Schiedsrichterskandal

Amerell attackiert Zwanziger – "Geht über Leichen"

Manfred Amerell hat DFB-Präsident Theo Zwanziger erneut einseitige Aufklärung im Schiedsrichterskandal vorgeworfen. "Das ist die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens, dass ein Präsident mit so viel Erfahrung rücksichtslos über Leichen geht", sagte der 63-Jährige, dem nun eine Klage vom DFB droht.

Foto: dpa/Bongarts/Getty Images

Die Schlammschlacht im „Fall Manfred Amerell“ hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Amerell beschuldigte DFB-Präsident Theo Zwanziger am Mittwoch öffentlich der Günstlingswirtschaft. Der DFB kündigte daraufhin an, gegen den 63-Jährigen Strafanzeige wegen übler Nachrede und Verleumdung zu stellen.

Amerell beschuldigte den DFB-Boss, einen Schiedsrichter aus Zwanzigers Heimatort Altendiez in die Bundesliga gehievt zu haben. „Es wurde ein Schiedsrichter nach oben katapultiert, der nach den Beobachtungskriterien nicht an erster Stelle stand. Er stand punktgleich an vierter Stelle mit einem weiteren Schiedsrichter. Es gab also noch drei vor ihm. Ich stelle mir die Frage, ob Zwanziger die ganze Wahrheit sagt. Er hätte sagen müssen, mein Schiedsrichter aus meinem Verein ist in die Bundesliga genommen worden, obwohl er nicht an erster Stelle stand“, sagte Amerell im DSF.

Die Reaktion des DFB folgte prompt. „Mit seinen neuesten Äußerungen in den Medien ist Herr Amerell endgültig zu weit gegangen. Der DFB wird dem medialen Rachefeldzug nicht weiter tatenlos zusehen und auf die beleidigenden Aussagen mit Strafanzeigen wegen übler Nachrede und Verleumdung reagieren“, hieß es in einer DFB-Stellungnahme. Zuvor hatte der DFB bekräftigt, dass der Schiedsrichterausschuss am 9. Januar 2010 einstimmig beschlossen hatte, den Schiedsrichter für die Bundesliga vorzuschlagen.

Amerell warf Zwanziger außerdem vor, den Behauptungen eines Schiedsrichters, Michael Kempter habe sich ihm nach einem Spiel am 13. Mai 2009 „genähert“, nicht nachgegangen zu sein. „Hier hätte das Vorgehen aufgeklärt werden müssen. Ich kenne die Aussage des Schiedsrichters“, sagte Amerell weiter.

Die Angelegenheit dürfte den DFB noch länger beschäftigen als ihm lieb ist. Unterdessen soll das in Verruf geratene DFB-Schiedsrichterwesen reformiert werden und so verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. „Es wird ein frischer Wind wehen. Wir stellen auf Teamarbeit um. Unser Maßstab bei der Ausarbeitung der Leitlinien für eine Neustrukturierung waren Transparenz und Unabhängigkeit“, sagte der designierte neue DFB-Refereeboss Herbert Fandel und erklärte: „Für die Leute von außen und auch die Schiedsrichter selbst muss vieles durchsichtiger werden.“

Der frühere Fifa-Schiedsrichter Fandel wird die Beschlussvorlage am Freitag bei der mit Spannung erwarteten DFB-Präsidiumssitzung (11.00 Uhr) in Frankfurt präsentieren.

Doch angesichts der neuerlichen Giftpfeile gehen die Reformpläne unter. Bereits in der Sport Bild hatte Amerell scharf gegen Zwanziger geschossen: „Ich werde nie kapieren, dass sich ein Mensch zu so was erdreistet, dass nur einseitig aufgeklärt wird. Das ist die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens, dass ein Präsident mit so viel Erfahrung rücksichtslos über Leichen geht.“

Amerell betrachtet das Vorgehen Zwanzigers als Rachefeldzug. Grund dafür soll ein Vorfall vom 31. Januar 2002 sein. „Irgendwann ist es unter Zeugen in eine Tonart ausgeartet, wo wir Schiedsrichter uns sagten, das lassen wir uns nicht mehr bieten. Da sagte ich: 'Passen sie mal auf, Herr Zwanziger, so können sie mit ihren Angstellten im Hause hier reden, das werden die sich gefallen lassen. Mit mir reden sie so nicht.' Das hat er mir nie vergessen“, berichtete Amerell.

Der DFB wies die Kritik zurück: „Jeder, der unseren Präsidenten und sein aufrichtiges Engagement für einen werteorientierten Sport kennt, kann bei solchen Äußerungen nur fassungslos den Kopf schütteln. Letztendlich disqualifiziert sich Herr Amerell durch derart niveaulose Aussagen nur noch mehr“, sagte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach.

Möglicherweise wird bei den Schiedsrichtern das rigide Benotungssystem abgeschafft und durch nachhaltigere Bewertungsformeln wie Stärke-Schwäche-Profile ersetzt. Zudem ist offenbar eine Reduzierung der Einsatzprämien bei gleichzeitiger Einführung eines festen Grundgehalts im Gespräch. Derzeit kassiert ein Unparteiischer pro Bundesliga-Einsatz 3800 Euro.

Auch der wegen seines Krisenmanagements im Sitten-Skandal in der Kritik stehende Zwanziger fordert ein Umdenken. „Entscheidungen wie zum Beispiel Ansetzungen müssen von Gremien nachvollziehbar sein“, sagte Zwanziger und denkt dabei auch an regelmäßig „wechselndes Personal“, um allzu routinierte Abläufe zu vermeiden.

Die Reform ist auch für den dreimaligen Weltschiedsrichter Markus Merk ein absolutes Muss. „Der international große Status der deutschen Unparteiischen ist beschädigt. Das Ausland ist hellhörig geworden. Nach so einer Geschichte bleibt immer ein Makel“, sagte Merk.

Das 20 Blatt starke Reformpapier hatte Fandel in den vergangenen Wochen mit DFL-Schiedsrichter-Experte Hellmut Krug und Lutz Michael Fröhlich, dem Abteilungsleiter des DFB-Schiedsrichterwesens, erarbeitet. Den Schaden, den der „Fall Amerell“ hinterlassen hat, bewertet Fandel als „ganz schwer“. Deshalb müsse man jetzt dafür sorgen, „dass man das ganze auf vernünftige Beine stellt. Damit endlich wieder über Fußball gesprochen wird.“

Wohl schneller als erwartet wird Fandel sein Amt als neuer Chef des DFB-Schiedsrichterausschusses antreten können. Der derzeitige Amtsinhaber Volker Roth beteuert zwar weiter, er habe sich im „Fall Amerell“ nichts zuschulden kommen lassen. Trotzdem wird spekuliert, dass der 68-Jährige am Freitag zurücktreten könnte.