Wechseltheater

Schalkes Umgang mit Weltstar Raul ist stillos

Raul wäre die nächste verschenkte Legende eines Klubs, der es sich zur traurigen Angewohnheit gemacht hat, bedeutende Spieler unehrenvoll vom Hof zu jagen.

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Bei Schalke 04 neigen sie traditionell dazu, sich etwas wichtiger zu nehmen als es ihr Platz in der Fußball-Geschichte eigentlich gebietet. Aber auch die hartnäckigsten Verklärer königsblauer Folklore werden nicht bestreiten, dass Raúl aus einem noch etwas größeren Universum kommt als sie selbst. Mindestens seit Kuzorra und Szepan hat S04 nicht mehr einen solchen Spieler gehabt. Eine Ikone des Weltfußballs, die sich während seiner kurzen Zeit auf Schalke zudem als echter Segen herausstellte. Raúl war die Integrationsfigur in einem chaotischen Jahr zwischen Magath-Diktatur und Neuer-Desertion. Und er schoss das wichtigste Tor der vergangenen Jahre, jenes zum 1:0-Sieg im Pokal-Halbfinale bei den Bayern.

Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Umgang des Klubs mit dem spanischen Mittelstürmer eine Stillosigkeit ersten Ranges. Es werden lächerliche Vorwände erfunden, um ihn nicht im Europapokal einsetzen zu müssen. Es werden Informationen an die Presse gesteckt, um seine Wechsellust zu thematisieren. Ob gewollt oder nicht – nach außen entsteht der Eindruck, Schalke wolle Raúl einfach nur noch loswerden. Er wäre die nächste verschenkte Legende eines Klubs, der es sich – von Mesut Özil bis Marcelo Bordon – zur traurigen Angewohnheit gemacht hat, bedeutende Spieler unehrenvoll vom Hof zu jagen.

Im konkreten Fall geht es offenbar um den Unwillen von Trainer Ralf Rangnick, sein bevorzugtes Spielsystem und die Existenz von Raúl miteinander zu harmonisieren. Einer der besten Stürmer aller Zeiten – Rekordtorschütze der Champions League, Rekordtorschütze von Real Madrid – soll sich im Alter von 34 Jahren von einem Bundesliga-Trainer aus Backnang noch zum Mittelfeldspieler umschulen lassen? Das ist ungefähr so, als würde der Basketball-Bundestrainer Dirk Bauermann zu Dirk Nowitzki sagen: Hey, ich erklär’ dir jetzt mal, wie dieser Sport wirklich funktioniert.

Vor vielen Jahren gab es in der spanischen Nationalmannschaft ebenfalls ein Problem mit Raúl, er wurde als überflüssig betrachtet und nicht mehr nominiert, denn die Alternativen hießen David Villa und Fernando Torres. Schalke hat solche Alternativen nicht. Schalke könnte Raúl noch gut gebrauchen. Aber in Wahrheit ist er wohl einfach eine Nummer zu groß für diesen Klub.