BVB-Star Götze

"Zum FC Barcelona ist noch ein großer Unterschied"

Dortmunds Mario Götze verzaubert Fußball-Deutschland. Mit Morgenpost Online sprach er über die Meisterschaft, Vergleiche mit Lionel Messi und wahre Freunde.

Unter der Woche hatte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp aus Sorge, das Kombinationsspiel seiner Supertechniker Shinji Kagawa und Mario Götze könne auf Kosten der Effektivität gehen, ein Gespräch mit dem Duo geführt. „Nicht zu streng, aber bestimmt“, sagte Klopp. Es schien gefruchtet zu haben, insbesondere der 19-jährige Götze war beim 3:1-Sieg gegen den Hamburger SV in bestechender Form.

Morgenpost Online: Viele Fans haben sich am Freitagabend so gefühlt, als würden Sie nicht dem Auftakt der neuen Saison beiwohnen, sondern eher einer Verlängerung der Dortmunder Meister-Saison. Sie auch?

Mario Götze: Nein, so denke ich nicht. Aber wir hatten uns schon sehr darauf gefreut, dass es endlich wieder los ging. Es war schön, wieder die normalen Abläufe vor einem Bundesliga-Spiel zu durchleben, dann am Freitagabend in unser volles Stadion einlaufen zu können und die fantastische Atmosphäre zu genießen. Ich habe all das in der Sommerpause sehr vermisst. Und unserer Mannschaft hat man angemerkt, dass sie jede Sekunde des Spiels Spaß am Fußball hatte.

Morgenpost Online: Für Bundestrainer Joachim Löw waren Sie der „überragende Mann“ auf dem Platz, Franz Beckenbauer nannte Sie einen „Instinktfußballer, der alles hat“. Freut Sie das?

Götze: Natürlich. Aber ich spreche nicht so gern über meine eigene Leistung. Lieber über die der Mannschaft. Es war wichtig, dass wir als Team wieder das gezeigt haben, was uns stark gemacht hat.

Morgenpost Online: Haben Sie trotz des erfolgreichen Saisonstarts auch noch die Erinnerungen an den unerwarteten Gewinn der Meisterschaft im Kopf?

Götze: Das ist bestimmt noch irgendwo im Kopf, aber das stand schon während der Vorbereitung auf die Saison nicht mehr im Vordergrund. Es war eine schöne Sache, aber wir können uns nun nichts mehr dafür kaufen. Die Meisterschaft ist Vergangenheit. Jetzt hatten wir nur noch den HSV im Kopf.

Morgenpost Online: In einem Monat spielen Sie in der Champions League. Gegen Stars, die Sie nur aus dem Fernsehen kennen. Vielleicht sogar gegen Barcelona mit Lionel Messi, mit dem Sie oft verglichen werden. Müssen Sie sich da nicht kneifen, um zu realisieren, dass dies alles Wirklichkeit ist?

Götze: Ja. Das kann man so sagen. So ist es mir schon gegangen, als ich erstmals zur Nationalelf eingeladen worden bin. Auch da bin ich auf Spieler getroffen, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Da ist man zunächst etwas nervös, aber das gibt sich schnell. In der Champions League gibt es auch richtig starke Spieler. Darauf freue ich mich sehr. Gegen Barcelona zu spielen, wäre schon stark.

Morgenpost Online: Warum?

Götze: Barca ist die beste Mannschaft, ist der Titelverteidiger. Sie spielen einfach den besten Fußball. Diesen Fußball, den viele anstreben. Es ist ein besonderer Reiz für jeden Spieler, einmal gegen Messi oder Xavi zu spielen. Ich denke, solch eine Chance bekommt man nicht jeden Tag.

Morgenpost Online: Ist Dortmund in der Bundesliga das, was Barcelona in Spanien und in der Champions League ist?

Götze: Nein, da ist noch ein großer Unterschied. In Barcelona haben sie über Jahre etwas aufgebaut. Es ist ja nicht so, dass dort von heute auf morgen gesagt wurde: So, jetzt spielen wir den besten Fußball. Es war jahrelange Arbeit, es musste alles gelernt und einstudiert werden. Wichtig ist, dass der Fußball immer im Vordergrund steht. Da sind wir auch auf einem guten Weg. Und man sieht ja an Barcelona, wenn man einen attraktiven und guten Fußball spielt, dann ist man auch erfolgreich. Das kommt quasi automatisch. Entscheidend ist aber, sich zu spezialisieren. Die Abläufe, wie das Passspiel, müssen im Training immer wieder verfeinert werden.

Morgenpost Online: Am Freitag hat die Mannschaft die gleiche Spielfreude und Unbefangenheit wie in der vergangenen Saison gezeigt. Kann der BVB diese Tugenden noch einmal über ein ganzes Spieljahr zeigen?

Götze: Wir hatten in der letzten Saison auch Probleme, als Shinji Kagawa beispielsweise verletzt war. Oder uns andere Spieler gefehlt haben. Aber wir haben trotzdem unseren Stil weiter durchgezogen. Das ist wichtig. So wollen wir es auch in dieser Saison machen. Was am Ende dabei herauskommt, werden wir sehen. Letztes Jahr hat keiner mit uns gerechnet. Wer weiß, vielleicht wird diesmal Mainz 05 Meister.

Morgenpost Online: Die meisten rechnen da eher mit Bayern München.

Götze: Eine Mainzer Meisterschaft wäre eine ähnliche Überraschung wie unsere in der letzten Saison. Aber es ist schon wahrscheinlicher, dass die Bayern den Titel gewinnen.

Morgenpost Online: Haben die Bayern dem BVB wirklich noch soviel voraus?

Götze: Ja. Wir müssen jedes Spiel mit 100 Prozent angehen, das ist wirklich harte Arbeit. Wir werden in dieser Saison viele Spiele haben, erstmals in der Champions League spielen. Es bleibt abzuwarten, wie wir darauf reagieren und wie wir uns als Mannschaft weiter entwickeln. Ich will jetzt keine Prognose wagen, wo wir am Ende landen werden. Die Bayern haben eine sehr gute Mannschaft und einen sehr breiten Kader. Sie sind natürlich der Favorit.

Morgenpost Online: Internationale Topvereine sind in der vergangenen Saison auf Sie aufmerksam geworden. Haben Sie sich mit dem Interesse von Vereinen wie Arsenal oder Liverpool sehr beschäftigt?

Götze: Ich befasse mich eigentlich relativ wenig damit. Ich bin hier vollkommen glücklich. Meine Familie ist hier, meine Freunde leben hier. Ich habe überhaupt keinen Grund, mir irgendwelche anderen Gedanken zu machen. Und Gerüchte lassen mich sowieso kalt.

Morgenpost Online: Konnten Sie sich in Dortmund auch deshalb so gut und so schnell entwickeln, weil Sie mit Jürgen Klopp einen Trainer haben, der von Anfang an großes Vertrauen in Sie hatte?

Götze: Da haben viele Faktoren eine Rolle gespielt. Das gesamte Umfeld ist wichtig. Die Mitspieler sind wichtig. Natürlich hat mir der Trainer sehr geholfen. Das Wichtigste für die Entwicklung eines Spielers ist, dass er die Möglichkeit bekommt zu spielen. Dadurch spürt man, dass der Trainer einem vertraut. Das gibt einem Mut und Selbstvertrauen. Allerdings hat es mich schon überrascht, dass alles so schnell ging. Es ging Schlag auf Schlag, da blieb wenig Zeit, darüber nachzudenken.

Morgenpost Online: Wird Ihnen durch den Kontakt mit den Menschen bewusst, dass sich Ihr gesellschaftlicher Status verändert hat?

Götze: Ja klar. Viele Menschen treten mir anders gegenüber. Ich werde als Fußballer gesehen und darauf angesprochen. Viele Leute wollen jetzt mit mir reden, die mich früher gar nicht kannten. Aber ich weiß, wer meine wahren Freunde sind, wer wirklich zu mir gehört. Man muss lernen, da zu differenzieren. Das habe ich getan.

Morgenpost Online: Sind Sie ein anderer Mensch geworden?

Götze: Nein, ich habe mich nicht verändert. Aber man passt sein Verhalten automatisch an. Manchmal nervt es schon, wenn man seine Ruhe haben und einfach nur ins Kino gehen will. Das ist jetzt anders als noch vor einem Jahr. Ich habe gelernt, dass ich mir jetzt nicht mehr alles erlauben kann. Aber das gehört einfach zu einem Beruf dazu, der im Großen und Ganzen viel mehr positive als negative Seiten hat.