Sebastian Kehl

Vizeweltmeister drängt zurück in die BVB-Startelf

Nach schwierigen Jahren mit vielen Verletzungen hat sich der Ex-Nationalspieler Sebastian Kehl viel vorgenommen: "Ich will in die Mannschaft und werde alles dafür tun."

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Das Testspiel war längst entschieden, die Fans begaben sich bereits auf den Heimweg. Doch Sebastian Kehl ließ nicht locker. Einen Flankenball, der von der linken Seite in den Strafraum flog, nahm er direkt, scheiterte aber am gegnerischen Torhüter.

Danach ließ sich der Ex-Nationalspieler auf den Boden fallen und hämmerte mit der Faust frustriert auf den Rasen. Eine ungewöhnliche Geste, stand es doch fünf Minuten vor dem Ende schon 6:1 für Dortmund. Doch sie belegt, wie es in Sebastian Kehl derzeit aussieht.

„Das sah schon richtig nach Fußball aus“, sagte er nach dem Sparring mit dem Schweizer Erstligaabsteiger FC St. Gallen und lobte sich und einen Teil seiner Teamkollegen: „Wir haben es in der zweiten Hälfte deutlich besser gemacht als die Jungs in der ersten.“ In der Pause hatte Jürgen Klopp die Mannschaft komplett ausgewechselt. Nach dem Wechsel lief das Spiel wesentlich besser – auch dank Kehl.

Der Konkurrenzkampf um die Plätze in der Startelf ist entbrannt. Und Kehl, mittlerweile 31, mischt voll mit. „Ich will in die Mannschaft und werde alles dafür tun, um mich aufzudrängen“, sagt der WM-Zweite von 2002.

Nach fünf Jahren voller Verletzungen und Rückschlägen fühlt er sich wieder fit und gibt sich kämpferisch. Dies ist speziell in den Tagen von Bad Ragaz zu spüren. Im Schweizer Trainingslager geht Kehl voran. Er wirkt präsent, redet und gestikuliert viel auf dem Platz. Er benimmt sich wie ein echter Kapitän.

Seit drei Jahren ist der defensive Mittelfeldspieler Spielführer, doch fast genauso lange hinderten ihn immer wieder körperliche Probleme an der Ausübung seines Amtes. Besonders schlimm war es ausgerechnet in der vergangenen Saison, als Kehl nur wenig zum sensationellen Gewinn der Deutschen Meisterschaft besteuern konnte.

Ganze sechs Spiele konnte er absolvieren. Unmittelbar nach Saisonbeginn hatte er sich eine langwierige Verletzung zugezogen, es folgten mehrere erfolglose Wochen der Rehabilitation. Dann musste er sich erneut einer Knieoperation unterziehen.

Die Gelegenheit nutzten junge Spieler, um sich in den Vordergrund zu spielen. Sven Bender agierte fortan mit Nuri Sahin im defensiven Mittelfeld, und der 22-Jährige wurde schnell mehr als nur ein Platzhalter. Der kampfstarke frühere U21-Nationalspieler ergänzte sich gut mit dem spielstarken Sahin. Die Folge: Bender avancierte zum Publikumsliebling, im März absolvierte er gegen Australien sogar sein erstes Länderspiel.

„Ich habe mich dem Konkurrenzkampf immer gestellt und werde es auch diesmal tun“, sagt Kehl über seine Situation, macht jedoch keinen Hehl daraus, dass die vergangenen Jahre bei ihm auch psychisch Spuren hinterlassen haben.

Vor einigen Wochen erinnerte ihn eine Meldung zwangsläufig wieder an den Beginn seiner Leidenszeit: In Hasan Salihamidzic kehrt ausgerechnet der Spieler in die Bundesliga zurück, mit dessen Tritt am 11. August 2006 Kehls Elend begonnen hatte.

Die Knieverletzung, die er sich damals am ersten Saisonspieltag zugezogen hatte, als er mit dem BVB bei den Bayern angetreten war, sorgte dafür, dass er während der Spielzeit 2006/2007 nur einen Einsatz absolvieren konnte. Danach wechselten sich hoffnungsvolle Phasen und Rückschläge immer wieder ab, speziell in der Vorsaison. Es sei hart gewesen, die Entwicklung der jungen Mannschaft aus der Distanz zu verfolgen.

Während das Team von Erfolg zu Erfolg eilte, schuftete Kehl wieder einmal für sein Comeback. Während die Kollegen gefeiert wurden, kämpfte er für sich allein um die Fortsetzung seiner Karriere. „Das kostet Kraft, das zermürbt dich“, sagt er und gibt zu, zwischenzeitlich sogar gedanklich die Sinnfrage gestellt zu haben.

"Es läuft derzeit ganz gut"

Mittlerweile ist er so weit, dass sein Körper auch unter Belastung wieder zu funktionieren scheint. „Es läuft derzeit ganz gut, aber ich hoffe, ich kann das auch in einigen Wochen und Monaten sagen“, erklärt er. Manchmal neigt er noch dazu, etwas zu sehr darauf zu achten, dass ihm nichts passiert.

Als er am Dienstag im Training einen Schlag aufs Knie bekam, ließ er sich von den Physiotherapeuten einen kühlenden Verband anlegen. „Ein Vorsichtsmaßnahme“, sagt er. Diesmal war es eine unbegründete Befürchtung. Am Abend bot er im Testspiel eine gute Leistung, die auch Jürgen Klopp zur Kenntnis nahm.

Ob Kehl nach einer langen Leidenszeit noch eine reelle Chance beim BVB bekommen wird, hängt jedoch nicht nur von seinem Gesundheitszustand ab. Denn speziell in der vergangenen Saison hat sich die Hierarchie verändert.

Nicht nur Bender, sein Hauptkonkurrent im defensiven Mittefeld, auch andere junge Akteure haben sich in den Vordergrund gespielt. Mats Hummels beispielsweise, der eloquente Innenverteidiger, ist mittlerweile ein Wortführer. Er gilt, neben Roman Weidenfeller, der in vergangenen Spielzeit meistens die Binde getragen und auch am letzten Spieltag die Meisterschale entgegen genommen hatte, als aussichtsreicher Kandidat für die Rolle des Kapitäns.

Noch hat sich Klopp nicht entschieden, wen er zum Spielführer ernennen will. Vieles spricht dafür, dass Kehls Amtszeit bald zu Ende sein wird. „Ich bin in vergangenen Tagen oft darauf angesprochen worden“, so Kehl. Allerdings bislang noch nicht von Klopp.

Kapitänfrage noch offen

„Wenn sie im Verein der Meinung sein sollten, dass ein anderer diese Rolle ausfüllen soll, dann wird es so kommen. Ich habe da nichts zu entscheiden“, erklärt Kehl: „Aber ich über diese Funktion gern aus.“ Klopp fällt die Entscheidung offenbar nicht leicht. Im Trainingslager in Bad Ragaz, das am Samstag zu Ende geht, will er den Kapitän jedenfalls noch nicht benennen.

Kehl ist davon überzeugt, dass er dem Team noch helfen kann – mit Kapitänsbinde oder ohne. „Vor uns liegt eine Saison mit vielen Herausforderungen. Ich glaube, dass der eine oder andere Spieler mit Erfahrung für unsere junge Mannschaft wichtig sein kann“, sagt er selbstbewusst. Er ist sich bewusst, dass er möglicherweise vor dem wichtigsten Jahr seiner Laufbahn steht. Am Saisonende läuft sein Vertrag in Dortmund aus.