Stockbauer, van Almsick, Steffen

Deutschlands Schwimmerinnen neigen zur Dramatik

Der fluchtartige Abgang von Britta Steffen aus Shanghai war nicht der erste gespentisch-dramatische Auftritt einer deutschen Vorzeige-Schwimmerin.

Foto: pa/ dpa (2); dpa / pa/ dpa (2); dpa/epa/keystone Patrick B. Kraemer, Carsten Rehder, Bernd Thissen

Britta Steffen , 27, erlebte einen ruhigen Tag. Sie hatte durchgeschlafen und womöglich sogar einen süßen Traum, davon, dass noch alles gut würde mit ihr und dem chinesischen Chlorwasser. Am Freitagmorgen war sie auf deutschem Boden gelandet – und auf dem harten Boden der Tatsachen.

Sie steht als WM-Deserteurin da, für manche in der Mannschaft der deutschen Schwimmer als Drückebergerin. Du lässt eine Staffel nicht im Stich, der Einsatz ist Ehrensache.

Steffen ist abgetaucht, angeblich bei Freunden in Heidelberg untergeschlüpft. Handy aus, nichts lesen und hören. Ihr Abgang aus Shanghai geriet zur Flucht .

Eine Stunde nach ihrer Vorlaufschmach am Donnerstag hatte sie ihr Freund Paul Biedermann durch Schleichwege aus dem Oriental Sports Centre gelotst, vorbei an der gewaltigen Medienmaschinerie. Ihre dürren Sätze hatten mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantwortet hatte. Steffen empfindet solche Kreuzverhöre als Inquisition.

Franziska van Almsick liebt Inszenierungen. Wo sich Sportler nach ihrem Wettkampf oft keuchend an Metallgitter krallen, um ihre Leistungen in Aufnahmegeräte zu diktieren, hörte sich die Kommentatorin der ARD mit zusammen gekniffenen Augen an, was Trainer und Sportler zu sagen hatten.

Als sie danach als ehemalige Athletin Britta Steffens Startverzicht kommentiere sollte, sagte sie erst, dass sie nichts sagen wolle. Dann aber kam sie doch erstaunlich schnell in Plauderlaune. Sie fand, dass sich die „Frontfrau“ des deutschen Schwimmens vor der Verantwortung drücke. Manchmal, schloss van Almsick, muss ein Sportler die „Arschbacken zusammen kneifen“. Es war eine gnadenlose Abrechnung, und spätestens, als Steffen von der Schelte ihrer ehemaligen Trainingskollegin Wind bekam, hatte sie vom „Dauerfeuer“ (Biedermann) die Nase voll und packte die Koffer.

Franziska van Almsick sollte es besser wissen, wie sensibel, manchmal apathisch, enttäuschte Schwimmer reagieren. 2003 war der erste gesamtdeutsche Sportstar nach der Wiedervereinigung gar nicht nach Barcelona zu den Weltmeisterschaften gereist.

Das Risiko sei zu hoch, „dass mich ein WM-Start vielleicht den Olympiatraum kosten könnte“, entschuldigte sie sich damals. „Nur eine glückliche und ausgeglichene Franziska ist auch eine schnelle Franziska.“ Auch Steffen sprach in Shanghai in der dritten Person von sich. „Eine Britta Steffen muss lernen, dass es nicht immer gut läuft, auch wenn man vorher gut drauf war.“ Auch sie will zu den nächsten Olympischen Spielen.

Gespenstisch-dramatische Auftritte

Bei Großveranstaltungen befinden sich Deutschlands beste Wasserfrauen seit jeher im psychologischen Ausnahmezustand und neigen zu gespenstisch-dramatischen Auftritten. Steffen stand vor einer blauen Stellwand und blickte fassungslos auf die Anzeigetafel, auf der sie am Ende als 16. geführt werden sollte. Der Schock traf sie wie ein Schlag.

Vor ihrem Olympiastart 2004 in Athen lehnte Franziska van Almsick wie weggetreten an einem Fahnenmast und blickte minutenlang ins Nirgendwo. „Ich kann den Rummel nicht mehr ertragen. Das ist nicht mehr meine Welt“, sagte sie, als gehöre sie vor dem Rennen ihres Lebens schon nicht mehr dazu.

Die inzwischen 33-jährige Mutter eines Sohnes mag sich nach ihren verpatzten Einzelstarts für die Staffel damals zusammengerissen haben, ihre sportliche Karriere aber blieb unvollendet. „Was hätte es gebracht, wenn Britta noch einmal angetreten wäre?“, fragte Steffens Heimtrainer Norbert Warnatzsch in Shanghai. „Sie wäre nicht besser geworden.“

Stockbauer patzte in Athen

Das Gefühl, für die Schinderei nicht das zurückzubekommen, was einer glaubt zu verdienen, kann ihn an den Rand des Wahnsinns treiben. Hannah Stockbauer war auf 400 Meter, 800 Meter, 1500 Meter Freistil spezialisiert. Lange Strecken erfordern Kondition, für die hartes Training erforderlich ist. Täglich bis zu sieben Stunden im Becken. Krafttraining an Land. Schule, Studium oder Ausbildung nebenbei.

Fünfmal wurde sie Weltmeisterin, dreimal Europameisterin, Deutschlands „Sportlerin des Jahres“ 2001 und 2003. Dann soff sie ab. Ausgerechnet bei den Olympischen Spielen. Der Auftritt in Athen blieb auch bei Hannah Stockbauer ein Rätsel. Noch nie hätten sie eine so blendend vorbereitete Athletin erlebt, berichteten ihre Trainer.

Auch Britta Steffen war nach Ansicht ihrer Übungsleiter in Shanghai „gut drauf“. Eine grobe Fehleinschätzung. Seit den Weltmeisterschaften 2009 war sie krank oder lernte für die Universität, erst seit Februar dieses Jahres bestreitet sie wieder Wettkämpfe auf der Langbahn. Für die nationalen Meisterschaften in Berlin musste sie sich strecken. Die Normzeiten für die WM in China waren schwierig.

Medaillen im Ikea-Korb

„Irgendwann kommt der Punkt, da weißt du, es geht nicht mehr“, sagt Hannah Stockbauer. 15 Monate nach dem Olympiadebakel informierte sie den Verband per Email über ihren Rücktritt – wer jahrelang Chlorwasser schluckt, hat für große Worte nicht viel übrig.

Die gebürtige Fränkin führt ein „glückliches Leben“ in Duisburg mit dem Wasserball-Nationalspieler Tobias Kreuzmann, ist im achten Monat schwanger. Die Medaillen liegen irgendwo in einem Ikea-Korb, ihre Trophäen haben Staub angesetzt. Sie sagt: „Britta hatte nie Starallüren. Ich kann verstehen, dass sie abgereist ist. Manchmal tun Niederlagen sehr weh, erst recht, wenn du keinen Grund findest.“ Noch heute sucht Stockbauer nach einer Erklärung, warum es bei ihr in Athen „nicht gepasst“ hat.

Franziska van Almsick war da anders, immer etwas forscher und anfangs auch erfolgreicher als Steffen. In Peking nach Britta Steffens Goldrennen schienen beide ihren Frieden gemacht zu haben, sie schlossen sich am Beckenrand in die Arme.

Keine Retourkutsche

Jetzt könnte die WM-Abgängerin maulen: Eine Ex-Schwimmerin, der der große Triumph verwehrt blieb, schwingt sich zur Chefkritikerin einer zweimaligen Olympiasiegerin auf. Aber so tickt Steffen nicht. Sie braucht keine Retourkutsche. Es reicht ihr zu wissen, dass auch van Almsick zu Ohren gekommen sein wird, dass Steffen bei den Fernsehleuten als Expertin während der Europameisterschaften 2010 sehr gut ankam, mindestens so gut wie van Almsick.

Steffen wird ihre Fehlleistung analysieren. Sie glaubt an eine Kombination von Kopfursachen und körperlichen Defiziten. Schwimmer haben besonders feine Sensoren, „wenn sie das Gefühl haben, ihrem Körper nicht trauen zu können, führt das zu Verunsicherung“, hat Ex-Bundestrainer Manfred Thiessmann erkannt. Und Steffen ist nach Auskunft ihrer ehemaligen Managerin Regine Eichhorn eben „sehr sensibel“.

Für eine problemlose Wiedereingliederung der Abtrünnigen ist gleichwohl gesorgt. Der Rüffel von Daniela Schreiber, die Britta Steffen Egoismus vorhielt, war der vorerst letzte kritische Kommentar aus der Nationalmannschaft. Athleten wie Trainer bekamen vom Deutschen Schwimm-Verband einen Maulkorb verpasst.

Der deutschen Lagenstaffel war am Samstag übrigens auch zum Abtauchen zumute. Sie wurde nach einem Wechselfehler im Finale disqualifiziert.