Auf der Waage zu stehen gehört nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Odlanier Solis, das verrät schon sein etwas pummeliges Äußeres. Dennoch feierte der Kubaner am Freitag auf einem kargen Gewichtsmesser seinen ersten Sieg über Box-Weltmeister Vitali Klitschko. 112 zu 113,2 hieß es gestern beim offiziellen Wiegen in Köln, nachdem zuvor gemutmaßt worden war, Solis würde der schwerere der beiden Schwergewichtsboxer sein. Deshalb sind die 1200 Gramm Unterschied durchaus als Triumph für Solis zu sehen, ehe beide sich am Samstag (22.45 Uhr, RTL) wenige Meter rheinabwärts im Ring erneut gegenüberstehen. Den Wettquoten und so gut wie allen Experteneinschätzungen zufolge wird der Gewinner dann ein anderer sein.
Solis, 30, ist mit 1,87 Metern 13 Zentimeter kleiner als sein neun Jahre älterer Gegner, deswegen ist das mit dem Sieg auf der Waage so eine Sache. So sehr ein großes Körpergewicht die Wucht der Schläge erhöht, so sehr schränkt es Beweglichkeit und ist der Kondition abträglich. Solis ist Olympiasieger von 2004, dreimaliger Amateur-Weltmeister, Weltranglisten-Erster und verfügt außerdem über eine makellose Bilanz von 17 Siegen in 17 Kämpfen als Profi. Er hat bewiesen, auch gegen größer gewachsene Kontrahenten gewinnen zu können.
Sein Ruf ist der eines talentierten, allerdings nicht besonders trainingslustigen Lebemanns. Gestern bestätigte er diesen Eindruck, als er sich nur widerwillig aus seinem Trainingsshirt schälte und mit dicker Diamantkette vor den Fotografen posierte. Dennoch sagt Klitschko, gern auch ungefragt: „Solis ist Kubaner. Und Kubaner sind immer gefährlich. Er ist einer der stärksten Gegner, gegen die ich je geboxt habe.“ Soviel zur üblichen Rhetorik vor jedem Kampf.
Lobeshymnen hatte Klitschko auch vor seiner letzten Titelverteidigung auf Shannon Briggs gesungen – der kam allerdings nicht aus Kuba sondern aus New York und kassierte zwölf Runden lang eine solche Tracht Prügel, dass er danach auf der Intensivstation übernachten musste. Das Risiko für Klitschko, seinen WBC-Titel bei einer Niederlage zu verlieren, geht weniger von Solis‘ Fäusten aus, als von einem Schriftstück, das sein Bruder Wladimir vor zwei Wochen unterzeichnet hat.
Seitdem feststeht, dass es im Sommer zum lang ersehnten und oft ausgefallenen Mega-Fight zwischen David Haye und Wladimir Klitschko um insgesamt vier WM-Gürtel und eine kolportierte Börse von 25 Millionen Euro Börse kommen wird, rückt der Kampf des älteren der beiden ukrainischen Box-Brüder gegen Solis in den Hintergrund. Dabei birgt das heutige Duell eine enorme Gefahr für ihn: Sollte er gegen Solis verlieren, verliert er nicht nur seinen Gürtel, sondern vermasselt auch die prestige- und marketingträchtige Vereinigung aller WM-Gürtel im Hause Klitschko. Mit anderen Worten: Verliert Vitali gegen Solis, kann Wladimir im Sommer fünfmal gegen Haye gewinnen. Der Traum der Klitschkos, als erstes Bruderpaar der Box-Geschichte alle WM-Gürtel gleichzeitig zu besitzen, bliebe ein Traum.
Zwar wird Vitali Klitschko nicht müde zu betonen, dass seine „volle Konzentration allein dem Kampf gegen Solis“ gelte. Trotzdem setzen der Kubaner und sein Team um den umstrittenen Promoter Ahmet Öner auf mögliche Konzentrationsschwächen des 39-Jährigen und sehen ihre große Chance gekommen. „Vitali und sein Bruder haben so lange wie möglich versucht, einem Kampf gegen mich und David Haye aus dem Weg zu gehen, und haben erst zugestimmt, als es nicht mehr anders ging“, sagt Solis, der sich im Höhentrainingslager in Andalusien auf den Kampf seines Lebens vorbereitet hat. „Meine Werte unterstreichen meine Fitness und Spritzigkeit. Ich bin mir sicher, dass ich gewinne.“
Auch sein Promoter, der Solis‘ Flucht aus Kuba vor viereinhalb Jahren unterstützt haben soll, versichert, dass sein Schützling „die Welt von den Klitschkos befreien“ werde. Klitschko, der seit Jahren mit Provokationen aus allen Richtungen leben muss, konterte routiniert: „Ich werde die Welt von Ahmet Öner befreien.“
Am Freitag musste sich Solis‘ Trainer Pedro Diaz zunächst einmal aus den Fängen einer vertraglichen Absprache befreien. Bei der Auswahl der offiziellen Handschuhe für den Kampf am Samstagabend kam es plötzlich zu wildem Geschrei. Diaz vertreibt selbst eine eigene Handschuh-Marke und wollte seinen Schützling natürlich ungern in fremdem Material sehen. Als der Kampf vor einem Vierteljahr vereinbart wurde, hatten sich beide Lager aber auf einen anderen Hersteller geeinigt. Erst nach minutenlanger Auseinandersetzung einigten sie sich: Solis darf mit den gewünschten Handschuhen boxen – und feierte damit binnen einer Viertelstunde den zweiten kleinen, persönlichen Punktsieg.



