Schwimm-WM

Steffens Krise in Shanghai belastet den Verband

Britta Steffens Flucht ließ ratlose DSV-Trainer in China zurück. Paul Biedermann nimmt seine Freundin in Schutz: "Man sollte respektvoller mit ihr umgehen."

Das deutsche Team trägt schwarz bei der WM. Die Schwimmer, die im Oriental Sports Centre zum Anfeuern die deutschen Fähnchen schwenkten, wirkten müde. Bis auf den unbeschwerten Auftritt von Christian vom Lehn (19), der am Freitag über 200 Meter Brust Bronze gewann, hat keiner den anderen mit seiner Beckeneinlage vom Sitz gerissen.

Als die Zuschauer in Trainingsanzügen nach der Siegerehrung für die 4x200-Meter-Staffeln abzogen, war es, als setze sich ein Trauerzug in Bewegung. Deutschland war als Vierter nicht auf dem Podest vertreten. Und Britta Steffens Abgang schien die Katerstimmung nur zu verstärken.

Die Olympiasiegerin war nach ihrem 100-Meter-Vorlauf zurück nach Berlin geflogen, war für niemanden zu erreichen und überließ die Kommunikation ihrer China-Krise dem Deutschen Schwimmverband (DSV). „Es gibt verschiedene Beweggründe, die wir im Detail nicht benennen wollen“, sagte Sportdirektor Lutz Buschkow und bat um Verständnis, dass darüber auch vor Ende der WM „keine Worte mehr verloren“ werden.

Der große Kehraus führte zu wilden Spekulationen. Der dass Steffen eine vorzeitige Abreise nahe gelegt worden sei, widersprach Buschkow: „Es war ihre Entscheidung.“

Doch mit jedem verschwurbelten Erklärungsversuch wurde deutlicher, dass Steffens Krise auch eine Krise des DSV ist. Schon jetzt ist klar, dass die Schwimmer wohl zum zweiten Mal nach der Wiedervereinigung ohne WM-Gold abziehen werden; eine alarmierende Bilanz ein Jahr vor Olympia.

Bundestrainer Dirk Lange droht, demontiert zu werden. Nicht nur, dass er in die Steffen-Entscheidung nicht einbezogen wurde; er wurde nicht mal in Kenntnis gesetzt. Noch nach den Vorläufen hatte er erzählt, Steffen sitze bei der Lagenstaffel am Samstag auf der „Ersatzbank“.

Buschkow hielt das für eine Informationspanne: „Ich lasse mich nicht mit Herrn Lange auseinanderdividieren.“ Tatsächlich aber wird die Kluft zwischen Buschkow und Lange immer breiter. Beide haben einen Vertrag bis London 2012, doch der ranghöhere Buschkow würde gern den Posten eines Cheftrainers besetzten. Lange scheiterte schon vor einem Jahr im Bewerbungsverfahren.

Über die Rückzugsgründe Steffens kann weiterhin nur spekuliert werden. Fakt ist, dass ihr die Pause nach ihren WM-Titeln in Rom 2009 an die Substanz ging. In ihrer Jugend hat sie hart trainiert, um sich ein Grundgerüst an Fitness zu schaffen.

Darauf konnte sie aufbauen, vor Peking 2008 reichte ein Feinschliff – und sie wurde zweimal Olympiasiegerin. Dass der Körper ihr ausgerechnet beim Saisonhöhepunkt die Gefolgschaft verweigerte, „könnte sie stark verunsichert und geschockt haben“, sagt ein Trainer des DSV.

Steffens Freund Paul Biedermann nahm sie in Schutz: „Sie ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen, man sollte respektvoller mit ihr umgehen.“ Der Rückzug sei eine Reaktion auf das „Dauerfeuer“ gewesen.

„Da kann ich einige Aussagen von gewissen Leuten nicht verstehen, die in ihrer aktiven Laufbahn genauso durch Tiefs gegangen sind“, sagte Biedermann.

Eine Spitze gegen Ex-Star Franziska van Almsick . Sie hatte sich gewundert, warum ihre ehemalige Vereinskollegin nicht „die Arschbacken“ zusammengekniffen hat.