wenn ein Schiedsrichter sich an einem Bundesligasamstag kurz vor dem Anpfiff die Pulsadern öffnet , wird die Tragödie auf offener Bühne gespielt, sozusagen als Stück der Show, schlimmstenfalls mit "Breaking News" und Liveschaltungen ins Krankenhaus zur Klärung der Frage: Lebt er noch? Wie geht man mit einer solchen Tragödie um?

Huub Stevens hat seine Sprachlosigkeit unterbrochen

Es ist eine Kunst, und nicht jeder reagiert in der Hysterie eines solchen Augenblicks so angemessen wie Finke. Auch dessen Mainzer Kollege Heidel beherrscht diese Kunst. "Rafati soll jetzt schnell gesund werden", hat er gesagt, "alles andere ist unwichtig." Und schon sind wir wieder bei Stevens, denn der hat seine Sprachlosigkeit kurz unterbrochen, um mit anderen Worten denselben Appell loszuwerden: "Fußball ist nur Nebensache."

In fast alle Bundesligakommentare, Halbzeitbulletins und Tageszusammenfassungen hat es der Schalker Trainer damit geschafft – und ist dafür bestaunt worden wie der Erstverkünder der Botschaft, dass die Erde doch keine Scheibe, sondern rund wie ein Globus ist.

Großes Besinnen für einen flüchtigen Moment

Es ist eine Binsenweisheit, für die Stevens eigentlich fünf Euro ins Phrasenschwein stecken müsste. Aber sie kann gar nicht oft genug wiederholt werden – denn weiß wirklich noch jemand, dass der Fußball ursprünglich erfunden wurde als Spiel? Ja, nicken plötzlich alle. Jetzt, wo Huub es sagt.

Das Insichgehen wird wieder für ein paar Tage anhalten, wie damals, nach dem Schock über Enke, als das einig Fußballvolk sich bei den Händen nahm und schwor, sich fortan wieder auf das Wesentliche des Lebens, auf Menschlichkeit und Fairness zu besinnen. So war es auch jüngst, a ls die Sache mit Rangnick passierte, in Schalke . Auch da war das Besinnen für einen flüchtigen Moment groß und gewaltig.

Geschlossen pinselte die Tribüne menschliche Grüße an den erschöpft abgetretenen Trainer aufs Transparent: "Gottes Segen und gute Besserung, Ralf!" Aber wehe, es ist ein anderer Tag, und Manuel Neuer kehrt zurück, mit den Bayern, dann pinseln sie ihre Pappdeckel um, und es ist wieder Schluss mit dem Gedusel.

Ein wütendes, gellendes Pfeifkonzert zu hören

Der Fußball ist für viele zu einer derart geschmacklosen Hauptsache geworden, dass sie einem wie Neuer das Leben zur Hölle machen. Weil darunter sogar Bayernfans sind, hat Präsident Hoeneß bei der Münchner Hauptversammlung am Freitag erzählt: "Ich habe mir überlegt: Uli, hältst du die Klappe?" Erwartungsgemäß hat er dem Schließmuskel seines Mundes aber dann doch freien Lauf gelassen und diesen Fußballverrückten erklärt, dass es auf der Welt Wichtigeres gibt als die Wut auf einen Torwart. Viel Applaus gab`s. Aber auch Pfiffe und Buhs.

Wie am Samstag im Kölner Stadion. Als der Lautsprecher bekannt gab: "Leider ist der Schiedsrichter kurzfristig ausgefallen. Das heutige Spiel kann nicht stattfinden." Da war ein wütendes, gellendes Pfeifkonzert zu hören. Nun kann man natürlich sagen, dass der Stadionsprecher nicht ganz die richtigen Worte wählte, um dem Informationsbedürfnis des Publikums und dem tragischen Hintergrund gerecht zu werden.

Aber ein Teil der Erbosten hätte zweifellos auch im vollen Bewusstsein der Geschehnisse noch auf drei Fingern gepfiffen: Jetzt opfere ich hier meinen freien Samstag, kaufe mir zu meiner Eintrittskarte noch eine teure Bratwurst mit Senf und zwei Bier – und dann finden die keinen Ersatzschiedsrichter!

Für Einzelschicksale gibt es keine Regeln

Der Fan als solcher hat keine Zeit für Einzelschicksale . Er pocht darauf, dass das Spiel weitergeht, mit oder ohne Rafati. Haben sie nicht sogar am Abend des 11.September 2001, während die schreckliche Rauchwolke in den New Yorker Himmel stieg, auf Schalke munter Champions League gespielt?

Die Besinnlichkeit war jedenfalls kurz, und ein paar Tage später, beim Ruhrderby, sagte damals der Dortmunder Manndecker Wörns: "Als mir die Fans den Mittelfinger gezeigt haben, wusste ich: Alles ist, wie es war." Business as usual. Wie am Wochenende. Auch ohne Babak Rafati hat die Bundesliga ihren Spieltag halbwegs hinbekommen, mit der Ausnahme Köln, wo ein adäquater Ersatz mit Trillerpfeife nicht schnell genug zu finden war.

Ansonsten rollte überall der Ball, und es wurde gebrüllt, gepfiffen und gejubelt wie immer – für den Umgang mit einem Einzelschicksal wie Rafati gibt es keinen verlässlichen Paragrafen im Regelheft.

Wer sich auf diesem schmalen Grat gefühlsmäßig nicht ganz sicher ist, sollte es deshalb mit Huub Stevens halten. Der hat das Wesentliche in seiner Sprachlosigkeit auf den Punkt gebracht – Wort für Wort.