Zwischen Stuttgart und Hoffenheim liegen Luftlinie nur 77 Kilometer, aber die beiden Bundesligaklubs trennen Welten. VfB und TSG 1899, die am Samstag in der Arena der Schwaben aufeinandertreffen, sind sich nicht besonders grün.
Außer der geografischen Nähe gibt es nicht viel, was diese beiden Vereine noch verbindet. Und das Derby? Von wegen Derby, sagt Fredi Bobic, Stuttgarts Sportchef, alles Blödsinn. „Fragen Sie doch mal unsere Fans, was die davon halten! Die akzeptieren es nicht, dass das Spiel schon ein Derby sein soll.“
Tatsächlich haben der VfB Stuttgart und die TSG 1899 Hoffenheim erst sechsmal in der Bundesliga gegeneinander gespielt, und viel Tradition besitzt diese Begegnung daher nicht. Vor allem die Etablierten aus der Landeshauptstadt Baden-Württembergs hegen Argwohn und sprechen gern mal despektierlich vom „badischen Ausland“, wenn vom Emporkömmling aus der Provinz die Rede ist.
Grund für den Ärger sind vor allem die aus Sicht des VfB aggressiven Versuche der TSG, talentierte Jugendspieler abzuwerben. Der „Sport Bild“ sagte Bobic: „Hoffenheim ist für uns in diesem Zusammenhang ein sensibles Thema. Es gab in der Vergangenheit ein paar Wirrungen. Ihre Strategie ist anders aufgebaut als unsere. Wie sie vorgehen, ist extrem.“
Berater und Scouts – auch aus anderen Vereinen – würden die Spieler auf dem Trainingsplatz ansprechen und sie sogar vom Platz bis in die Kabine begleiten. Bobic: „Ich habe solche Typen schon verwarnt und vom Gelände geschickt.“ Er erwägt sogar, während sämtlicher Trainingseinheiten der Jugend das Klubgelände zu sperren.
Nicht weniger als sieben ehemalige Stuttgarter spielen heute im Kraichgau: Andreas Beck, Marvin Compper, Matthias Jaissle, Sebastian Rudy, Sven Schipplock, Boris Vukcevic und Tobias Weis. Die Mehrzahl folgte damals ihrem ehemaligen Trainer Ralf Rangnick, der die Spieler vorher in Stuttgart ausgebildet hatte. Die ungewöhnlich vielen Einwegtransfers liefen einvernehmlich ab, der VfB kassierte viel Geld – etwa vier Millionen Euro für Rudy oder 3,3 Millionen Euro für Beck.
Doch ein gutes Verhältnis? Von wegen! Denn im Laufe der Zeit hat es sich zwischen beiden Klubs immer mehr eingetrübt. Besonders auf Ernst Tanner sind die Stuttgarter nicht gut zu sprechen. Dem Hoffenheimer Manager unterstellen sie Rambo-Methoden bei den Versuchen, weitere Talente wegzuschnappen.
Wie im jüngsten Fall von U17-Nationalspieler Jeremy Toljan, den der Klub von Milliardär und Mäzen Dietmar Hopp für angeblich 400.000 Euro Ablöse holte, obwohl er beim VfB noch einen gültigen Vertrag hatte.
Für Manager Bobic ein Unding. Denn damit wurde ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen, wonach Jugendspieler nicht abgeworben werden dürfen, solange sie unter Vertrag stehen. „Diese Vereinbarung wurde einfach aufgekündigt“, klagt Bobic und sieht darin eine Verrohung der Sitten.
Tanner hält dagegen. „Toljan hatte schulische Probleme und bekam nicht die nötige Unterstützung vom VfB. Er kam zu uns, weil er von unserem Jugendkonzept überzeugt ist“, sagt er.
Verbale Revanche
Bobic revanchiert sich verbal mit einem Lockruf für Rechtsverteidiger Andy Beck, der beim VfB auf seiner Position herzlich willkommen wäre. Ohne dessen Namen zu nennen sagte der Manager im „Kicker“: „Die Tür nach Stuttgart ist offen.“ Jeder wusste, wer damit gemeint war.
„Ich danke Fredi Bobic, dass er die Tür offenhält“, ätzt Holger Stanislawski, der Hoffenheimer Trainer, zurück. Der Appell verhallte ohnehin ungehört. Am Freitag gaben die Hoffenheimer bekannt, dass Beck seinen bis 2012 laufenden Vertrag vorzeitig bis 2014 verlängert hat.
„Ausschlaggebend war, dass sowohl der Klub als auch der Trainer ein Konzept haben, mit dem ich mich identifizieren kann“, begründet Beck seinen Schritt. Er hat damit rechtzeitig vor dem richtungsweisenden Spiel, dessen Sieger sich im oberen Tabellendritten festsetzen kann, ein Zeichen gesetzt.
Aber vielleicht schlägt bald ein anderer Ex-Hoffenheimer bei den Stuttgartern auf. Christoph Hemlein (19) bekam bei den Kraichgauern keinen Vertrag, ging als Einziger den umgekehrten Weg und empfiehlt sich nun mit guten Leistungen in der Drittligamannschaft des VfB für ein Debüt in der Bundesliga.
Reichlich Zündstoff also. Zu den kleinen Sticheleien mag zählen, dass die Stuttgarter die Partie nicht als echtes Derby anerkennen. Bobic: „Ein Derbycharakter entwickelt sich erst mit der Zeit. Derbys sind eher, wenn wir gegen Karlsruhe oder Freiburg spielen.“
Dagegen bemüht sich Sven Ulreich, das brisante Nachbarschaftsduell um den Status der Nummer eins im Ländle zu entschärfen. „Weil in Hoffenheim nix los ist, sind die Spieler eh immer in Stuttgart“, sagt der VfB-Torwart und grinst.




