Klitschkos Blitzsieg

War Solis zu dick und zu untrainiert für den Kampf?

Nach Klitschkos Drei-Minuten-Sieg stellen sich viele Fragen. Eine davon: Warum Solis so früh und in einer für ihn persönlich so dramatischen Manier scheiterte?

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Odlanier Solis ist viel herumgekommen im Leben. Aus seiner Heimat Kuba floh er vor viereinhalb Jahren über Kolumbien und die USA nach Hamburg. Bald darauf ließ er sich als Boxprofi in Miami nieder, die vergangenen Wochen brachte er im Trainingslager in Spanien zu. Vor einer Woche dann reiste der 30-Jährige nach Köln, wo er im Kampf seines Lebens Schwergewichts-Weltmeister Vitali Klitschko (39) entthronen wollte. Am Dienstag tritt Solis die nächste Reise an. Diesmal ist Bayern sein Ziel. Dort wird er in einer Spezialklinik an seinem schwer verletzten rechten Knie operiert.

Als er am Samstagabend nach seinem Technischen K.o. in Runde eins mit versteinerter Miene aus der Köln-Arena geführt wurde, ahnte Solis wahrscheinlich schon, was die Diagnose von Jörn Michael von der Kölner Uniklinik am Montag bestätigte: Er muss noch in dieser Woche operiert werden. „Ich habe beim Fallen sofort gemerkt, dass etwas kaputt war“, sagte Solis nach dem niederschmetternden Ergebnis der Arthroskopie. Eine Fortsetzung seiner Karriere als Berufsboxer erscheint angesichts der medizinischen Details (vorderes Kreuzband entfernt, Knorpelschaden von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks) mehr als fraglich.

Das bedeutet aber nicht nur für Solis einen schwer zu verdauenden Rückschlag, sondern auch eine ernst zu nehmende Gefahr für das gesamte Schwergewichtsboxen. Solis war einer von vielleicht drei oder vier Kämpfern, die die Dominanz des WBC-Champions Vitali Klitschko und seines Bruders Wladimir (34), IBF- und WHO-Weltmeister, hätten beenden können. Das scheint nun unwahrscheinlicher denn je. Es droht gähnende Langweile.

Die eine Frage ist, warum Solis so früh und in einer für ihn persönlich so dramatischen Manier scheiterte? Gerüchte über Knieprobleme bei dem Olympiasieger von 2004 gibt es schon länger, ein Teamsprecher bestätigte unmittelbar nach dem Kampf, davon gewusst zu haben. Promoter Ahmet Öner präsentierte am Montag gegenüber „Morgenpost Online“ eine andere Version: „Von konkreten Vorschäden weiß ich nichts. Der Junge hat alle unsere Medizinchecks bestanden, im Dezember hat er gegen Ray Austin über zehn Runden gekämpft wie ein Gesunder.“

Allerdings musste auch Öner zugeben, dass die Schwere der Verletzung auf frühere Probleme hindeuten könnte. „Die Jungs haben alle ihre Wehwehchen.“ Vor allem das hohe Körpergewicht, das der auch am Samstag nicht austrainiert wirkende Solis (112 Kilogramm) in den vergangenen Jahren mit sich herumgeschleppt hat, kann eine Überlastung für den empfindlichen Bandapparat im Knie bedeutet haben. Eine bewusste Inkaufnahme eines Verletzungsrisikos seines Kämpfers in dessen größtem und somit lukrativstem Kampf wies Öner jedoch zurück.

Weit kompliziertere Fragen aber lauten: Wer ist in der Lage, tatsächlich mit den Klitschkos auf Augenhöhe zu boxen? Wer steigt nicht nur mit ihnen in den Ring, um sich seine siebenstelligen Börsen abzuholen? Wer liefert ihnen jene Kämpfe, über die noch nach ihrem Karriereende gesprochen wird, die sie sich für ihre Legendenbildung sehnlichst wünschen?

Aus einem Trio, das die Hünen aus der Ukraine ernsthaft herausfordern könnte, ist Denis Boitsew (25) derjenige, der noch keine Rolle in der Planung des Klitschko-Managments spielt. Dem an den Hamburger Universum-Boxstall vertraglich gebundenen Russen, der 23 seiner 28 erfolgreichen Profikämpfe vorzeitig gewann, gehört aber zweifellos die Zukunft.

Bleiben noch zwei Kämpfer: Das britische Großmaul David Haye (30), die besondere Reizfigur für die Klitschkos. Der Champion der World Boxing Association (WBA) besitzt den letzten ihnen noch fehlenden WM-Gürtel. Und der aufstrebende Pole Tomasz Adamek (34), ehemals Weltmeister im Halbschwer- und im Cruisergewicht.

Die Fans können sich in Vorfreude wiegen. Nach Stand der Dinge werden sich die beiden einzig verbliebenen echten Rivalen als nächstes den Klitschkos stellen. Die Kampfverträge sind unterschrieben. Offen ist nur, welcher Klitschko boxt gegen wen.

Angedacht ist, dass Wladimir am 25. Juni oder 2. Juli auf Haye trifft. Sieben Länder – Deutschland, Russland, Vereinigte Arabische Emirate, Monaco, Schweiz, Südafrika und die USA – sind noch in der Verlosung um die Austragung des Superkampfes. Hierzulande bewerben sich die Fußballarenen in Gelsenkirchen, Düsseldorf und Frankfurt. Die Manager beider Boxer fliegen diese Woche nach New York, um die Verträge mit einem der renommierten US-Boxsender aufzusetzen.

In der dritten April-Woche soll laut Haye-Manager Adam Booth verkündet werden, wann und wo der Kampf stattfindet. Und in der ersten Mai-Woche müsse Wladimir bestätigen, ob er fit ist. Der Weltmeister laboriert noch immer an einer Bauchmuskelzerrung, die ihn unlängst zwang, die Titelverteidigung gegen den Briten Dereck Chisora abzusagen. Sollte er ausfallen, stände Vitali bereit, der ohnehin angekündigt hat, im Juni wieder boxen zu wollen.

Den Namen Adamek haben die Klitschkos für September auf ihrem Kampfplan. Der Vergleich steigt in einem der neuen Stadien für die Fußball-Europameisterschaft 2012. Vorausgesetzt der Schwergewichts-Neuling gewinnt seinen Kampf am 9. April in Newark/USA gegen den Iren Kevin McBride. Der 37-Jährige zählt zwar zur Kategorie Aufbaugegner, dennoch ist Adamek gewarnt: Immerhin schickte McBride vor sechs Jahren Ex-Weltmeister Mike Tyson durch einen Knockout in Rente.