Saisonstart gegen HSV

Kagawa startet Projekt Wiedergutmachung beim BVB

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Oliver Müller

Beim Saisonauftakt am Freitagabend gegen den HSV gibt Dortmunds Japaner Shinji Kagawa sein Startelf-Comeback in der Bundesliga.

Wenn sich die Profis von Borussia Dortmund vor dem Training warmlaufen, ist immer wieder die gleiche Szene zu beobachten: Shinji Kagawa joggt neben Kevin Großkreutz, und beide versuchen dabei, sich gegenseitig aus dem Tritt zu bringen. Der eine stößt mit dem Ellenbogen, der andere rempelt zurück – und beide lachen.

„Wir sind sehr froh, dass Shinji wieder fit ist“, sagt Großkreutz, der in der Mannschaft der beste Freund des japanischen Mittelfeldspielers ist: „Er ist für uns ein sehr wichtiger Spieler.“

Die Freude darüber, dass Kagawa Freitagabend, wenn der Deutsche Meister gegen den Hamburger SV (20.30 Uhr, live bei ARD, Sky und Morgenpost Online-Ticker) die Saison eröffnet, erstmals in diesem Jahr wieder in die Startelf bei einem Bundesligaspiel zurückkehrt, ist nicht nur bei Großkreutz zu spüren.

In den vergangenen Tagen gab es bei jeder Trainingseinheit ein Großaufgebot an japanischen Journalisten, fünf Fernsehteams waren allein bei der Pressekonferenz des BVB am Donnerstag anwesend.

Jürgen Klopp musste einen regelrechten Interview-Marathon absolvieren, um den Besuchern aus Fernost noch einmal in die Kamera zu sagen, was die ohnehin schon wussten. „Shinji ist immer noch der gleiche nette Kerl wie vor einem Jahr und ein überragender Fußballer“, sagte der Coach: „Aber er ist auch jemand, der sich für die kommende Saison massiv unter Druck setzt.“

Kagawa leidet noch immer

Denn Kagawa (22) leidet immer noch an den Folgen seiner Verletzung. Weniger körperlich, eher psychisch. „Shinji hat nicht das Gefühl, dass er in der vergangenen Saison schon alles gezeigt hat“, formuliert es Klopp.

Kagawa, der im vergangenen Sommer für eine lächerlich anmutende Ausbildungsentschädigung von 350.000 Euro vom japanischen Zweitligisten Cerezo Osaka nach Dortmund gewechselt war, empfindet es als Makel, dass er sich am 26. Januar beim Asien-Cup so schwer verletzt hatte. Weil er der Mannschaft in der kompletten Rückrunde nicht helfen konnte.

Er kreidet es sich selbst an, „nicht mehr auf seinen Körper gehört zu haben“. Es war bereits der zweite Mittelfußbruch, den er sich in seiner Karriere zugezogen hatte. „Ich muss lernen, schon erste Anzeichen ernst zu nehmen“, erklärte er selbstkritisch.

Damals im Januar, im Halbfinale gegen Südkorea, hatte er sich die Verletzung bereits Mitte der zweiten Halbzeit zugezogen und dennoch bis zur 87. Minute durchspielt. Die Vorstellung, dass er möglicherweise deutlich früher wieder für Dortmund hätte spielen können, wenn er das Spielfeld sofort verlassen hätten, machte ihm zu schaffen.

"Es macht mich fertig"

„Es macht mich fertig, dass ich die Rückrunde komplett verpasst habe. Ich glaube zwar schon, dass ich mit zur Meisterschaft beitragen konnte, aber mein großes Ziel muss es sein, eine ganze Saison durchzuspielen“, sagt er.

Um so eifriger wirkte Kagawa in der Saisonvorbereitung. In den Testspielen blühte seine Spielfreude wieder auf. Er agierte teilweise wie aufgedreht, geradezu euphorisiert aufgrund der Tatsache, endlich wieder ohne Schmerzen Fußball spielen zu können.

Klopp hofft, dass der Techniker mit dem schnellen Antritt und dem großen Einfallsreichtum in Eins-gegen-Eins-Situationen möglichst schnell an die Form der vergangenen Hinrunde anknüpfen kann, als er in 18 Spielen acht Tore erzielen konnte. Zumal Ilkay Gündogan , der den zu Real Madrid gewechselten Nuri Sahin im defensiven Mittelfeld ersetzen soll, in seine Rolle erst hinein wachsen muss.

Barrios fehlt

Sahin hatte Kagawa häufig mit präzisen Pässen in den Lauf bedient. Sollten die zukünftig ausbleiben, müsste Kagawa sein Spiel umstellen, er müsste sich zwangsläufig selbst die Bälle von hinten holen und könnte nicht mehr so schnell Tempo aufnehmen.

Hinzu kommt, dass für die kommenden sechs Wochen mit Lucas Barrios der Mann fehlen wird, der Kagawas Zuspiele mit präziser Genauigkeit zu Toren verwertet hatte. Der Stürmer, der für Paraguay bei der Copa America im Einsatz war, hatte sich im Finale gegen Uruguay einen Muskelfaserriss zugezogen.

„Schon die Ultraschall-Bilder, die uns vom paraguayischen Verband geschickt wurden, ließen Schlimmeres befürchten“, sagte Klopp. Der BVB beorderte den Stürmer daraufhin nach Dortmund zurück, wo sich eine besondere Schwere der Verletzung herausstellte.

So gibt es derzeit zwar ein hohes Vertrauen in das Gerüst der Mannschaft, doch hinter wichtigen Schlüsselspielern auch Fragezeichen. „Wir wären sehr zufrieden, wenn wir den gleichen Fußball wie in der vergangenen Saison spielen würden, im Idealfall sogar immer“, sagt Klopp, warnt jedoch davor, sein Team an der herausragenden Saisonleistung des Vorjahres zu messen.

Die Dortmunder Fans könnten nicht erwarten, dass die Mannschaft die Liga ähnlich dominiere wie im Vorjahr. Schließlich, so Klopp , sei der BVB aufgrund der teuren Verstärkungen, die der FC Bayern München geholt hat, der erste Meister, der „nicht als Titelverteidiger, sondern als Herausforderer“ in die Saison gehe.

Shinji Kagawa könnte Klopp entscheidend dabei helfen, die Herausforderung in Bundesliga und Champions League zu meistern. „Wir wünschen ihm, dass er die Saison verletzungsfrei durchspielen kann“, sagte der Coach.

Ideal sei es deshalb nicht, wenn Kagawa nach dem ersten Bundesligaspieltag gleich wieder eine so lange Reise auf sich nehmen müsse, um am Mittwoch in Sapporo mit Japan gegen Südkorea zu spielen und dann am Samstag darauf bereits wieder für den BVB in der Bundesliga.

„Lasst ihn doch noch etwas bei seinem Verein, gebt ihm etwas Ruhe“, appellierte Klopp am Mittwoch noch vor den Kameras des japanischen Fernsehens an den Verband. Doch da dürfte ihm schon bewusst gewesen sein, dass wenig Aussicht auf ein Entgegenkommen der Japaner besteht.

Am Donnerstag wurde Kagawa ins Aufgebot berufen. Nicht nur in Dortmund sehnen sie sich nach dem Comeback des Shinji Kagawa.