Dortmunds Japaner

Kagawa – Comeback im Kopf, Heimat im Herzen

Wie die Sorge um seine Landsleute nach der Katastrophe in Japan die Comeback-Pläne von Borussia Dortmunds Shinji Kagawa erschwert.

Foto: dpa / dpa/DPA

Mit der sprichwörtlichen Genauigkeit, die seinen japanischen Landsleuten nachgesagt wird, nimmt es Shinji Kagawa manchmal nicht ganz so genau. Nur 15 Minuten, hatte er angekündigt, werde er erst einmal laufen. So sei es in seinem Rehaplan vorgesehen. Doch als der japanische Nationalspieler und Publikumsliebling von Borussia Dortmund dann am Montag erstmals über die Rasenplätze des vereinseigenen Trainingsgeländes joggte, vergaß er die Zeit. „Das war ein Supergefühl“, sagte er anschließend und tat überrascht, dass es am Ende dann doch 26 Minuten geworden sind. „Naja“, ließ er Dolmetscher Jonpei Yamamiro übersetzen und wirkte ein wenig verlegen: „Ich muss mich wohl ein wenig zügeln.“

Doch das fällt Kagawa schwer. Er möchte „möglichst schnell“ wieder mit der Mannschaft trainieren und auch schon bald wieder spielen wollen, hatte er nach seiner Rückkehr aus Japan vor einer Woche gesagt. Noch im April wolle er sein Comeback in der Bundesliga geben.

Eine Prognose zwischen Optimismus und Utopie: Schließlich hatte sich der 22-Jährige, der in der extrem erfolgreichen Hinrunde die prägende Figur in der Offensive des Spitzenreiters war, erst am 25. Januar zum bereits zweiten Mal in seiner Karriere den Mittelfuß gebrochen. Die Saison sei für ihn gelaufen, hatte BVB-Trainer Jürgen Klopp damals prophezeit.

Dabei dürfte es, abgesehen vielleicht von ein paar Kurzeinsätzen im Mai, wohl auch bleiben. Die Schwere der Verletzung und die Vorgeschichte des Mittefeldspielers sollten ausreichen, um Klopp im Fall Kagawa besonders vorsichtig walten zu lassen. Und eigentlich, das ahnt Kagawa wohl auch selbst, wäre es richtig, nichts zu überstürzen.

Die Verletzung hätte ihn „überrascht“, seine Enttäuschung sei riesengroß gewesen, beschrieb er die erste Zeit nach jenem Halbfinalspiel beim Asien-Cup, als er sogar noch versucht hatte, durchzuspielen, obwohl er schon gespürt hatte, dass etwas „nicht in Ordnung“ sei. „Das ist wohl eine der Hürden, die man im Sportlerleben nehmen muss. Daran kann man wachsen“, sagte er und versprach, zukünftig „mehr auf seinen Körper zu hören“, damit es kein drittes Mal gebe. Das ist die rationale Ebene, auf der er seiner Verletzung begegnet.

Doch es gibt auch die emotionale Ebene. Und die ist geprägt von der Katastrophe in seiner Heimat. „Japan ist in großer Not“, hatte er gesagt, als vorirge Woche – auf eigenen Wunsch hin – eine Pressekonferenz gegeben hatte. Er hatte die Menschen in Deutschland aufgefordert, Japan zu unterstützen und auf eindrucksvolle Art und Weise geschildert, wie er selbst die Katastrophe erlebt hatte. Als am 11. März die Erde bebte, hatte er in einem Taxi gesessen, war von Yokohama nach Tokio gefahren.

Doch erst in den Folgetagen ist ihm das wahre Ausmaß des Bebens und des Tsunamis bewusst geworden. Er erinnerte sich an seine Teenagerzeit, als er in der Stadt Sendai gelebt hatte. Das Gebiet ist heute im Zentrum der Krisenregion. „Wir durchleben eine schwere Zeit und brauchen die Hilfe der ganzen Welt“, appellierte er.

Er berichtete auch davon, wie die Ungewissheit an seinen Landleuten genagt hatte, als die Informationen über das Ausmaß der Unfälle im Kernkraftwerk Fukushima in Japan nur spärlich an die Öffentlichkeit drangen. „Ich habe häufig mit meinem Berater Thomas Kroth und mit Jumpei Jamamori telefoniert“, sagte er. Dies sei für ihn hilfreich gewesen. Schließlich sei Deutschland ja bereits offen über die Gefahren berichtet worden, als in Japan noch versucht worden war, das wahre Ausmaß zu verschleiern. Dank der Informationen auis Deutschland hatte er aber schnell reagieren können und war von Tokio nach Osaka in den Süden gezogen. Dort setzte er seine Reha dann fort.

Wie es Kagawa derzeit, anderthalb Wochen nach seiner Rückkehr nach Deutschland, geht, ist schwer einzuschätzen. Er konzentriert sich ganz auf die Reha-Arbeit, die Aussicht auf ein Comeback hilft ihm offenbar, die Ereignisse in Japan zumindest phasenweise zu verdrängen. Seine Eltern leben in Kobe, 720 Kilometer von Fukushima entfernt, das beruhigt ihn.

Und er sagt, dass ihm die vielen Solidaritätsbekundungen aus der deutschen Fußballszene gut getan hätten. Ansonsten aber möchte er jetzt nur noch über ein Thema reden: Sein Comeback, wann immer es auch so weit sein wird. „Wenn es in den kommenden Wochen in Japan an den Wiederaufbau begehe, möchte ich durch den Menschen durch mein Spiel Kraft und Mut geben“, sagt er.