Ex-Tennisprofi

Marat Safins Wandel vom Playboy zum Politiker

Der frühere Weltranglistenerste Marat Safin lässt sich wie andere russische Sportler von Wladimir Putin einspannen. Aus Langeweile?

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Max Weber, der große deutsche Soziologe, hat die Sache pfiffig schon vor rund 100 Jahren durchschaut. "Es gibt zwei Arten, aus der Politik einen Beruf zu machen", war seine Meinung: "Entweder man lebt für die Politik – oder aber von der Politik."

Nun ist im Falle Marat Safins davon auszugehen, dass Russlands Tennisstar a.D. angesichts von 14.373.291 US-Dollar Preisgeld in zwölf Jahren Profidasein ausgesorgt haben dürfte – und das mit 31 Jahren und trotz eines gewissen Hanges zu Champagner, Frauen und schnellen Autos. Webers Variante Nummer zwei scheidet also aus. Bleibt die Frage: Warum zieht es den früheren Weltranglistenersten nun, knapp zwei Jahre nach dem Karriereende, in die Politik?

Putin rekrutierte schon diverse Sportgrößen

Bei der Wahl am 4. Dezember kandidiert Marat Michailowitsch Safin als Mitglied der Partei Einiges Russland für die Region Nischni Nowgorod für einen Sitz im russischen Parlament. Chef der Staatspartei ist Ministerpräsident Wladimir Putin, der schon diverse Sportgrößen rekrutiert hat: Eiskunstlauf-Olympiasieger Anton Sicharulidse (35) etwa legt eine steile Karriere hin, die Sportgymnastin Alina Kabajewa (28) lobbyiert ebenso für Putins Partei, und Boxer Nikolai Valuev (38) tingelte unlängst durch Sibirien, wo er ernsthaft (!) nicht nur den Yeti suchte, sondern auch Wahlkampf betrieb, um ins russische Parlament einzuziehen.

Safins Ambitionen sind dabei noch diffus, auch wenn er als Funktionär im russischen Tennisverband und im Nationalen Olympischen Komitee bereits sportpolitisch zu netzwerken gelernt hat. Treibt den Playboy ("Tennis konnte nie mein ganzes Leben sein") die Langeweile in die Politik? An Selbstbewusstsein hat es den zum Jähzorn neigenden Safin – in seiner Tenniskarriere soll er mehr als 1000 Schläger à rund 200 Dollar pro Stück zertrümmert haben – noch nie gemangelt. "Ich bin ein intelligenter Kerl, und ich kann eine Menge Ideen einbringen", erklärte er dieser Tage.


Vor Freude die Shorts runtergelassen

Beliebt ist Marat Safin ohnehin, schon allein wegen seiner Temperamentausbrüche und Schoten auf dem Platz. Einmal ließ der zweimalige Grand-Slam-Turniersieger (US Open 2000, Australian Open 2005) bei den French Open nach einem sensationellen Ballwechsel vor Freude seine Shorts herunter. Der Stuhlschiedsrichter bestrafte ihn dafür mit Punktabzug – und wurde anschließend vom Publikum in Roland Garros böse ausgebuht.

Typen mit Charisma und unterhaltsamen Allüren gehen der Profibranche mit ihren zig glattgebügelten Tennisakademieabsolventen ja zunehmend ab. Einen wie Safin werden sie in Russland so schnell nicht wieder finden, glaubt nicht nur Pete Sampras, Amerikas wohl bester Tennisspieler der Geschichte: "Marat ist sehr intelligent und beredt. Ich finde es großartig, wenn er in seinem Heimatland in die Politik geht. Er kann gut mit den Leuten, sie mögen ihn. Das ist als Politiker die halbe Miete."


Win-win-Situation?

Für einen Profisportler im Ruhestand wie für eine Partei kann ein Engagement im besten Falle zur Win-win-Situation werden: Die Partei mehrt ihr Renommee, der Sportler muss als Zückerchen für besondere Dienste am Vaterland auch künftig nicht aufs Rampenlicht verzichten. Wobei das bisweilen zum Abschussrampenlicht werden kann.

So machte sich der neunmalige Leichtathletik-Olympiasieger Carl Lewis (50) im Frühjahr als Kandidat der Demokraten vergeblich Hoffnung auf einen Sitz im Senat von New Jersey. Den Bundesstaat hatte der frühere Basketballprofi Bill Bradley (68) von 1979 bis 1997 im US-Senat vertreten. Bradleys Präsidentschaftsambitionen scheiterten 2000 jedoch – Al Gore wurde zum Kandidaten der Demokraten gekürt.

Gutes tun am Mitmenschen

Beispiele von Athleten-Karrieren in der Politik gibt es diverse, wobei Berufungen wie jene von Chinas 110-Meter-Hürden-Olympiasieger Liu Xiang in die Jugendliga der Kommunistischen Partei vorigen Monat wohl eher in den Bereich Parteipropaganda fällt denn in den beseelten Wunsch des Sportlers, durch politisches Wirken Gutes zu tun am Mitmenschen. So wie beim Weltfußballer von 1995, George Weah (45), der 2005 für das Staatspräsidentenamt in seiner instabilen Heimat Liberia kandidierte. Oder bei Boxer Vitali Klitschko (40), der als Vorsitzender der Partei Ukrainische demokratische Allianz für Reformen für mehr Demokratie kämpft.

Wie auch immer Marat Safins Weg in die Duma weitergeht, oder wo er endet – der Vorschusslorbeer für den smarten Jungpolitiker ist groß. Tennisidol Sampras glaubt gar: "In 20 Jahren wird Marat Präsident von Russland sein."