Fussball-WM

Japans Frauen haben gesiegt, mit oder ohne Titel

Die japanischen Fußballerinnen erkämpften sich Sympathie und Bewunderung. Die gezeigten Leistungen verbieten übliche Klischees.

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Wir bezweifeln, dass je eine Fußball-Nationalmannschaft einen so treffenden, poetischen Kriegs- und Kosenamen getragen wie das japanische Frauenteam bei der Fußball-WM: „Nadeshiko“ beschreibt die semiprofessionelle Damenliga in Japan. Und eine rosafarbene, krautige Nelkenart, die Botanikern als „Dianthus Superbus“ vertraut ist, „Pracht-Nelke“.

Die Spielerinnen tragen das Rosa als Zitat im Trikot, und ihre technisch und taktisch hochversierte Spielweise darf man prachtvoll nennen. Sie sind die kleinsten Spielerinnen, angewiesen seit je darauf, über sich hinauszuwachsen; sie sind die große Entdeckung dieses Turniers. Wenn die Deutschen schon niedergespielt werden, dann bitte von Nadeshiko. Wenn unsere Frauen schon ausgeschieden sind, dann sollen sie gegen die späteren Weltmeister verloren haben.

Selbst kleine Dinge können Hoffnung geben

Es gibt außerhalb der USA wohl wenige, die den Titel den Japanerinnen nicht gönnten. Ihr Banner am Spielende, das Japans Freunden in der Welt für den Beistand nach Beben, Tsunami und Reaktorkatastrophe des 11. März dankt, ist auf kitschferne Weise bewegend.

Über 20000 Menschen starben an jenem Tag, die Wunde wird noch lange schmerzen. Aya Miyama erzählte nach dem Deutschlandspiel davon, wie ein Video, das sie vor dem Spiel sahen, „uns tief in unseren Seelen“ berührte. Ihr Trainer Norio Sasaki hatte den Film zusammengestellt: Bilder aus dem Desastergebiet wechselten mit Spielszenen.

Am Ende füllte die Frage: „Was können wir nun tun?“ das Bild. Es gab Tränen, dann „Stabilität und Herz für das Match“ (Sasaki), endlich den Sieg. „Selbst kleine Dinge, wie ein Sieg, erklärte der Trainer, „können unseren Menschen Mut und Hoffnung geben.“

Nadeshiko hat sich Sympathie und Bewunderung erspielt

Mit Mitgefühl für die Menschen in der Heimat gewinnt man noch keine WM. Das prächtige an diesem Nelken-Team ist, dass es sich unsere Sympathie und Bewunderung erspielt und erkämpft hat; geschenktes Mitleid hatte es nicht nötig.

Nadeshiko spielte Gegner schwindelig, mit Selbstvertrauen und einer Lässigkeit, die man von Spielerinnen, die acht bis zehn Zentimeter kleiner sind als andere, nicht erwartet hatte. Die Sportleistungszentren in Japan seien erstklassig, heißt es.

Dort werde auch nicht gescheut, was Sportler und alle Jungen hassen: unendliche Wiederholungen derselben technischen Details, Abspiel, Ballannahme, Kurzpass-Spiel im Schlaf. Der Erfolg des Teams und Norio Sasakis, den die Frauen mögen und in der familiären Form „Nori-chan“ rufen, ist wohlgeplant.

Man erzählt, der Trainer vermeide Einzelkritik, mit der manche Spielerinnen nicht gut fertig würden, es sei immer das ganze Team, das versage und sich zu verbessern habe. Dass Sasaki in Pressekonferenzen „Frau Sawa“ und „Frau Kawazumi“ nennt, hat wenig mit übertriebener Höflichkeit und nichts mit Kälte zu tun. Es gibt in Japan engste Schulfreunde, die einander ein Leben lang beim Nachnamen nennen.

Die Verbeugung an der Seitenlinie beschreibt eine Haltung

Verwöhnt ist das Team nicht, weder vom Verband noch vom Publikum. Acht Stunden Zeitunterschied zu Deutschland sorgten für lausige Übertragungszeiten; um drei Uhr morgens gewinnt man wenige neue Fans. Erst seit dem Halbfinalsieg sind Japans Sportbars auch nachts belebt.

Die Männer erkennen an, dass das Nadeshiko-Team unglaublich laufstark, fair und unwehleidig spielt. Niemand fällt in Japan etwas darüber ein, wenn sich eine Spielerin bei ihrer Auswechslung an der Seitenauslinie noch einmal knapp verbeugt: Es ist eine Respektsgeste vor dem Gegner, den Kameraden, der Arena, die sie heraushebt.

Jeder Judoka oder Sumo-Ringer macht das; wir sehen es im Westen selten. Wir mögen es. Zumal es kein leeres Ritual ist, sondern eine Haltung beschreibt. Hatten wir schon erwähnt, dass „Nadeshiko“ schon in Gedichten aus dem 9. Jahrhundert gerühmt wird? In dem Wort steckt auch das sanfte Streicheln eines Kindes. Es klingt ungeheuer weiblich. Keine der taffen Fußballerinnen Japans findet das ehrenrührig.

Der übliche Metaphernverschnitt wurde verboten

Wir sind den Frauen des Nadeshiko-Teams dankbar, dass sie uns Journalisten den handelsüblichen Metaphernverschnitt für japanische Sportler und Künstler verboten: Dieses eine Mal konnte es keinen Kamikaze, Zen-Mönch, Samurai geben, nicht einmal Harakiri. Nicht, dass es an Klischees fehlte: wie oft man sie auch ohne Not und Sinn klein geschrieben, noch kleiner, winzig. Genug: Sie spielten überragend.

Sie wollen siegen, nicht nur für ihr Land, sondern für sich wie jeder Spitzensportler. Die japanische Liebe zum noblen Verlierer, der beinahe mehr verehrt wird als der Sieger, wird an Nadeshiko versagen. Diese Frauen, blühende Pracht-Nelken allesamt, haben gesiegt, mit oder ohne Titel.