Magaths Sturheit

Der VfL Wolfsburg steckt im Diego-Dilemma

Halten oder verkaufen? Der Druck auf Manager Magath steigt: Diego, der den VfL Wolfsburg vergangene Saison im Stich ließ, wird schmerzlich vermisst.

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Das ständige Loben seines Sünders fällt ihm leicht. Wenn Felix Magath darüber referiert, wie hart der beim VfL Wolfsburg aussortierte Brasilianer Diego im Training an sich arbeitet, ist immer auch ein großes Stück Kalkül im Spiel.

Trotz der jüngsten Pokalpleite des Bundesligisten , der sich ohne echten Regisseur auf dem Platz beim Viertligaklub RB Leipzig blamiert hat, will er seinen Spielmacher nicht begnadigen, sondern unbedingt verkaufen. „Wer Interesse an Diego hat, sollte sich beeilen“, sagt der VfL-Boss.

Mit dem bevorstehenden Verkauf oder Verleihen des unerwünschten Stars, der für rund zehn Millionen Euro Ablöse zu haben sein dürfte, muss Magath eine kuriose Personalpolitik optimieren, die unter seiner eigenen Sturheit leidet.

Es blieb ein fast schon hilfloser Versuch. Einen passsicheren, aber eben auch biederen Spielertypen wie Makoto Hasebe als Ballverteiler einzusetzen, war ein zum Scheitern verurteiltes Experiment. Der japanische Nationalspieler mühte sich redlich, konnte bei der 2:3-Niederlage in Leipzig aber nicht einmal ein Regionalliga-Team in Verlegenheit bringen.

Mit dem frühen Aus in der ersten Runde des DFB-Pokals ist der Druck auf Magath in seiner Rolle als Manager und Geschäftsführer erheblich gestiegen. Denn der Ausnahmekönner Diego, der seine Mannschaft am letzten Spieltag der vergangenen Saison im Stich gelassen hatte, wird schmerzlich vermisst.

Schnelle und fleißige Arbeiter wie Patrick Ochs, Hasan Salihamidzic und Christian Träsch sorgen im VfL-Mittelfeld zwar für Belebung. Aber keinem von ihnen ist es zuzutrauen, dass er den nominell stark besetzten Sturm mit Mario Mandzukic und Srdjan Lakic aus zentraler Position gekonnt in Szene setzt.

Die Wandlung von Diego, der nicht den in seinem Stolz verletzten Star gibt, sondern als äußerst fleißiger Profi im Training glänzt, rundet ein Wolfsburger Kuriosum ab. Der kleine Dribbelkünstler wird im Ansehen seiner Kollegen sicher nicht mehr steigen.

Aber doch staunen vor allem die Zugänge , die den Egozentriker erst jetzt kennen lernen, über dessen vorbildliche Einstellung. „Diego ist ein guter Junge. Aber das mit ihm ist eine wirklich schwierige Geschichte“, sagt Routinier Salihamidzic über einen Kollegen, dessen Aussortierung vor allem in Tagen sportlicher Not für kontroverse Debatten sorgt.

Viele der üblichen Zaungäste, die Magaths letzte und besonders harte Trainingswoche vor dem Bundesligastart miterleben, sind über die Härte gegenüber Diego verblüfft. Die Logik eines Fans ist deutlich einfacher als die von Magath. Lieber mit einem Skandalkicker wie Diego in der zweite Pokalrunde, als ohne ihn blamiert zu sein: Das wäre aus Sicht vieler Beobachter der täglichen Trainingsarbeit in Wolfsburg die bessere Variante gewesen.

Ob es gelingt, den Großverdiener Diego noch so gut und so rechtzeitig zu verkaufen, dass ein ernst zu nehmender Ersatz verpflichtet werden kann, lässt sich derzeit nur erahnen. Zu den täglichen Gerüchten über einen nahenden Wechsel zu Atlético Madrid, über den vor allem spanische Zeitungen immer offensiver berichten, schweigt der Trainer und Geschäftsmann Magath.

Der 58-Jährige hat zumindest angedeutet, dass zahlreiche Angebote von europäischen Klubs vorliegen. Aber das Interesse erlischt in den meisten Fällen, wenn bekannt wird, dass Diego sein derzeitiges Jahresgehalt von rund sechs Millionen Euro als absolut gerechtfertigt einstuft.

Treibende Kraft hinter den Kulissen bleibt dessen Vater Djahir da Cunha, mit dem Magath nicht in Kontakt steht und auch nicht stehen möchte. Das Image des Spielers hat unter dem zwielichtigen Geschäftsgebaren des Vaters immer wieder gelitten – das ist diesmal nicht anders.

Offensiv treibt da Cunha einen Wechsel seines Sohnes voran. Am liebsten wohl zu Atlético. „Er hat große Lust zu unterschreiben. Diego ist begeistert von der Idee“, sagte da Cunha der spanischen Zeitung „AS“. Sein Filius würde nur darauf warten, „dass Wolfsburg und Atlético eine Übereinkunft erzielen“.

Die fällige Ablöse und der Weggang des Problemkindes wären für Magath durchaus hilfreich. Ohne eine Lösung seiner zentralen Personalie läuft er Gefahr, nach einer Vorbereitung mit durchwachsenen Testspielergebnissen und dem Pokal-Aus auch noch den Saisonauftakt in der Bundesliga zu gefährden.

An den ersten fünf Spieltagen warten auf die Wolfsburger Profis drei Auswärtspartien und die schweren Heimspiele gegen Bayern München und Schalke 04. „Ich habe Angst“, hat Magath nach der schockierenden Pokalpleite gesagt. Einen Satz wie diesen hört man vom größten Schleifer der Liga eher selten bis gar nicht.