Kolumne "Nachspielzeit"

Der Trend geht zum deutschen Matchwinner

Was vom 11. Spieltag übrig bleibt: Gomez, Podolski und Reus treffen doppelt. Tore von Ballack und Lasogga bringen Siege. Deutsche Spieler entscheiden Partien.

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Ein Tor von rechts mit dem linken Fuß, ein Treffer von links mit dem rechten Bein. Zwei Tore wie geschaffen für die Bewerbungsmappe, die an die Säbener Straße geschickt werden soll.

Die spielentscheidenden Offensivaktionen von Mönchengladbachs Marco Reus beim 2:1 gegen Hannover im Stile von Arjen Robben und Franck Ribery, den zwei Ausnahmespielern auf den Außenpositionen des FC Bayern, sind Zeugnis von gleich drei bemerkenswerten Entwicklungen.

Der 22 Jahre alte Jungnationalspieler, den in der vergangenen Woche zahlreiche Komplimente aus München erreicht haben, scheint tatsächlich eine viel versprechende Kaufoption für den Rekordmeister zu sein.

Der Gladbacher Topscorer (5 Tore, 3 Torvorlagen) ist die Punkteversicherung für den letztjährigen Fast-Absteiger und momentanen Tabellenfünften. Unter seinen Teamkollegen herrscht mittlerweile die feste Meinung vor, dass sie für einen Sieg in der Defensive nur sauber bleiben müssten. Den Rest erledige Marco schon vor dem Tor des Gegners.

Reus ist kein Einzelfall: Am Wochenende wendeten gleich reihenweise die deutschen Spieler in den Bundesliga-Teams die Dinge zugunsten ihrer Mannschaftskollegen.

Ein ebenfalls hoch veranlagter Offensivspieler verhalf in Wolfsburg seinem Team zu drei Punkten. Pierre-Michel Lasogga erzielte beim Ex-Meister aus Niedersachsen mit seinem vierten Saisontor das entscheidende 3:2 für Hertha BSC. Zuvor bereitete der 19-Jährige das erste Berliner Tor durch Raffael vor und holte den Elfmeter vor dem 2:1 durch Lewan Kobiaschwili heraus. Mit seinem brachialem Drang zum Tor wird der U21-Nationalstürmer von Experten perspektivisch durchaus als Alternative zu Mario Gomez, dem Mann in der vordersten Front in der Nationalelf gesehen.

Vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw bescherte Altmeister Michael Ballack seinem strauchelndem Team in Freiburg einen schmeichelhaften 1:0-Erfolg. Der Ex-Capitano erzielte in der zweiten Minute sein erstes Bundesliga-Tor nach 1994 Tagen. Zuletzt hatte der 35-Jährige am 13. Mai 2006 in seinem letzten Spiel für den FC Bayern vor seinem Wechsel zum FC Chelsea getroffen. An der vorherigen Arbeitsstätte Robin Dutts sorgte der ehemals torgefährlichste Mittelfeldspieler Europas dafür, dass sich sein Trainer keine peinliche Niederlage einhandelte, und Bayer auf Platz acht der Tabelle zumindest nicht weiter Boden zur Tabellenspitze verlor.

In einem fortgeschrittenen Stadium befindet sich mittlerweile die Legendenbildung auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins beim Leverkusener Erzrivalen. Nach dem 3:0-Sieg gegen den FC Augsburg rief der FC-Trainer Lukas Podolski abermals zum “vielleicht besten Spieler der Bundesliga” aus. Als gesichert gilt Stale Solbakkens Erkenntnis, dass der 26-Jährige nach dem dritten siegbringenden Doppelpack und dem achten Treffer der Saison “unser großer Matchwinner ist”.

Podolskis persönlicher Rekord von 13 Toren in einer Saison aus der vergangenen Spielzeit könnte noch in der Hinrunde fällig werden. Über Platz drei in der Torjägerliste staunt der Nationalspieler selbst ein wenig. Nach elf Spieltagen sind nur Klaas Jan Huntelaar (10 Tore) und Gomez (12 Tore) erfolgreicher.

Der amtierende Schützenkönig, mithin der einzige deutsche Nationalspieler neben Miroslav Klose (2006), der im vergangen Jahrzehnt die Kanone gewinnen konnte, ist weniger Matchwinner als steter Torgarant für seine Team. „Wir sind die faulste Mannschaft der Liga, aber wir schießen die meisten Tore“, stellte Gomez nach seinem Doppelpack und der Torvorlage für Bastian Schweinsteiger beim 4:0 gegen den 1. FC Nürnberg fest. „Unser Spiel ist das Positionsspiel. Wir lassen Ball und Gegner laufen, müssen deshalb selbst weniger Laufwege zurücklegen. Das ist seit zwei Jahren unsere Stärke, nur dass wir jetzt gut verteidigen."

Der Bundesliga-Spitzenreiter ist das beste Beispiel für den neuen deutschen Führungsanspruch in der Bundesliga. Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Thomas Müller und Mario Gomez tragen die Hauptverantwortung für das von Bayern-Präsident Uli Hoeneß zur Kunst erhobenen Offensivspiel des Tabellenführers.

Selbstverständlich hat Franck Ribery Anteil an der momentan außergewöhnlichen Angriffskunst des FC Bayern, doch ist der Klub nicht mehr vom Franzosen abhängig, wie noch zu Beginn des Anstellungsverhältnisses im Sommer 2007. Und der Wirkungsgrad von Arjen Robben, 2010 alles entscheidender Münchner Erfolgsgarant in den wegweisenden Spielen der Saison, ist - verletzungsbedingt - auf den Vip-Bereich der Allianz-Arena reduziert.

Die Dominanz der Legionäre in der Liga bröckelt. Die gestandenen deutschen Nationalspieler übernehmen das Kommando auf dem Platz, und die zahlreichen einheimischen Talente bestimmen den Lauf der Spiele. Nach einem Jahrzehnt, in dem Ailton, Ribery, Grafite und Robben hierzulande Fußballer des Jahres wurden und mit Thomas Christiansen, Marek Mintal oder Theofanis Gekas gleich reihenweise stürmende One-Hit-Wonder aus Bochum oder Nürnberg die Torjägerkanone gewinnen konnten.

In Bremen allerdings arbeitet ein 33-jähriger Peruaner ohne Unterlass am gegenteiligen Beweis und seinem eigenen Mythos als bester ausländischer Torjäger aller Zeiten sowie erfolgreichster Bundesliga-Stürmer des neuen Jahrtausends. Beim 3:1 in Mainz bereitete der Mann des Spiels die Tore von Aaron Hunt und Sebastian Prödl vor und erzielte obendrein seinen 150. Treffer in der Bundesliga. Auf dem Weg in die ewige Top Ten nimmt sich Claudio Pizarro als nächstes Fritz Walter, Bernd Hölzenbein und Karl-Heinz Rummenigge vor.