Unruhe in Gelsenkirchen

Helsinki und Raul – Schalkes doppelte Blamage

Schalke steht nach der Niederlage in Helsinki in der Europa League vor dem Aus. Die Posse um Raul dauert an, aber der Spanier schweigt weiter beharrlich.

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Auf eine kurze Nacht folgte ein trister Morgen. Am späten Freitagvormittag betraten die Spieler den Trainingsplatz neben der Arena des FC Schalke 04. Ihre Körpersprache war die gleiche wie 15 Stunden zuvor, als sie mit hängenden Köpfen den Kunstrasenplatz des finnischen Rekordmeisters HJK Helsinki verlassen hatten.

„Wir sind alle extrem enttäuscht“, sagte Ralf Rangnick. Der Trainer war sichtlich geschockt über die Art und Weise, wie sein Team sich am Donnerstagabend beim 0:2 (0:1) im Play-off-Hinspiel zur Europa League um eine gute Ausgangsposition im Kampf um den Einzug in die Gruppenphase gebracht hatte. Das Team hätte in fast jeder Spielsituation die falschen taktischen Mittel gewählt. „Wir haben sowohl mit dem Ball als auch ohne sehr viel verkehrt gemacht“, sagte Rangnick.

Am Freitag führte er den Spielern noch einmal ihre Fehler per Video vor. Die Vorstellung vom Donnerstag sei so schlecht gewesen, sagte Rangnick, dass auch Raul, der sowohl bei der Analyse als auch beim anschließenden Training anwesend war, der Mannschaft wohl nicht hätte helfen können.

„Dass diese Frage jetzt kommt, war mir klar“, hatte Sportdirektor Horst Heldt bereits am Vorabend gesagt und sich ein gequältes Lächeln abgerungen. „So wie wir gespielt haben, hätte auch Raul Probleme bekommen“, sagte Heldt. Am Mittwoch vor dem Abflug nach Helsinki hatte er nach Absprache mit Rangnick und dem spanischen Stürmer entschieden, Raul nicht mitzunehmen. Auch nach Schlusspfiff im Sonera-Stadion blieben Heldt und Rangnick bei ihrer Version, dass nicht deshalb auf den Einsatz von Raul verzichtet worden sei, weil der in den kommenden Tagen noch verkauft werden solle . Hätte Raul in Helsinki gespielt, wäre er für andere Vereine in der aktuellen Europapokal-Saison nicht mehr spielberechtigt gewesen.

„Das war nicht unsere Überlegung“, sagte Rangnick und verwies erneut darauf, dass dem 34-jährigen früheren Weltstar von Real Madrid der Einsatz auf dem ungewohnten Kunstrasen erspart werden sollte. „Ich habe am Mittwoch lange mit ihm gesprochen. Und wenn ein Spieler mir sagt, dass er überhaupt nicht gern auf Kunstrasen spielt, warum sollte ich ihn dann gegen seinen Willen aufstellen?“, rechtfertigte sich Rangnick. Er will erst nach dieser Unterredung die Entscheidung getroffen haben, Raul nicht mitzunehmen.

Dennoch wäre der Rekordtorschütze der Champions League zumindest als Einwechselspieler eine Option gewesen. Denn ohne den Spanier wirkten die Schalker Angriffsbemühungen harmlos und uninspiriert. Abgesehen von der Anfangsphase agierte die Mannschaft plan- und ideenlos. Statt gegen einen defensiv stehenden Gegner die Flügel zu nutzten, drängten die Aufbauspieler viel zu früh in die Mitte. Sämtliche Vorgaben des Trainers wurden ignoriert.

„Wir haben den Gegner selbst stark gemacht und zu viele einfache Fehler gemacht“, sagte Kapitän Benedikt Höwedes. Die Finnen konnten die sich ihnen bietenden Lücken in der erneut umformierten Schalker Abwehr – neben Raul fehlte auch Linksverteidiger Christian Fuchs wegen einer Sperre – zu zwei sehenswerten Treffern nutzen: Nationalstürmer Teemo Pukki überwand Schalke-Torwart Ralf Fährmann in der 18. und 54. Minute. Die Schlussoffensive der Gelsenkirchener, als sich Lewis Holtby und Klaas-Jan Huntelaar noch zwei gute Möglichkeiten boten, kam zu spät und brachte nicht die gewünschte Ergebniskorrektur.

Das Ergebnis war eine insgesamt mangelhafte Vorstellung – gar von Blamage ist die Rede – und eine schlechte Ausgangsposition für das Rückspiel am kommenden Donnerstag. „Ein Ausscheiden im Play-off der Europa League wäre eine Katastrophe für uns“, sagte Heldt, dem ohne die Zusatzeinnahmen aus der Gruppenphase der Europa League weitere finanzielle Mittel fehlen dürften, um vielleicht doch noch Spieler zu verpflichten.

Auch vor diesem Hintergrund scheint ein Verkauf Rauls aus Sicht des Vereins durchaus sinnvoll zu sein. Durch die Einsparung von Rauls geschätztem Jahresgehalt von sechs Millionen Euro – wobei ein Teil von seinem ehemaligen Verein Real Madrid getragen wird – könnten Mittel frei werden, um einen schnellen Offensivspieler zu kaufen, den Rangnick gern hätte.

Doch auch am Freitag konnte keine Entscheidung vermeldet werden, was Rauls Zukunft angeht . Gerüchte, dass neben dem FC Malaga auch Besiktas Istanbul und Paris St. Germain interessiert sein sollen, blieben ohne Bestätigung. „Davon ist uns nichts bekannt“, sagte Heldt, der jedoch ankündigte, dass er noch vor dem Bundesliga-Spiel am Sonntag beim FSV Mainz 05 ein Gespräch mit Raul führen will.

Rangnick sehnt ebenfalls ein Ende der Ungewissheit herbei und würde sich eine öffentliche Klarstellung des Spielers wünschen: „Das würde helfen, die eine oder andere Spekulation zu beenden. Aber Raul ist ja alt genug. Er weiß selbst, was angesagt ist.“ Am Freitag war der Spanier dazu noch nicht bereit. Er schwieg sich – wieder einmal – aus.