Sie hatten sich so viel vorgenommen in Berlin, doch am Ende ging einmal mehr alles schief. Für fünf Minuten unterbrachen am vergangenen Wochenende alle Fußball-Schiedsrichter ihre Amateurpartien, um gegen die wiederholte Gewalt auf dem Platz gegen Referees zu protestieren. Und dann, nur einen Tag später, mussten am Sonntag gleich wieder vier Spiele abgebrochen werden – auch wenn die Attacken diesmal nicht den Unparteiischen galten.
Bei den Auseinandersetzungen in der Kreisliga B während der Partie zwischen Borussia 1920 Friedrichsfelde und Berliner Amateure II verletzte ein bisher Unbekannter einen 32-jährigen Spieler mit einem Teleskopschlagstock im Gesicht so schwer, dass dieser in einem Krankenhaus behandelt werden musste. Auch beim Bezirksligaspiel der A-Junioren zwischen dem SV Wannsee und Eintracht Südring mussten Beamte Strafanzeigen aufnehmen. Gewalt auf dem Fußballplatz – ein unheilvoller Trend, der seine Fortsetzung derzeit wohl auch abseits des Platzes bei den „Fans“ findet.
1000 verletzte Zuschauer
Denn auch der Besuch eines professionellen Fußballspiels in Deutschland war im vergangenen Jahr statistisch gesehen so gefährlich wie lange nicht mehr. Rund um die Spiele der Bundesliga und der Zweiten Liga sind in der vergangenen Saison 846 Personen verletzt worden. Das ist der höchste Wert der letzten zwölf Jahre, wie aus dem Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze (Zis) hervorgeht. Zählt man die Dritte Liga hinzu, wurden 2010/11 sogar über 1000 Fußballbesucher verletzt. Die Zahl der ausgesprochenen Stadionverbote ist im Vergleich zum Vorjahr leicht angestiegen. Auch die Gesamtzahl der gewaltbereiten Fans (Kategorie B und C) stieg nach Angaben der ZIS um rund 10,5 Prozent auf fast 10.000.
Rückläufig sind dagegen die Anzahl der rund um die Spiele Festgenommenen sowie die Einsatzstunden der Polizei (insgesamt um rund 198.000 Stunden auf nun ca. 1,56 Millionen). 2010/11 gab es mit 6061 Festnahmen 723 weniger als im Jahr zuvor. Entwarnung gibt die Zentrale Einsatzstelle nicht. Eine hohe Polizeipräsenz sei weiterhin erforderlich, die Bundesliga unverändert am stärksten betroffen. „Eine Verlagerung in untere Spielklassen ist weiterhin nicht erkennbar“, teilt die Zis mit.
Auch die Problem-Fans werden zahlreicher. Zur Gruppe der gewaltbereiten Anhänger in den ersten beiden Ligen gehöre 9685 Personen, das sind 920 Personen mehr als im Vorjahr. Dies sei zum einen „durch auf-/abstiegsbedingte Schwankungen“, zum anderen „durch eine Neubewertung der Störerszenen“ erklärbar, heißt es im Zis-Bericht. Eine „Trendwende“ beim Gewaltproblem sei in den ersten vier Spielklassen nicht zu beobachten.
Stadionverbote wurden in der zurückliegenden Spielzeit insgesamt 1183 ausgesprochen, die allermeisten davon bundesweit (983). Stand September sind rund 2500 Fans von allen in Deutschland stattfindenden Fußballspielen ausgeschlossen.
Bei den Straftaten nehmen die Körperverletzungen nach wie vor den größten Anteil ein (27 Prozent, insgesamt 1572 Vorfälle). Landfriedensbruch und die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a StGB) nahmen dagegen deutlich um 28 bzw. 35 Prozent ab. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) reagierte verhalten optimistisch: „Das Gesamtbild hat sich auch aufgrund des Engagements aller Beteiligten offensichtlich nicht wesentlich verändert“, teilte die DFL am Dienstag mit. Man freue sich besonders, dass die Einsatzstunden der Polizei um mehr als zehn Prozent reduziert werden konnten, werde aber zusammen mit dem Ligaverband „den eingeschlagenen Weg der Prävention und des Dialogs fortsetzen“, hieß es weiter: „Denn jede Verletzung und jedes Strafverfahren ist eines zu viel.“
Psychologe mahnt Fernsehsender
Für den Berliner Sportpsychologen Reinhard Franke spielt der Erlebnis-Faktor für viele Fußballfans eine große Rolle. Dies sei aber auch der Nährboden für die Hooligan-Szene: „Die wollen Spaß haben, und für manche ist Gewalt dann eben Teil des Spaßes“, sagte er.
Nach Erklärungen suchte Franke auch in Bezug auf die Gewalt unter Amateurspielern. Er sieht sie im Profibereich: „Dort wird eine gewisse sportliche Aggressivität geradezu verlangt“, sagte er. Bei Bundesligaspielen sprächen Kommentatoren etwa wie selbstverständlich von „taktischen Fouls“. „Das ist natürlich die Akzeptanz eines Regelverstoßes“, sagte Franke. „Ein Foul wird als kluges Foul zum richtigen Zeitpunkt beschrieben.“
Die Bereitschaft zur friedlichen Lösung von Konflikten nehme insgesamt ab. „Der Fußballplatz ist Teil der Gesellschaft, keine Insel der Glückseligen“, sagte Franke. Die aktuellen Zahlen belegen diese These eindrucksvoller denn je.
BMO



