Olympia 2024

Berlin sticht als Olympiabewerber hervor

Berlins versuchte Olympiabewerbung für 2020 war ein Schnellschuss. Im Interview mit Morgenpost Online spricht Thomas Bach, Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds, über Wowereits übereiligen Vorstoß und Berlins Chancen für 2024.

Foto: dpa / dpa/DPA

Morgenpost Online: Herr Bach, Sind Sie froh, dass die Spiele 2012 nicht wieder von politischen Diskussionen überdeckt werden wie jene 2008 in Peking, wo bisweilen mehr über Menschenrechte als über Sport geredet wurde?

Thomas Bach: Das ist keine Frage des Frohseins. Die Rolle des Sports ist es ja, politische Barrieren zu überwinden. Insofern freue ich mich auf London, weil es ein großartiges Fest in britischer Sporttradition gepaart mit Innovation geben wird. Wir werden fulminante Spiele erleben.

Morgenpost Online: Können Sie sich das nicht auch für Berlin vorstellen?

Thomas Bach: Doch, ja.

Morgenpost Online: Warum wehren Sie sich dann so vehement gegen eine Berliner Bewerbung für die Sommerspiele 2020, für die sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor wenigen Tagen nachhaltig ausgesprochen hat?

Thomas Bach: Ich habe mich nie gegen Berlin in Bezug auf Olympiabewerbungen geäußert. Ich habe gesagt, es wird ergebnisoffen geprüft, ob wir (DOSB, d. Red.) in absehbarer Zeit wieder eine Olympiabewerbung einreichen. Und wenn ja, ob dann für Sommer oder für Winter. Was wir deutlich gemacht haben, ist, dass eine deutsche Olympiabewerbung für Sommer 2020 schon allein aufgrund der Kürze der Zeit nicht darstellbar ist. Das sollte allen eingeleuchtet haben.

Morgenpost Online: Sie sagten, beim Internationalen Olympischen Komitee müsste bis zum 29. Juli ein Bewerber benannt werden. Der eigentliche Meldetermin ist aber der 1. September.

Thomas Bach: Bis zum 29. Juli müssen Sie Bestätigungsschreiben einsenden, dass das Bewerberland sich an die Regeln der Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur, d. Red.) hält und die Rechtsprechung des Cas (Internationaler Sportgerichtshof, d. Red.) akzeptiert. Damit ist die Bewerbung gestartet. Bis zum 1. September müssen Sie dann dem IOC mitteilen, mit welcher Stadt sie sich bewerben wollen. Bis dahin werden Sie keine demokratisch legitimierten Entscheidungen für eine Olympiabewerbung 2020 herbeiführen können, geschweige denn eine entsprechende belastbare Unterstützung durch die Bevölkerung – zumal Sommerpause ist und in Berlin Wahlkampf ansteht.

Morgenpost Online: Das heißt also?

Thomas Bach: Wer meint, man könne eine Olympiabewerbung auf Probe machen – nach dem Motto: wir reichen erst einmal etwas ein, und wenn wir feststellen, dass es doch nicht sinnvoll ist, nehmen wir es wieder zurück – der irrt. Das würde dem internationalen Bild von Deutschland als verlässlichem Partner sehr schaden. Das wäre langfristig ein Rezept für Desaster, nicht nur für den Sport.

Morgenpost Online: Das kann nicht der Wunsch sein.

Thomas Bach: Natürlich nicht. Für eine solche Bewerbung, das ist eine Lehre aus München, und das stellt sich für Berlin aus der Erfahrung besonders, müssen Sie die Menschen hinter sich bekommen. Sie müssen vermitteln, was das für sie bedeutet. Sie können die Menschen nicht mitnehmen, wenn sie mit einer Bewerbung überfallen werden. Und es muss demokratische Beschlüsse im Sport und in der Politik geben. Das geht nicht durch Einzelaktionen.

Morgenpost Online: Wowereit argumentiert aber, Berlin besäße bereits einen Großteil olympiatauglicher Sportstätten.

Thomas Bach: Natürlich ist die deutsche Hauptstadt von der Infrastruktur so gut, dass sie zur Olympiatauglichkeit ausgebaut werden kann, inklusive dem Bau eines Olympischen Dorfes. Es gehört aber mehr dazu, als die bloße Infrastruktur oder ein Stadion. Noch mal: Eine Bewerbung mit Aussicht auf Erfolg ist in der kurzen Zeit niemals realisierbar. Dabei will ich von Fragen der Finanzierung gar nicht sprechen. Ich habe jetzt gelesen, dass die Bewerbung von Pyeongchang etwa 100 Millionen Dollar gekostet hat, und das war für Winterspiele. München ist mit 33 Millionen Euro ausgekommen. Das sind entscheidende Dinge, die man vorab klären muss.

Morgenpost Online: Ist Berlin die einzige deutsche Alternative für Sommerspiele?

Thomas Bach: Nein.

Morgenpost Online: München hat 1972 bewiesen, dass es Sommerspiele austragen kann.

Thomas Bach: Ob das jetzt in München unter den modernen Voraussetzungen noch möglich wäre, müsste man prüfen. Es gibt von München aber auch kein Bestreben in dieser Richtung.

Morgenpost Online: Und Hamburg?

Thomas Bach: Hat sich immer wieder ins Spiel gebracht. Auch das wäre im Falle einer Entscheidung zu prüfen. Aber auch dafür benötigt man Zeit.

Morgenpost Online: Berlin und Hamburg wären also die möglichen Bewerberstädte?

Thomas Bach: Ich denke, dass beide momentan hervorstechen.

Morgenpost Online: Wie sehr waren Sie über Wowereit verärgert, der Sie nach dem Scheitern Münchens für 2018 kritisiert hatte?

Thomas Bach: Das hat mich nicht getroffen. Ich kann mich da nur wiederholen: Ein flapsiges Interview macht allein keine seriöse Bewerbung.

Morgenpost Online: Hinter vorgehaltener Hand heißt es aus München und Hamburg, Sie hätten 2007 eine Münchner Bewerbung durchgedrückt, um eine Sommerbewerbung 2020 zu verhindern – weil auf der IOC-Session 2013 auch die Wahl des IOC-Präsidenten stattfindet. Was sollen wir davon halten?

Thomas Bach: Gegen diese vereinzelten obskuren Verschwörungstheoretiker sprechen schlicht die Fakten. Zunächst wurde in die Welt gesetzt, ich würde mich keinesfalls für eine deutsche Olympiabewerbung einsetzen. Als dann die DOSB-Mitgliederversammlung auf meinen Einsatz hin einstimmig für München votierte, hieß es, ich würde mich in der Bewerbungsphase nicht engagieren. Dann ist auch das nicht eingetreten, so dass das Ganze jetzt wieder umgedreht wird.

Morgenpost Online: Möchten Sie die Nachfolge von IOC-Präsident Jacques Rogge antreten?

Thomas Bach: Es ist für den deutschen Sport ehrenhaft, wenn der DOSB-Präsident für IOC-präsidiabel gehalten wird. Wenn ich mir darüber im Klaren bin, ob ich für dieses Amt kandidieren möchte, sage ich Ihnen Bescheid.

Morgenpost Online: Wann fällt eine Entscheidung über eine deutsche Bewerbung?

Thomas Bach: Vielleicht noch dieses Jahr, vielleicht auch später. Die Vergabe der nächsten Winterspiele mit einer möglichen deutschen Bewerbung wäre 2015. Das wäre dann für München 2022. Oder 2017 für die Sommerspiele 2024.