Wahlkampftour

Boxer Valuev kämpft in Sibirien für Putins Partei

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Gunnar Meinhardt

Foto: picture alliance / dpa/EPA

Profiboxer Nikolai Valuev spricht mit Morgenpost Online über sein Ziel, Sportminister zu werden, seine Jagd auf den Yeti und den Kampf gegen einen Klitschko.

Schlagzeilen als Preisboxer hat Nikolai Valuev, 38, lange nicht gemacht. Ohnehin ist es momentan schwierig, den größten und schwersten Weltmeister der Geschichte (2,13 Meter, 150 Kilogramm) aufzustöbern. Der russische Riese reist derzeit Zeit kreuz und quer durch Sibirien. Mit einer Fläche von mehr als zehn Millionen Quadratkilometern ist das Gebiet größer als jedes andere Land der Erde.

Morgenpost Online: Herr Valuev, um Sie ist sehr ruhig geworden. Als letztes war zu hören, dass Sie den sagenumwobenen Yeti suchen.

Nikolai Valuev: Das stimmte tatsächlich. Wir wollten den Schneemenschen im sibirischen Altai-Gebirge finden. Die Expedition habe ich aber erst einmal beendet. Ich muss mich nun intensiv um die Parteiarbeit kümmern.

Morgenpost Online: Parteiarbeit?

Valuev: Ja, sie haben sich nicht verhört. Sie erreichen mich gerade in Kemerowo, wo ich auf Wahlkampftour bin.

Morgenpost Online: Wo sind Sie?

Valuev: Kemerowo ist die zweitgrößte Stadt des gleichnamigen Verwaltungsbezirks, der im südlichen Sibirien liegt. Auf einer Fläche, die etwas größer ist als Österreich, leben hier über 2,8 Millionen Menschen. Ich möchte die Region künftig in der Duma, dem russischen Parlament, vertreten. Übrigens kommt aus der Stadt Kemerowo auch der deutsche Fußball-Nationalspieler Andreas Beck, der bei 1899 Hoffenheim gerade seinen Vertag vorzeitig verlängert hat.

Morgenpost Online: Seit wann sind Sie in dieser Mission unterwegs und für welche Partei?

Valuev: Die Wahlkampfkampagne wurde unlängst von Wladimir Putin ausgerufen. Ich gehöre der Partei Einiges Russland an, dessen Vorsitzender Putin ist. Es ist meine erste Wahlkampfperiode.

Morgenpost Online: Warum stehen Sie zu Putin?

Valuev: Ich halte ihn für den derzeit besten Anführer unseres Landes. Er versteht es, das Land zusammenzuhalten. Unter Boris Jelzin drohte es zu zerfallen. Putin hat dafür gesorgt, dass das Land nicht zugrunde gegangen ist. Das rechne ich ihm hoch an. Russland ist mein Heimatland, ich möchte, dass es ihm gut geht, dass es an Stärke gewinnt, und ich glaube, das geht nur durch Putin. Ich bewundere ihn, habe großen Respekt vor ihm.

Morgenpost Online: Sie schwärmen ja mächtig für den früheren Geheimdienstchef. Viele Ihrer Landsleute und auch das Ausland stehen Putin skeptischer gegenüber. Dessen Vorgänger als russischer Präsident, Friedensnobelpreisträger Michael Gorbatschow, beispielsweise kritisiert, dass Putins Partei aus Bürokraten und der schlimmsten Version der 1991 verbotenen Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) besteht. Weder Parlament noch Justiz und Presse seien frei. Die Boulevardzeitung „Moskowskij Komsomolez" taufte Russland angesichts des autoritären Führungsstils von Putin in „Putlandia“ um.

Valuev: Ich verstehe, was sie meinen. Doch glauben sie mir, unser Land ist jetzt relativ gut aufgestellt. Wenn ein anderer regieren würde, bin ich mir sicher, driften wir in die Vergangenheit ab statt nach vorn zu marschieren. Es ist fatal, Russland mit Rest-Europa zu vergleichen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, so wie Feuer und Wasser. Der Russe ist ein anderer Mensch, das ist eine Frage der Mentalität. Nicht umsonst sagt man, der Russe hat eine ganz spezielle Seele.

Morgenpost Online: Das heißt?

Valuev: Die Russen müssen anders regiert werden. Sie sehnen sich regelrecht nach einer starken Führerfigur.

Morgenpost Online: Würden Sie nicht lieber unter einer Demokratie nach westlichem Muster leben wollen?

Valuev: Natürlich wollen wir demokratische Strukturen schaffen. Doch das ist nur durch einen ganz sensiblen Prozess möglich. Das muss sehr, sehr vorsichtig, also Schritt für Schritt, gemacht werden.

Morgenpost Online: Wie weit Russland vom hiesigen Demokratieverständnis noch entfernt ist, beweist der Machtdeal zwischen dem Noch-Ministerpräsidenten Putin und Noch-Staatspräsident Dmitrij Medwedew. Es ist doch eine Farce, wenn Medwedew, der seinen Freund Putin 2008 nach achtjähriger Amtszeit als Staatspräsident abgelöst hatte, ihn nun für 2012 erneut zur Wahl des Staatschefs vorschlägt.

Valuev: Ich sehe darin überhaupt nichts Undemokratisches. Putin hat zwar angekündigt, kandidieren zu wollen, was aber noch längst nicht heißt, dass er es tatsächlich tun wird. Außerdem sind ja im März die Wahlen. Unsere Menschen werden dann entscheiden, wer der nächste Präsident sein wird.

Morgenpost Online: Die Wahl der 450 Abgeordneten für die Duma ist am 4. Dezember. Warum sollen die Menschen Sie wählen?

Valuev: Weil ich den Sport- und Sozialbereich für Kinder- und Jungendliche verbessern möchte. Dafür bin ich momentan pausenlos unterwegs. Jeden dritten Tag reise ich in eine andere Stadt. Dort rede ich mit den Verantwortlichen, besuche Kinderheime und krebskranke Kinder in Krankenhäuser, versuche durch Fernsehauftritte und PR-Aktionen Geld für sozial Schwache zu sammeln. Außerdem will ich, dass russische Sportler bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften wieder mehr Medaillen gewinnen. So, wie vor 20, 30 Jahren. Ich selbst habe sechs Boxschulen eröffnet und organisiere Turniere für Amateure.

Morgenpost Online: Zwei von Ihren Berufskollegen haben parallel zur Boxkarriere bereits eine Politikerlaufbahn eingeschlagen. Der Superstar der Szene, Manny Pacquiao, ist als Mitglied des philippinischen Kongresses zum Regierungschef der Provinz Sarangani gewählt worden. Und Vitali Klitschko ist Vorsitzender der Partei „Ukrainische demokratische Allianz für Reformen“. Was streben Sie an? Wollen Sie Putin nachfolgen oder vielleicht russischer Sportminister werden?

Valuev: Erst mal muss ich in die Duma gewählt werden. Dann sehen wir weiter. Sportminister ist schon ein reizvolles Ziel.

Morgenpost Online: Bleibt Ihnen bei Ihrer politischen Ambition noch Zeit fürs Boxtraining?

Valuev: Wenig. Ich trainiere, um mich fit zu halten, aber das hat nichts mit einer gezielten Kampfvorbereitung zu tun.

Morgenpost Online: Vor einem Jahr wurden Sie an der linken Schulter operiert, im Dezember 2010 folgte ein Eingriff am rechten Handgelenk. Könnten Sie sich überhaupt schon wieder richtig belasten?

Valuev: Vor kurzem war ich in Deutschland, um meine behandelnde Ärztin zu konsultieren, in der Hoffnung, von ihr grünes Licht zu bekommen. Doch bedauerlicherweise war sie nicht da. Im November werde ich deshalb noch einmal nach Deutschland kommen.

Morgenpost Online: Ihr Promotor Kalle Sauerland hat versprochen, dass wir Sie noch einmal im Boxring sehen werden.

Valuev: Ehrlich gesagt, weiß ich das noch nicht genau. Es gibt zwar viele Verhandlungen, doch noch lässt sich nichts Konkretes sagen. Während des Wahlkampfes steht das Thema eh nicht auf meiner Agenda.

Morgenpost Online: Ihr letzter Kampf war im November 2007. Damals verloren Sie in Nürnberg durch eine Punktniederlage gegen den Briten David Haye Ihren Weltmeistertitel der WBA. Reizt es Sie nicht, noch einmal Champion zu werden? Die Klitschko-Brüder , die derzeit die WM-Gürtel der vier bedeutenden Boxweltverbände WBA, WBC, WBO und IBF besitzen, tönen, Sie als Erste ausknocken zu wollen.

Valuev: Rein emotional zieht es mich magisch in den Boxring. Ich liebe den Faustkampf, das Duell Mensch gegen Mensch. Seit fast 20 Jahren boxe ich. Natürlich wäre es das Reizvollste, gegen die Klitschkos zu boxen. Sie sind momentan das Maß aller Dinge im Schwergewicht. Aber dazu habe ich ja schon genug gesagt, ich bin gespannt, was die Zeit bringt.

Morgenpost Online: Hängt Ihre sportliche Zukunft von der Wahl ins russische Parlament ab?

Valuev: Ja, auch. Es wäre zu schwierig, zwei große Sachen parallel laufend zu machen.

Morgenpost Online: Und was ist mit der Suche nach dem Yeti, diesem angeblich bis zu drei Meter großen, behaarten Zweibeiner, der vier Zentner schwer sein soll?

Valuev: Das bleibt ein Thema unabhängig vom Ausgang der Wahlen. Ich möchte ihn unbedingt finden. Bei der ersten Expedition war mir das leider nicht möglich, weil zu viele Menschen dabei waren. Ich war aber an Plätzen, wo er schon gesehen wurde. Wir haben sogar gut erhaltene Fußabdrücke und seine mögliche Schlafstätte gesehen. Die Regionalverwaltung in Sibirien geht zu 95 Prozent davon aus, dass der Yeti in der dortigen Region lebt, wo wir waren.

Morgenpost Online: Glauben Sie echt, dass es ihn gibt?

Valuev: Es gibt so viele verschiedene Lebewesen, die auf unterschiedlichste Art existieren. Die Biologen machen immer wieder neue Entdeckungen. Ich schließe nicht aus, dass es den Yeti gibt, für mich wäre es nichts Außergewöhnliches.