FC Bayern

Diese Frau hat immer 335 Millionen Euro an Bord

Die 42-jährige Sandra König chauffiert Deutschlands teuerste Reisegruppe: die Stars des FC Bayern. Diesmal nahm sie den Morgenpost Online-Reporter mit.

Foto: Julien Wolff

Der Mann sieht gefährlich aus. Als er auf der A3 kurz vor Essen den Mannschaftsbus des FC Bayern München erblickt, beschleunigt er seine Harley-Davidson, überholt – und zeigt den Mittelfinger. Offenbar ist der deutsche Rekordmeister nicht sein Lieblingsverein, wahrscheinlich steht er mehr auf den FC St. Pauli.

Sandra König, 42, schmunzelt. So etwas schockiert sie nicht mehr. Sie hat schon viel erlebt: Hooligans, die mit Steinen werfen. Einen 1860-Fan, der ihr Fahrzeug aus Abneigung gegen den Rivalen absichtlich gerammt hat. Da bringt sie ein unflätiger Motorradfahrer nicht aus der Ruhe. Seit 23 Jahren fährt König den FC Bayern durch Europa, auch am Sonntag die relativ kurze Strecke zum Auswärtsspiel beim FC Augsburg (17.30 Uhr). Sie kutschiert ein wertvolles Gut. Wenn alle Stars um Manuel Neuer und Franck Ribery an Bord sind, ist ihre Fracht 335 Millionen Euro wert. Deutschlands teuerste Reisegruppe.

An diesem Samstagmittag ist sie auf dem Weg nach Gelsenkirchen. Die Bayern spielen tags darauf beim FC Schalke. Die Mannschaft wird am Nachmittag von München nach Köln fliegen, dort wird der Bus sie abholen und zum Hotel fahren. Es ist bei fast jeder Auswärtspartie so: Sandra König ist vor dem Team da. Nur zu Stadien, die weniger als 300 Kilometer von München entfernt sind, fährt das Team mit dem Bus. König ist die einzige Busfahrerin der Bundesliga. Wie ist das, so allein unter Männern? Gibt es von anderen Fahrern blöde Sprüche? Oder von Spielern? König schüttelt den Kopf: „Ich bin schon sehr lange dabei und behandele jeden mit Respekt. Wenn man das tut, wird man auch mit Respekt behandelt.“ Sie ist herzlich und offen, das kommt bei den Kollegen gut an. Und bei den Fußballern auch.

Deren Plätze sind jetzt noch leer, König und ihr Kollege Michael Lauerbach, 46, sind die einzigen Passagiere. König macht sich ein Brötchen mit Fleischsalat. Sie hat bis eben geschlafen, im hinteren Teil des Busses lassen sich die Sitze zu Betten umwandeln. Länger als viereinhalb Stunden am Stück dürfen Busfahrer nicht am Steuer sitzen. Also ist sie um 10.45 Uhr auf einen Rastplatz gefahren und hat Lauerbach das Steuer übergeben. Schichtwechsel.

Gomez ist nicht drin

Ein Mann kommt zum Bus, klopft an die Scheibe: „Ist der Gomez da drin?“ Nein. Er schaut enttäuscht und geht zurück zu seinem Wagen. Manche Anhänger sind aggressiver: Ein Mädchen schrieb König mal, sie würde sie verprügeln, wenn sie nicht Michael Ballack in Ruhe ließe. Einige weibliche Fans sehen offenbar jede Frau in der Nähe ihres Schwarms als Konkurrenz.

Um 7.45 Uhr ist das Busfahrer-Team in Amperpettenbach gestartet. Hier lebt Sandra König auf einem Bauernhof, und in einer Halle auf dem Gelände ist auch genug Platz für den Bus. Anschließend hat Lauerbach rund 800 Kilogramm Gepäck eingeladen, Sandra König war unterdessen noch beim Metzger und hat eingekauft: Proviant für die Fahrt und Zutaten für das Abendessen am nächsten Tag – dann wird sie für die Mannschaft kochen. Natürlich im Bus, der auch eine komplette Küche an Bord hat. Den ausländischen Profis erklärt sie immer ganz genau, was sie ihnen zubereitet. Auch wenn sie kaum Deutsch sprechen, so wie der neue Japaner Takashi Usami. „Zur Not mit Händen und Füßen“, sagt König und lacht.

Fehlt etwas, gibt es Ärger

Jeder Bundesliga-Verein hat seinen eigenen Bus. Die Fahrzeuge sind Limousine und LKW in einem. In den Stauräumen werden Trikots, Hosen, Massagebänke und Getränke transportiert. Oben herrscht Luxus: Im Bayern-Bus haben die Ledersitze Nähte in Vereinsfarben. Flachbildschirme. Getönte Scheiben. Das 480 PS starke Fahrzeug ist 600.000 Euro wert. Die Fahrer stehen unter Druck: Fehlt etwas, gibt es Ärger. Horst Ehrmantraut entließ einst als Trainer von Eintracht Frankfurt den Busfahrer, weil dieser ihm zu langsam fuhr.

Am Abend zuvor haben sich König und Lauerbach besprochen: Wie lange brauchen wir für die Fahrt? Wo könnte es Stau geben? Und ein Ziel gesetzt: Um 15 Uhr wollen sie in Essen sein. Bislang kommen sie gut durch – und können entspannt über alte Zeiten plaudern. „Ich bin durch meinen Vater zu diesem Job gekommen“, erzählt König. Er betrieb früher die Gaststätte am Trainingsgelände des FC Bayern, die Tochter half im Familienbetrieb mit. Später hatte er ein Busunternehmen, und der damalige Vereinsmanager Uli Hoeneß gab ihm den Auftrag, die Mannschaft zu fahren. Sandra König fuhr mit, später stellte Hoeneß erst ihren Vater, dann sie fest an. Als König senior vor neun Jahren starb, stieg sie zur Chef-Chauffeurin auf.

Für diesen Job braucht man starke Nerven: „Wir kriegen schon mal den Druck ab, der auf den Spielern und der Vereinsführung lastet. Da braucht man ein dickes Fell.“ Warum ist sie die einzige Fahrerin in der Bundesliga? „Für junge Frauen wäre das schwierig. Du musst die nötige Distanz zu den Spielern halten. Und direkte Ansprachen abkönnen.“ Wenn beim Bremsen mal eine Flasche umkippt, höre sie schon mal kritische Sprüche von hinten. Und nach Siegen geht es auch mal wild zu: Franck Ribery dreht dann gern die Musikanlage auf. „Champagner und Bier müssen wir bei Endspielen auch immer an Bord haben. Nach einem Sieg gehört das im Bus einfach dazu“, sagt König.

Um 15.15 Uhr parkt der Bus vor dem Hotel. Eine Viertelstunde später als geplant, jetzt ist Eile geboten. Sandra König und Lauerbach laden aus und fahren zum Flughafen. Mit der Mannschaft geht es zurück zum Hotel. Um 20 Uhr ist Abendessen, danach Feierabend.

Während des Spiels kocht sie

Am nächsten Tag geht’s ins Stadion, Abfahrt zwei Stunden vor dem Anpfiff. Vom Spiel kriegt König nichts mit – während der 90 Minuten bereitet sie das Essen für die Spieler zu. Es gibt Geschnetzeltes mit Reis, danach Apfelstrudel. Elf Trainer hat sie schon erlebt. Felix Magath war auch im Bus ein Kontrollfreak. Ottmar Hitzfeld mochte keine Paprika. Mit Louis van Gaal saßen sie ab und an bei einem Glas Rotwein und einer Tüte Chips beisammen. Den aktuellen, Jupp Heynckes, chauffierte sie schon 1988 bei dessen ersten Engagement als Trainer des Rekordmeisters.

Um 20 Uhr fährt sie aus dem Stadion in Gelsenkirchen, die Mannschaft muss den Flieger erreichen. Die Stars sind bester Laune, sie haben gewonnen, 2:0 . Der Bus kommt gut durch, viele Fans auf den Straßen winken. Sandra König hat es auch schon anders erlebt: Bei einem DFB-Pokalspiel in Magdeburg im Jahr 2000 bewarfen Chaoten den Bus mit Steinen. Scheiben gingen zu Bruch, und plötzlich standen die Hooligans an ihrer Fahrertür. „Damals ließ die Tür noch von draußen öffnen, indem man auf einen kleinen Knopf drückte. Ich dachte nur: Bitte lass die nicht den Knopf finden.“ Die Hooligans fanden ihn nicht, König kam mit dem Schrecken davon.

Und überhaupt. Es überwiegen die schönen Momente. Es gibt ein schönes Foto, auf dem Sandra König vor den Fankurve des FC Bayern steht. In den Himmel hält sie lachend die Meisterschale. So etwas erlebt sonst kein Busfahrer. Und schon gar keine Busfahrerin.