Van-Gaal-Nachfolge

Sammer, Veh und Jol als Bayern-Trainer im Gespräch

Freiwillig will Louis van Gaal seinen Stuhl beim deutschen Rekordmeister nicht räumen. Über seinen Nachfolger wird aber schon spekuliert.

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Nach drei Bundesliga-Niederlagen in Folge bleibt die Zukunft Louis van Gaal beim FC Bayern München ungewiss.

Video: Reuters
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Wo das Wissen endet, da deutet der Mensch. Einst wurde versucht, von der Kopfform auf die Intelligenz zu schließen – im 19. Jahrhundert war die Anthropometrie der letzte Schrei. Heutzutage bieten vor allem Frauenzeitschriften an, wahlweise anhand von Haustieren, Kleidung oder Haarschnitt den Charakter der Probandin zu bestimmen. Und über das Verhältnis der Nasenlänge eines Mannes mit anderen Körperteilen wurde ebenfalls schon ausgiebig gescherzt.

Bei Louis van Gaal wäre das nicht fair, schließlich ist seine Nase klein und etwas verbogen. Aber Korrelationen dieser Art wurden ja auch längst wissenschaftlich widerlegt. Hobbypsychologen könnten es aber mit seinem Auto probieren. Goldfarben ist der Audi, den der FC Bayern seinem Trainer zur Verfügung gestellt hat, und natürlich das größte Modell der Ingolstädter Autobauer. Mit diesem glänzenden Schlachtschiff rauschte der Niederländer gestern, 9.38 Uhr, auf das Trainingsgelände an der Säbener Straße.

Wie lange er den Wagen noch fahren darf, ist ungewiss. Denn selten war der deutsche Rekordmeister derart in Schieflage wie derzeit. Binnen anderthalb Wochen ist die Stimmung in den Keller gerauscht. Nach dem Achtelfinalhinspiel in der Champions League bei Inter Mailand, das die Münchner 1:0 gewannen, überschlugen sich die Ereignisse. Erst das 1:3 gegen Spitzenreiter Dortmund, das endgültige Ende der Münchner Meisterträume. Dann das Aus im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Schalke 04 (0:1). Und nun der Offenbarungseid gegen Hannover 96, mit dem die Münchner den Abstand zu den Champions-League-Rängen auf fünf Punkte anschwellen ließ. Mit einer indiskutablen Leistung verlor Bayern München 1:3 gegen die Niedersachsen, und der Branchenprimus bot dabei ein Bild des Jammers.

Dass in einem solchen Fall ein Mechanismus in Gang gesetzt wird, ist Münchner Naturgesetz. Während Sportdirektor Christian Nerlinger nach dem Spiel wortlos aus dem Stadion floh, rief Präsident Uli Hoeneß den Reportern immerhin einen Satz zu. Der hatte es allerdings in sich: „Man muss handeln und nicht reden.“ Sechs Worte, die für van Gaal nicht brisanter hätten sein können. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge nahm Hoeneß’ Vorlage auf: „Schlafen werde ich nicht, aber zumindest nachdenken“, sagte Rummenigge, angesprochen auf seine Nachtruhe. Es seien „katastrophale acht Tage“ gewesen, die in Hannover ihren unrühmlichen Höhepunkt gefunden hätten: „Was wir heute gespielt haben, das war der absolute Tiefpunkt der Saison“, sagte er und schob nach: „Ich bin angeschlagen, daraus mache ich keinen Hehl.“

Am Sonntag gingen dann die Dinge zunächst ihren gewohnten Gang. Die Spieler liefen von 12.00 Uhr an aus, nachdem sie zuvor mit van Gaal das Spiel des Vortages besprochen hatten. Während sie bei strahlendem Sonnenschein ihre Runde drehten, schaute der Trainer vom Fenster des Profitraktes aus zu. „Stand jetzt passiert nichts“, verkündete Mediendirektor Markus Hörwick.

Es passierte natürlich doch etwas. An einem geheimen Ort in München hatten sich die Vereinsoberen getroffen, um über van Gaal zu Gericht zu sitzen. Ihr Problem und die wichtigste Frage hatte van Gaal tags zuvor schon selbst formuliert: „Wer soll van Gaal nachfolgen? Das ist auch eine schwierige Frage.“

Namen machten die Runde. Übergangsweise könnte eine Doppelspitze aus dem derzeitigen Co-Trainer Hermann Gerland und Mehmet Scholl die Zeit überbrücken, bis ein neuer Trainer gefunden ist. Und dann? Matthias Sammer, derzeit noch Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), soll kontaktiert worden sein – er hatte vor kurzem dem Hamburger SV als Sportdirektor abgesagt. Sammer lebt mit seiner Familie in München, könnte zudem relativ unkompliziert aus seinem laufenden Vertrag beim DFB aussteigen. Auch Armin Veh und Martin Jol (früher HSV, derzeit vereinslos) sollen im Gespräch sein. Veh, der amtierende Trainer des HSV hat eine Option in seinem Vertrag, die eine Kündigung bis zum 31. Mai erlaubt. Seine Trennung von den Hanseaten gilt ohnehin als beschlossene Sache.

Das ist wohl auch die Liaison zwischen dem FC Bayern und van Gaal. Zwar wurde bis Redaktionsschluss kein Vollzug gemeldet. Doch der jüngste Absturz war zu heftig. Dabei schaffte der 59-Jährige in der vergangenen Saison das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg, in der Champions League scheiterte seine Mannschaft erst im Finale an Inter Mailand. Doch in dieser Saison gelingt es van Gaal scheinbar nicht, das hochkarätig besetzte Team zu motivieren. Dazu kamen taktische Fehler. So musste er gegen Hannover den völlig überforderten Linksverteidiger Holger Badstuber schon zur Pause vom Feld nehmen. Zudem erwies sich van Gaals Taktik mit viel Ballbesitz und hoher Querpassquote zuletzt als wenig effektiv. Die vergangenen drei Niederlagen resultierten auch daraus, dass die Gegner die Außenbahnstars Franck Ribery und Arjen Robben konsequent zustellten und das Bayern-Spiel so lähmten.

Der Kontakt zu den Spielern sei gut, betonte van Gaal auch nach dem Hannover-Spiel, und auch Kapitän Philipp Lahm versicherte: „Die Mannschaft steht zum Trainer.“ Allerdings ist van Gaals Verhältnis zu Präsident Uli Hoeneß seit Monaten belastet, seit der ihn im Fernsehen scharf kritisiert hatte.

Wie sagte van Gaal stets vor großen Spielen? „Tod oder Gladiolen“. Nach Blumen sieht es derzeit wahrlich nicht aus. Der FC Bayern wird sich wohl bald den 19. Trainer in seiner Bundesligageschichte suchen müssen.