Late night "Hart aber fair"

Fußball mit Testosteron-Monstern und Heulsusen

Die Affäre um schwule Schiedsrichter hat eine neue Debatte um den Männer-Sport Fußball entfacht. Dürfen Fußballer homosexuell sein – oder bedeutet ein Outing das Karriere-Aus? In Frank Plasbergs Sendung "Hart aber fair" diskutierten Schwule, Fußball-Fachleute und ein Mega-Macho.

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Irgendwie ist er ja süß mit seinem Hundeblick: Claude-Oliver Rudolph, der letzte auf zwei Beinen stehende Macho. Das sagt er über sich selbst. Rudolphs kleine Äuglein kommen zum Vorschein, sobald er die große Sonnenbrille abgenommen hat. Dann tritt auch das verschmitzte Lächeln des Schauspielers zutage.

Rudolph ist Kampfsportler und gibt sich als ganz harter Kerl – allerdings mit einer weichen Seite. Denn sein Nachbar in der Runde bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ bekommt reichlich Streicheleinheiten. Volker Beck sitzt neben dem Schauspieler. Beck ist erster parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Bundestag und bekennender Homosexueller.

Und gegen schwule Politiker hat Rudolph auch nichts einzuwenden – außer vielleicht gegen Guido Westerwelle. Aber auf dem Fußballplatz haben Schwule nichts zu suchen, sagt er. „Für den Sport fehlt ihnen der Killer-Instinkt“, argumentiert der Schauspieler – und das mit Westerwelle habe eh andere Gründe.

Auf jeden Fall mag Rudolph Westerwelle nicht, aber nicht wegen dessen sexueller Neigung. Schließlich habe auch Berlin mit Klaus Wowereit einen schwulen Regierenden Bürgermeister. Auch Ole von Beust in Hamburg mache einen guten Job. „Als Bundesliga-Profi erwarte ich aber ein testosteronwandelndes Monster“, sagt Rudolph und bei Schwulen gebe es eben eine „biochemische Verschiebung“.

„Elf Freunde sollt ihr sein – Aber bitte ohne Anfassen“, nennt Frank Plasberg seine aktuelle Ausgabe von „Hart aber fair“. Und nach dem Fußball-Krimi Bayern München gegen Schalke 04 im DFB-Pokal Halbfinale dürften noch viele Fußball-Fans auch nach dem knappen Bayern-Sieg in der Verlängerung vor dem Fernseher sitzen geblieben sein.

Offenbar gilt Fußball immer noch als Männer-Sport, in dem die Spieler eben ganze Kerle und keine Weicheier sein dürfen. Es ist nur wenige Monate her, da hat sich Nationaltorwart Robert Enke von Hannover 96 das Leben genommen. Er wollte seine Schwäche, die Depressionen, nicht öffentlich machen – aus Angst vor den Reaktionen seines professionellen Umfelds.

Ex-Fußballer Marcus Urban weiß sogar, wie man seinen Gegner beleidigt: „Schwule Sau habe ich Gegenspieler beschimpft“, erzählt er im Studio. Das habe gesessen. Und es hat den Ex-Spieler von Rot Weiß Erfurt geschmerzt, denn heimlich fühlte er sich schon seinerzeit von Männern angezogen. Ihm ist klar gewesen: „Ich bin schwul.“

Letztlich hat Urban das Versteckspiel nicht mehr ertragen und seine Fußball-Stiefel an den Nagel gehängt. Dabei begann die Karriere des jungen Marcus Urban vielversprechend. Er war sogar im Kader der DDR-Jugend-Nationalmannschaft und galt als sehr talentiert. „Ich habe ein hartes Auftreten gezeigt, um meine Neigung zu vertuschen“, sagt er. Urban erntet einen Hundeblick von Rudolph.

Dabei gibt es auf den Fußball-Plätzen der Nation genug Heulsusen, wie die „Hart aber fair“-Redaktion mit Fotos belegt. Da sind zum Beispiel Rudi Völler und Andy Brehme Arm in Arm zu sehen. Brehmes Mannschaft hat gerade den Abstiegskampf verloren. Das war 1996. Für Trainer Peter Neururer war die Zeit damals erfreulicher.

Er vergoss Freudentränen, denn während Kaiserslautern in die zweite Liga verbannt wurde, stieg er mit seinem 1. FC Köln auf. Neururer ist übrigens bekennender Heterosexueller. „Aber ich laufe nicht damit herum und erzähle es jeden Tag“, sagt er mit ironischem Unterton.

Der Bundesliga-Trainer sagt: „Auf dem Platz zählt Leistung und nicht die sexuelle Neigung.“ Allerdings hat er in seiner 20-jährigen Karriere noch keinen schwulen Spieler getroffen – zumindest keinen, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat.

Volker Beck hat sich 2006 öffentlich in Moskau zu seiner Neigung bekannt – und Prügel bezogen, im wahrsten Sinn des Wortes. Verletzt ist er dann in Polizei-Gewahrsam gekommen. „Selbst in Deutschland kann es passieren, dass Schwule angegriffen werden, wenn sie in der Öffentlichkeit zärtlich miteinander umgehen – auch in Köln“, sagt er.

„Na, in Köln nicht gerade“, antwortet Rudolph und tätschelt ihm die Schulter. Plasberg reagiert: „Wir finden Sie es eigentlich, dass Sie andauernd von Herrn Rudolph angetoucht werden?“, fragt er. Beck kontert: „Es erotisiert mich nicht gerade.“

Wenig später hat auch Beck Streicheleinheiten für den Macho mit der Knubbelnase und dem Narbengesicht übrig: Als Rudolph jammert, nach dem Tod von Charles Bronson und dem Schlaganfall von Jean Paul Belmondo sei er der letzte seiner Art.

Ausgelöst hat die aktuelle Debatte um schwule Spieler die Affäre um den Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell, der nach Bekanntwerden der Vorwürfe vom DFB gefeuert worden ist. Angeblich hat er sich Schutzbefohlenen wie dem jungen Schiedsrichter Michael Kempter genähert – gegen dessen Willen.

Und genau da liege auch der Unterschied zwischen Amerell und möglichen schwulen Spielern, sagt der Journalist und Fußball-Moderator Johannes B. Kerner: „Amerell ist nicht wegen seiner Neigung gefeuert worden, sondern wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung.“

Kerner geht davon aus, dass die Zeit noch nicht reif dafür ist für das Outing schwuler Spieler. Er sagt: Es sei auch nicht zielführend, wenn sich ein Spieler allein an die Öffentlichkeit wagt, es müsste schon eine Gruppe sein.

Und was macht Claude-Oliver Rudolph? Der will sich bei einer DFB-Tagung zum Thema schwule Fußballer ein Doppelzimmer mit Marcus Urban teilen – um die ganze Nacht lustige Geschichten auszutauschen.