Schwimm-WM

Paul Biedermann – "Mein Stolz ist angekratzt"

Mit Morgenpost Online spricht der zweimalige Bronzegewinner Paul Biedermann über die WM, Modeticks und er sagt, wie er seine Freundin Britta Steffen aufbaut.

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Nach Ausgang war Paul Biedermann am Tag nach seinem Finale über 200 Meter Freistil nicht zumute. Er hatte es sich in der Lobby des deutschen Mannschaftshotels auf einer Couch bequem gemacht. „Draußen rumlaufen bei dieser Hitze macht die Beine fest.“ Am Donnerstag hat der zweimalige Bronzegewinner noch einen Einsatz in der 4x200-Meter-Staffel.

Morgenpost Online: Immer noch enttäuscht von Ihrem 200-Meter-Rennen, Herr Biedermann?

Paul Biedermann: Mit ein bisschen Abstand muss ich sagen: Ich habe das Optimum erreicht. Eigentlich wollte ich ja mehr: meinen Titel verteidigen. Mit der Medaille über 400 Meter war ich viel zufriedener. Jetzt muss ich nach vorn schauen, auf die Olympischen Spielen.

Morgenpost Online: Welche Bedeutung haben die Medaillen für London 2012?

Biedermann: Mein Ehrgeiz wurde in Shanghai neu geweckt. Ich merke, wie ich Lust bekommen habe, dass ich wieder hungrig bin. Mein Stolz ist angekratzt. Dass Lochte und Phelps vor mir sind, ärgert mich. Ich will, dass es nicht noch mal so ausgeht. Da ist noch alles drin. Ryan Lochte war selbst überrascht über seinen Sieg, das ist ja nicht seine Spezialstrecke.

Morgenpost Online: Was haben Sie gedacht, als Sie bei der Siegerehrung zu jemandem aufschauten, der Diamanten auf den Zähnen trägt und quietschgrüne Turnschuhe?

Biedermann: Der Lochte ist ein extrovertierter Typ, und wenn er sagt, er steht auf Mode, dann soll er das doch. Das ist ja auch ein Hingucker, wenn er wieder einen neuen schrillen Schuh oder Schwimmanzug hat. Aber das ist nix für mich.

Morgenpost Online: Warum nicht? Sie haben doch auch schon das Gelegenheitsmodel für Werbeaufnahmen gegeben.

Biedermann: Das wäre ja nur ein billiger Abklatsch. Lochte hat da seine Nische gefunden.

Morgenpost Online: Gefällt Ihnen die Lässigkeit amerikanischer Schwimmer?

Biedermann: Das ist ihre Mentalität, ihre Art, mit dem Druck umzugehen. Aber die überspielen auch vieles, die sagen immer, alles ist „fun“, aber die schütteln ihre Leistungen auch nicht aus dem Handgelenk.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Sie sich wieder Respekt verschafft haben?

Biedermann: Was die Amerikaner angeht, weiß ich es nicht. Die sind schwer zu durchschauen. Ich habe gespürt, wie deren Trainer hier versucht haben, etwas aus meinem Blick zu lesen. Ich glaube aber, dass sie mich ein bisschen abgeschrieben hatten. Was die anderen angeht, wissen die jetzt durchaus, dass ich auch ohne Anzug schwimmen kann.

Morgenpost Online: Was müssen Sie tun, um in London als Erster anzuschlagen?

Biedermann: Trainieren wie ein Verrückter.

Morgenpost Online: Konkret?

Biedermann: Mein Trainer und ich werden uns mit dem Leipziger Institut für Trainingswissenschaften zusammensetzen, meine WM-Läufe analysieren und mit denen meiner Gegner vergleichen. Schwimmgeschwindigkeit, Wenden, da freue ich mich schon drauf.

Morgenpost Online: Die deutschen Schwimmer haben bei der WM den Anschluss an Amerikaner, Chinesen, Australier, Franzosen verloren. Gibt es auch bei den Olympischen Spielen ein böses Erwachen?

Biedermann: Ich kann nur für mich sprechen: Meine Saison war auf die WM ausgerichtet. Ich kann mich erinnern, wie ich bei der Deutschen Meisterschaft Kritik geerntet habe, weil meine Zeiten noch nicht so gut waren. Die dort abgeforderten WM-Normen waren hart. Aber nicht Berlin war der Höhepunkt, sondern Shanghai.

Morgenpost Online: Es gibt fast nur starke Einzelkämpfer im deutschen Team. Helge Meeuw, der Rückschwimmer, Benjamin Starke, der Delfin-Mann, Hendrik Feldwehr über die kurzen Bruststrecken. Wieso sind da andere Nationen breiter aufgestellt?

Biedermann: Es etabliert sich erst mehr teaminterne Konkurrenz, wenn Erfolg da ist. Ich merke, wie sich über meine 200 Meter Kraul viel tut, aber das braucht Zeit. Und jetzt, wo Helge Meeuw nach seiner Pause wieder angreift, wird er auch wieder die Rücken pushen.

Morgenpost Online: Kommt Olympia 2012 für den Nachwuchs zu früh?

Biedermann: Wir haben einen Christian vom Lehn und eine Silke Lippok. Sie können in London überraschen. Du kannst bei den nationalen Meisterschaften eine Superzeit schwimmen, aber wenn du bei einer WM oder Olympia bist, denken sich die anderen, wer ist das denn? Da musst du dich neu beweisen. Das fällt einigen schwer.

Morgenpost Online: Das spricht gegen die harten Qualifikationsnormen.

Biedermann: Die sollten beibehalten werden. Nur für die Jugendlichen sollte eine aufgeweichte Regelung geschaffen werden. Der Nachwuchs muss bei einer WM die Chance erhalten, eine gewisse Routine zu schaffen, damit er an der Weltspitze herangeführt wird.

Morgenpost Online: Der Trend geht im Training immer mehr zu Internationalisierung. Chinesen und Koreaner trainieren in Australien, Österreicher, Schweizer und Briten in den USA. Deutsche Schwimmer verharren größtenteils an heimischen Olympiastützpunkten. Müssten sie nicht auch mal das bequeme Nest verlassen?

Biedermann: Wir haben in Deutschland eine hohe Trainingsqualität, technisch und wissenschaftlich sind wir führend. Wir haben belesene und erfahrene Trainer. Da muss man nicht unbedingt ins Ausland. Wir gehen mit den Langstreckenlehrgängen in die internationale Richtung. Auch ich würde gern mal mit Yannick Agnel und Ian Thorpe trainieren, um nicht immer allein zuhause die Bahnen ziehen zu müssen. Das macht auf die Dauer müde. Täglicher Wettkampf im Training bringt einen weiter.

Morgenpost Online: Diese WM ist das erste Großereignis, bei dem Sie als Freund von Britta Steffen gemeinsam Wettkämpfe bestreiten. Wie unterstützen Sie sich gegenseitig?

Biedermann: Dass Britta da ist, hat mir unheimlich geholfen, Ich habe den engsten Bezug zu ihr, ich kann mit ihr über alles reden. Die Renntaktik, die Erwartungen von außen, das Kribbeln im Bauch. Wir beide wissen aber auch, dass wir hier sind, um uns zu beweisen, und dass wir deshalb auch unseren eigenen Weg gehen müssen. Das war schon vorher unser Fahrplan. Wir sind füreinander da, wir vergessen einander nicht, aber wenn es auf den Wettkampf zugeht und jeder sein Maximum abrufen muss, macht jeder sein eigenes Ding.

Morgenpost Online: Wie haben Sie Ihre Freundin aufgerichtet, als Sie Sonntag nach Ihrem Staffeleinsatz sehr deprimiert war?

Biedermann: Es wird schon, das schaffst du. Das Wichtigste ist, dass man merkt, dass es Tage gibt, da funktioniert es einfach nicht. Aber Britta zeichnet aus, dass sie eine Kämpferin ist und dass sie sich selbst beweisen will. Das Gerede hilft nicht viel. Sie will so schnell wie möglich ins Wasser steigen.

Morgenpost Online: Steffen hat ein Faible für spirituelle Rückzugsorte. Bei den Spielen in Peking besuchte sie einen Tempel, bei der WM in Rom eine Kirche. Hat sie Sie diesmal mitgenommen auf dem Weg zur inneren Einkehr?

Biedermann: Wir waren vor den Wettkämpfen in einem buddhistischen Tempel, das war ganz schön, aber Britta und mich hat der Kommerz drum herum gestört, mit all den Souvenirläden. Überall kann man eine Münze reinwerfen, und da bekommt man was geprägt. Neben dem Eingang war gleich ein Kentucky Fried Chicken. Das zerstört vieles.